Bohème radikal brach am 2. März 1999 über den gutbürgerlichen Kanzleirat am Englischen Garten herein, als ich dort für mich und meine KünstlerkollegInnen einen “Stammtisch für Medien, Kunst- und Kulturschaffende, Paradiesvögel & Co.” ins Leben rief. Schwer zu glauben, dass daraus jene Kulturplattform jourfixe-muenchen erwachsen ist, die auf Facebook, am morgigen 28. September 2020, gemeinsam mit dem Münchner Volkstheater, als Veranstalter einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde “Kultur in der Krise” auftritt, die unser jourfixe-Mitglied Katrin Neoral, gemeinsam mit Sängerin Anamica Linding initiiert hat. Hiermit erfüllt sich aufs Allerfeinste die Rolle der Kulturplattform jourfixe-muenchen als Tool zur Unterstützung und Präsentation der unterschiedlichsten Projekte unserer Mitglieder, sowohl, wie in diesem Fall, in kulturpolitischen, wie auch in künstlerischen Zusammenhängen. Der Weg bis hierhin, wen wundert’s, war lang, steinig, wechselhaft und ist, in Bezug auf die Ziele, die mich angetriebenen haben, noch nicht beendet. Aber aus Anlass der Volljährigkeit meiner Vision einer Kulturplattform, werfe ich jetzt einmal diesen berühmt-berüchtigten Blick zurück nach vorne … der Jubiläen zu prägen pflegt:

2. März 1999: Stammtisch für Medien, Kunst- & Kulturschaffende, Paradiesvögel & Co

Kanzleirat im Lehel, ab 2. März 1999 Wiege des jourfixe-muenchen

Perma-kiffende Millionäre mit einem Hang zu Rock-Sessions mischten sich dort mit Lokalmatadoren der letzten verbliebenen Musikclubs, frischgebackene HFF-Absolventen, wie der Schweizer Filmemacher Aldo Gugolz und die leider an sich selbst gescheiterte und zu früh gestorbene, geniale Chansonsängerin Susan Avílès gaben sich die Klinke in die Hand und zu später Stunde gesellte sich Jazzgeiger Hannes Beckmann dazu und gab einer jungen Kollegin Musiker-Tipps frei Haus, im Schlepptau die damalige Pressechefin des Heyne-Verlags. Immer mit dabei auch Maschenka, die kreativ durchgeknallte drastische Feministin, Performance-Künstlerin und Ikone der Münchner Lesben-Szene. Wer mochte, konnte akustisch eine kleine Musik-Einlage zum besten geben, ab und an wurde auch gejammt, kurzum, der Stammtisch brummte. So sehr, dass uns der inzwischen verstorbene Kabarettist Helmut Ruge beehrte und mir aus unerfindlichen Gründen vorwarf, Künstler auszunutzen, weil sie bei meinem Stammtisch umsonst auftraten. Auch seitens der Lokalbetreiber erntete ich nicht lange Lorbeeren:  Was auch immer sich die Wirte unter einem Künstlerstammtisch vorgestellt hatten, dieser hier entsprach nicht ihren Vorstellungen: Zu durstig und somit zu arbeitsintensiv und lärmend. Kurzerhand generierte die Songwriter-Fraktion das “Pst”-Lied. Als dann auch noch die Stammgäste begannen, die Veranstaltungsreihe zu sabotieren, weil sie sich überrollt fühlten, beschloss ich den geordneten Rückzug anzutreten und uns eine neue Bleibe zu suchen.

 

Jour Fixe im Nachtcafé: 12. September 1999 bis Oktober 2002

Kontrastreicher Jour Fixe im Nachtcafé: Hinten links eine Akkordeonistin aus New York, rechts GREGORIS, der virtuose Bouzouki-Solist von Theodorakis (“Theodorakis-Trilogie”), daneben ein Butoh-Tänzer, vorne re. der anarchistische Liedermacher Pedro Soriano, Mitte: Die berühmte Schwabinger Gisela, links Ur-Faust-in-Allen-Rollen-Darsteller: Michael Lieb, daneben, stimmgewaltig, Sängerin Conny Kreitmaier

Eine Weile grübelte ich, wo in München am früheren Abend wenig los und viel Platz sei und mir fiel nur das Nachtcafé ein. Zu dem Zeitpunkt galt das Lokal als Promi-Treff und absoluter Hotspot in der Clubszene und Wirt Wolfi Kornemann schon damals als Legende. Doch seit jeher denke ich lieber eine Nummer größer, wenn ein Plan konzeptionell sinnvoll erscheint und Wolfi wiederum erwies sich als einer der offensten und tolerantesten Menschen, die mir je begegnet sind, und der nie in Kategorien dachte. Ihm gefiel mein Anliegen, einen “Jour Fixe” (der Begriff “Stammtisch” erschien mir für einen Club dieser Liga unpassend) in seinem Lokal zu eröffnen und zweimal im Monat sein allabendliches Entertainment-Angebot, Livemusik ab 23 Uhr, mit einem Kultur-Angebot am früheren Abend zu ergänzen. Bereits Mitte September 1999 fiel daher der Startschuss für den Jour Fixe im Nachtcafé, der schnell einen gewissen Kultstatus erlangte, was vor allem daran lag, dass Wolfi meiner Kultur-Anarchie freie Bahn ließ.

Maria Maschenka präsentiert Fraktalkunst im CD-Rom-Kleid; Jour Fixe im Nachcafé, Juli 2000

 

Mein Credo lautete und lautet immer noch, dass Kunst und Kultur kreativer Reibung bedürfen, um neue Impulse freizusetzen. Also kombinierte ich von Anfang unterschiedlicheste Kunst- und Kulturfraktionen in kontrastreichen Programmblöcken. Faszinierend beispielsweise das Projekt von Richard Ames, Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde Graz und des Werbefotografen Thomas von Salomon. Letzterer übersetzte alttestamentarische Zitate in die Sprache moderner Werbefotografie, die Richard durch die entsprechenden hebräischen Lieder und theologische Interpretationen ergänzte. Oscar-Gewinnerin Caroline Link eröffnete einen Tanztheater-Abend mit einem inklusiven Esemble aus Hörenden und Gehörlosen und ein anderes Mal gab der spanische Liedermacher Pedro Soriano sein anarchistisches Credo musikalisch zum Besten.

Einer der beiden Jour Fixe im Monat war stets einer Vernissage gewidmet, bei der ich das Rahmenprogramm derart gestaltete, dass es die jeweilige Ausstellung thematisierte und so verhinderte, dass die Exponate zur reinen Staffage für Prosecco-Defilés im coolen Club verkamen. Dabei suchten Wolfi und ich nach ausgefallenen Ausstellungen, vom Stil oder Material her, wie Fraktalkunst aus dem Internet oder die gelungenen Artefakte aus Alteisen, die Haindling Schlagzeuger Enderlein, mit Frau Elisabeth präsentierte und uns darüber hinaus auch noch eine Ausstellung kubanischer KünstlerInnen organisierte. Eines Abends tummelte sich auch die Graffitti-Szene zwischen konsternierten Gästen vor und im Lokal, mit so durchschlagendem Erfolg, so dass die SZ einen Beitrag mit “Graffiti-Künstler entern das Nachtcafe überschrieb. Tatsächlich lieferten sich vor dem Lokal Hiphopper mit Türstehern ein kleines Handgemenge … Kreative Reibung halt … 😉

AZ, Februar 2001, Ausschnitt eines ganzseitigen Artikels

Dank der kontinuierlichen Präsenz in der Münchner Presse florierte der Jour Fixe fröhlich vor sich hin, während anderweitig plötzlich noch mehr Jour Fixes, mal mit “e”, mal ohne à la Maggi Fix, gefühlt wie die Champignons, aus dem urbanen Trottoir schossen. Selbst einige meiner konzeptionellen Formulierungen, wie die berühmte “kreative Reibung” fand ich in den Presse-Erklärungen anderer VeranstalterInnen wieder. Ganz unerwartet brach dann das AUS über mein kulturelles Shangrila herein, als mich meine Tochter eines Sonntag Morgens jäh aus dem Schlaf riss: “Du stehst besser auf und holst Deine Sachen aus dem Nachtcafé, bevor die in der Konkursmasse landen. Der Laden ist dicht.” Und während ich noch hektisch im Lokal meine Habseligkeiten zusammenpackte und der Zeichner seine “Mozart”-Ausstellung abhängte, kam gefühlt aus allen Ecken die Presse herbei gestürzt. Das erste und letzte Mal, dass ich mich, mit düsterer Miene, auf dem Titel einer Zeitung (TZ) wiederfand.

Der letzte Jour Fixe im Nachtcafé gestaltete sich rund um eine Ausstellung zu Mozart und seinem Requiem. Es sollte auch zum Requiem des Jour Fixe im Nachtcafé werden … ; Herbst 2002

Was folgte, waren zunächst tagelange Schlagzeilen, gefolgt von der schmerzlichen Erkenntnis, dass der im Nachtcafé erlebte Presse-Hype keineswegs meinem Programm-Konzept geschuldet war, sondern offensichtlich nur der Prominenz der Spielstätte. Die Artikel blieben fortan weitestgehend aus, der Name “jourfixe” jedoch haften. Obwohl er keinen Sinn mehr machte, denn die Veranstaltungen fanden schon bald in keinem festen Turnus, also keineswegs mehr “fixe” statt. Lediglich die Schreibweise änderte ich in jourfixe-muenchen und setzte den erläuternden Begriff “Kulturplattform” vor den nunmehr sinnentleerten Namen. Die einzige Steigerung, die der jourfixe-muenchen in jener schwierigen Zeit nach der Nachtcafé-Pleite erfuhr, war die der kreativen Reibung, denn mit dem Umzug ins Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz, mit dem das Nachtcafé, auf meine Initiative hin, bereits beim Festival Türkischer Oktober 2001/2002 kooperiert hatte, gelangte unser damals noch fröhlich subversiver Haufen in ein wesentlich konservativeres Umfeld.

 

Einzug ins Künstlerhaus am 12. März 2003 mit der Bohème-Nacht

Gedränge im Foyer, zur BOHEME-Nacht im Künstlerhaus

Comic-Slam im Foyer zur Bohème-Nacht

Die Hausherren der altehrwürdigen Künstlergesellschaft der Allotria spielen sich selbst auf der Bühne im Festsaal des Künstlerhauses zur Bohème Nacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Einstand sollten die Münchner Bohème-Nächte neu erweckt und dazu alle Spielstätten im historischen Künstlerhaus mit KünstlerInnen und Acts unterschiedlichster Couleur bespielt werden. Das Konzept ging jedoch nur zum Teil auf. Der damalige Künstlerhaus-Geschäftsführer, Graf Castell unterhielt sich zwar angeregt mit dem Punk-Künstler DON CHAOS, während dessen bunt behaarte Gefolgschaft mit einigen KünstlerInnen aus meinem Umfeld ein ironisiertes Würfelspiel “Busch gegen Schurkenstaaten” ausprobierte, doch die intellektuelle Alt-68er Künstlerfraktion verstand sich überhaupt nicht mit der Punkt-Fraktion und die Nachkommen der Allotrianer erster Stunde schon gar nicht mit den Comic-ZeichnerInnen, obgleich sich Wilhelm Busch, als Allotrianer und Ur-Vater aller satirischen Zeichner als gemeinsamer Nenner angeboten hätte ..

Punk-Künstler Don Chaos

Ganz und gar nicht gut bei der illustren Künstlerhaus-Stiftung kam die Maschenka-Show im Festsaal an, insbesondere, als Maschenka in offener Lederjacke und mit nur einem schwarze Spitzen-BH darunter, flötete: “Küsse mich und schlage mich, denn ich bin die beste SM-Lesbe“. Hört sich im Nachhinein zwar lustig an, in meiner damaligen Haut möchte ich aber kein zweites Mal mehr stecken, kreative Reibung hin oder her. Selten habe ich so deutlich erlebt, dass Offenheit und Künstlertum einander keineswegs zwingend einschließen, Offenheit und kulturelle Institutionen auch nicht …

Es wurden dann immerhin sechs Jahre, die der jourfixe-muenchen im Allotria-Keller des historischen Münchner Künstlerhauses verbrachte, ab 2007 getragen durch den  Förderverein “jourfixe-muenchen e.V.”: Dessen Mitglieder decken einen gezielt breiten Querschnitt an Bereichen von Kunst und Kultur ab. Sie zeichnen sich durch Vielseitigkeit aus, durch konzeptionelle u/o biografische Besonderheiten und vielfach auch durch Engagement auf kultureller u/o kulturpolitischer Ebene. Ausgewählt wurden die Mitglieder bislang von mir, in Absprache mit dem Vorstand, vor allem in Hinblick auf vielversprechende Synergien untereinander, dem Austausch von Know How und Ausbau des Netzwerks. Unser Mitglied Angelica Fell, Leiterin der inklusiven Freien Bühne München bezeichnete uns einmal als “Selbsthilfegruppe für Kunst- , Kultur- und Medienschaffende”. Stimmt! Bei uns ging es nie darum, Mitgliederzahlen zu steigern, sondern vielmehr darum, MitstreiterInnen zu gewinnen, die sich gegenseitig unterstützen, inspirieren und manchmal auch einfach nur gegenseitig auffangen und trösten. Insofern versteht sich die Kulturplattform jourfixe-muenchen auch als künstlerisches Biotop.

 

Ab 2004 jourfixe-Produktionen (jourfixe-Collagen/Historicals) nach eigenem Konzept

 

In Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten Jon Michael Winkler gingen wir allmählich dazu über, unser Programm durch Eigenproduktionen zu ergänzen. Dabei kam uns entgegen, dass sich im Souterrain des Münchner Künstlerhauses ein eigenständig geführtes Tonstudio, das Artist Studio unseres Ehrenmitglieds Peter Lang befindet, welches auch für Jon Michael Winkler und mich in Folge zur Arbeitsstätte unserer Produktionen wurde. In diesen verbanden wir Anspruch und Unterhaltung, Emotionen und Informationen sowie Live-Darbietungen und Multimedia-Elemente zu  jourfixe-Collagen/”Historicals”.

Aufnahmen im Artist Studio zu “Marktplatz-Moritaten”, 2005, hinten Mitte: Naomi Isaacs, vorne Gaby dos Santos

 

 

 

An der Schnittstelle zwischen Kultur-Establishment und Freier Szene

jourfixe-Historical “Der Park des Medici”, Bayer. Nationalmuseum, Open Air Aufführung im Kanonenhof, 2004

 

Ab 2009 begab sich die Kulturplattform jourfixe–muenchen auf einen bis heute andauernden Streifzug durch die Münchner Kulturlandschaft, mit wechselnden Veranstaltungskulissen und Kooperationen. Obgleich alles andere als pflegeleicht in der Handhabung, blieben wir Mitglieder dem Ur-Prinzip treu, bei den jourfixe-Veranstaltungen künstlerische und kulturelle Begegnungen zu fördern, eingeschlossen solche, die sonst eher nicht stattfinden würden. Ziel war und ist eine stärkere Durchlässigkeit zwischen Freier Szene und Kultur-Establishment, wie sie auch Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen begonnen hatte. Meiner Meinung nach vermag die Freie Szene jene wunderbar archaischen Impulse zu vermitteln, die für das Erarbeiten neuer Ausdrucksformen unverzichtbar sind. Dazu  bedarf es jedoch der Bereitschaft, auch mal einen genialen Flop zu riskieren und genügend Selbstvergessenheit, um den Kult um die eigene – natürlich herausragend professionelle – Künstlerschaft auch mal beiseite zu schieben 😉 Das jedoch kann nur funktionieren, wenn es nicht allzu viel zu verlieren gibt. Hier liegt die große Chance der Freien Szene, die ich auch gerne als “Vogelfreie Szene” bezeichne (in Anlehnung an den Bann in die Rechtslosigkeit früherer Zeiten): Sie kann sich Experimente und die damit verbundenen Risiken viel eher leisten, als die kostspielig budgetierte Hochkultur, mit Stars auf dem permanten Präsentierteller der großen Öffentlichkeit. Dafür steht hier ein Apparat zur Verfügung, von der unsereins nur träumen und sich zu kreativen Alternativlösungen inspirieren lassen kann.

Foto-Projektion von Werner Bauer aus der jourfixe-Adaption “Kein Applaus für Podmanitzki“, nach Ephraim Kishon, Jüdische Kulturtage 2006

Dabei steht die künstlerische Arbeit der Freien Szene der des Kulturestablishments häufig in keiner Weise nach; sie gestaltet sich nur anders. Doch oft fehlt es hier an Selbstbewusstsein, solcherart Anerkennung auch einzufordern. Und so verpufft ihr Bühnenzauber vielfach an der Arroganz und Kurzsichtigkeit so mancher Arrivierten, die darüber hinaus, bei den sowieso seltenen Kooperationen, im Zweifelsfall ihre Position der Macht auch ausspielen …

Darüber hinaus besteht erheblicher Nachbesserungsbedarf, sowohl was Förderkriterien anbelangt, wie auch in Bezug auf die enorme Diskrepanz zwischen den finanziellen Zuwendungen für die Freie Szene und denen für die Hochkultur. Diesbezüglich erhoffe ich mir von unserer Kulturplattform in Zukunft verstärkt kulturpolitisches Engagement.

Ab 2014 wachsende Präsenz, durch den jourfixe-Blog und die Sozialen Netzwerke,
für die Aktivitäten unserer kunst- und kulturschaffenden Mitglieder

Mein persönlicher Einsatz und das daraus resultierende Konzept der Kulturplattform jourfixe-muenchen galt und gilt seit jeher den vielen herausragenden Bühnenmomenten und Künstlerpersönlichkeiten, die in der Freien Szene bislang meist zeitlebens eher im Abseits blühen, NUR weil sie nicht über die finanziellen Möglichkeiten für Werbung und presserelevante Spielorte verfügen!!! Bei den Jour Fixe im Nachtcafé war es mir für einen Augenblick gelungen, auf Grund der Prominenz der Spielstätte, für die Darbietungen der KünstlerInnen, durch den umfangreichen Pressespiegel, viel öffentliche Aufmerksamkeit zu erwirken. Danach fanden wir, wie viele andere Freie Künstlergruppen, in den Medien nur noch marginal statt, denn verständlicherweise wendet sich die Berichterstattung, bei knapper werdendem Platz für Kultur in den Zeitungen, vorrangig den Veranstaltungen in großen Häusern und den Auftritten prominenter Namen zu, vor allem, wenn kostspielige Anzeigen im Spiel sind. Ebenfalls nachvollziehbar, aber für uns “Freie” finanziell nicht zu stemmen.

Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien sah ich eine neue Chance gekommen, die künstlerische Vielfalt unserer Mitglieder ebenso, wie kulturpolitische Anliegen, in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit zu stellen. Es galt nun nicht länger, abzuwarten, bis über uns geschrieben wurde; vielmehr konnte ich selber unsere Neuigkeiten und Termine über unsere neue Homepage verbreiten. Seit diese im Frühjahr 2019, via unserem jourfixe-Mitglied und Musiker Robert “Landy” Landinger aktiviert wurde, habe ich fast nonstop und mit gusto aus dem Leben und von der Arbeit unserer Mitglieder berichtet und so auch die PR für deren Auftritte und Projekte verstärkt unterstützen können.

Im Mai dieses Jahres nun kontaktierte mich unser jourfixe-Mitglied Katrin Neoral, weil sie, obgleich selbst fest angestellt, eine Sammelpetition zur Nachbesserung des neuen Hilfsprogramms für freischaffende KünstlerInnen starten wollte. Als erstes brachte ich sie mit jourfixe-Mitglied Andrea Fink, Geschäftsführerin des Tonkünstlerverbands Bayern e.V., in Kontakt, die selbst auch schon, für die Mitglieder ihres Vereins, mit der Problematik der unzureichend konzipierten Hilfen für KünstlerInnen befasst war. In Folge ging für Katrin Neoral alles ganz schnell. Sie berichtet: „Innerhalb von 48 Stunden waren über dieses doch sehr kleine, persönliche Netzwerk per Email 220 Unterstützer am Start. Darunter finden sich, neben zahlreichen freischaffenden Künstlern, auch andere Akteure aus der Szene wie Veranstalter und Kulturmanager, aber auch Bürger, denen die Vielfalt der bayerischen Kulturlandschaft am Herzen liegt. Die Kontaktdaten hab‘ ich in zwei Nachtschichten eingepflegt.“, erläutert sie. Auch der Tonkünstlerverband Bayern e.V., mit seinen knapp 3000 Mitgliedern und das Netzwerk Freie Szene München e.V. haben, neben unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen, die Petition offiziell unterschrieben. Der Ausschuss für Wissenschaft und Kunst beriet die Eingabe mit dem Votum „Würdigung“ und leitete diese an das Staatsministerium von Bernd Sibler zur Stellungnahme weiter. Gemeinsam mit Sängerin Anamica Linding beschloss Katrin, ihr Anliegen durch eine Diskussionsrunde “Kultur in der Krise” zu untermauern und dabei gleichzeitig das Themenspektrum um praxisnahe Lösungsansätze und Perspektiven für die Kultur- und Veranstaltungsbranche  zu erweitern.
(Montag, den 28.9./13.30 Uhr, Münchner Volkstheater)

Anamica Lindig (links) und Katrin Neoral bei Hubert Aiwanger im Wirtschaftsministerium, im Vorfeld der Diskussionsrunde “Kultur in der Krise” > BERICHT

Derweil verbreitete ich Katrins Beiträge über die sozialen Netzwerke und ergänzte sie durch eigene Berichterstattung. jourfixe-Mitglied Raoul Koether, 2. Vorstand, hat sich bereit erklärt, die Diskussionsrunde im Volkstheater vor Ort zu protokollieren und unser Erster Vorsitzender, Schauspieler und Kulturmanager Sven Hussock, wird selbst als Diskutant teilnehmen. Fotograf und jourfixe-Mitglied Max Ott wiederum wird die Veranstaltung ehrenamtlich in Momentaufnahmen festhalten und meine künstlerische Wegbegleiterin erster Stunde, jourfixe-Schriftführerin Stephanie Bachhuber wird einige der neueren jourfixe-Mitglieder im Publikum, namentlich Musikwissenschaftlerin Ulrike, Dr. Keil Musikpromotion und Eva Giesel (LITAG Theaterverlag) mit einander bekannt machen. Ein insgesamt typisches Zusammenwirken unterschiedlicher jourfixe-Persönlichkeiten …

Inzwischen – und erst nach jahrelanger Suche – ist es mir gelungen, für den jourfixe-muenchen Mitglieder zu gewinnen, deren Aktivitäten sich zum gegenseitigen Benefit miteinander verzahnen lassen und, seit Februar 2020, einen ebenso tatkräftigen wie kulturpolitisch versierten Vorstand zusammen zu stellen. Die Diskussionsrunde im Volkstheater bildet dazu einen vielversprechenden Auftakt!

Der einstige Künstlerstammtisch ist erwachsen geworden … 🙂

“Das Logo der Kulturplattform jourfixe-muenchen ist eine Theatermaske mit Perlenträne. Diese symbolisiert den ideellen Reichtum und zugleich den Schmerz, der uns Kunstschaffende oft ein Leben lang begleitet … Die Maske taucht zudem in zahllosen jourfixe-Collagen auf, beobachtend, kommentierend, kontrastierend oder auch mit dem Geschehen verschmelzend. Alleine betrachtet steht sie für unfertig nackte Kunst, mit zahllosen Möglichkeiten, sie einzusetzen, zu ergänzen und zu verändern, ohne sie jemals ganz ablegen zu können.”
Gaby dos Santos im September 2020