Es heißt, die beste Medizin gegen den Blues sei der Blues. Betrachtet man ihn einmal nicht als afroamerikanische Musikform, sondern als Lebensgefühl, als Liedgut unterprivilegierter Menschen, als Ventil einer Subkultur und vor allem als musikalische Methode, Trauer in Trost zu verwandeln, dann finden wir ihn überall auf der Welt – in Portugal als Fado, in Argentinien als Tango, in Wien als Wienerlied. Der Blues der Ägäis ist der Rembetiko.

 

Wie seine Geschwister entstand auch der Rembetiko aus den Erfahrungen einer sozialen Unterschicht. Er galt als moralisch anstößig, wurde nicht nur in Kaffeehäusern, sondern auch in Haschischhöhlen und Gefängnissen gespielt, diente nicht nur dem kleinen Mann, sondern auch Zuhältern und Ganoven zur Unterhaltung – was nicht zuletzt in den Liedtexten deutlich wird, die später gern zensiert wurden.

Vor allem aber ist der Rembetiko die Musik von Migranten und Flüchtlingen: Griechen, die seit Homers Zeiten auf dem Gebiet der heutigen Türkei lebten und oft selbst kaum Griechisch sprachen, musizierten noch vor wenig mehr als hundert Jahren in friedlicher Eintracht mit den Türken. Doch dann kam der Erste Weltkrieg und in seinem Gefolge der griechisch-türkische Krieg, zahlreiche Massaker, gezielte »ethnische Säuberungen« und ein erzwungener Bevölkerungsaustausch. Jene Griechen, die einst im osmanischen Reich ihre eigene Mischkultur hatten, fanden sich auf einmal in ihrem Mutterland als argwöhnisch beäugte, mitunter missachtete Randgruppe wieder. Diese Umsiedlung von Menschenmassen und die damit verbundene Akkulturation sind auch den Liedern dieser Entrechteten und Entwurzelten anzuhören. Ähnlich wie im Jazz wuchs hier scheinbar Disparates zusammen. Die Melodien des Rembetiko wirken östlich, die Begleitakkorde hingegen westlich – aber beides nicht so ganz: Denn während den verwendeten Tonleitern die typisch orientalischen Mikrotöne fehlen, klingen die Akkorde nach den Gesetzen der westlichen Funktionsharmonik oft »falsch«. In Griechenland wurde der Rembetiko europäischer, ja musste es werden, da orientalische Elemente zeitweise unerwünscht waren.

 

Kaum jemand singt heute Rembetiko mit mehr Engagement und Herzblut als Çiğdem Aslan. Sie stammt aus einer kurdisch-alevitischen Familie in Istanbul, wo sie englische Literatur studierte, bevor sie ein Musikstudium in London anschloss – und vor dort aus weltweite Geltung in diesem Genre erreichte. »Ich bin in Großbritannien wegen der Musik und des Lebensstils«, sagt sie. »Wenn man hier über seine Identität spricht, ist keinerlei Selbstkontrolle erforderlich. Und das ist ein Luxus.«

Ihr Interesse an Musik wurde nicht zuletzt vom Alevismus genährt. »Aleviten sind die größte religiöse und kulturelle Minderheit in der Türkei mit etwa 20 Millionen Einwohnern. Der Alevismus ist eine dezentrale, synkretistische Religion, die seit Jahrhunderten mit anderen Glaubenssystemen und Kulturen von Zentralasien bis zum Balkan interagiert «, erklärt die Sängeirn. »Die Aleviten folgen keinem heiligen Buch. Die Lehren und Informationen über die Lebensweise wurden in mündlicher Tradition, mit Musik und Poesie von Generation zu Generation weitergegeben. So war Musik in unserem Alltag immer präsent. Für mich persönlich ist es eher eine Art zu leben als eine Religion.«

Bei den Aleviten ist die Frau gleichberechtigt, und so lernte Aslan schon als Kind aktive, selbstbewusste Frauen kennen, die genau so viel arbeiteten wie die Männer, wenn nicht mehr. Vor fünf Jahren ließ sie mit ihrem Debütalbum »Mortissa« international aufhorchen – im Rembetiko ist das die Bezeichnung für »starke, unabhängige Frau«

2016 folgte das Album »A Thousand Cranes«, und auch diesen Titel kann Aslan erklären: »Wie der Kranich reist die Musik durch die Welt, bringt Klänge und Geschichten in andere Länder, entwickelt, verändert sich und bleibt doch dieselbe.«

»Rembetiko ist eine Musik, die von Migration definiert und geprägt wird«, sagt Aslan. »Diese Lieder dienen der Erinnerung an eine verlorene Lebensweise und dem Bekenntnis dazu.« Musik, so ist sie überzeugt, befriedige das Bedürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit. Gerade deswegen sei es in unseren Zeiten internationaler Flüchtlingsbewegungen so wichtig, traditionelle Musik zu haben. »Sie ist wie ein Zuhause.«

Selten kann man sich ein so umfassendes Bild vom Facettenreichtum des Rembetiko machen wie in der Auswahl Aslans, die sich schon vor ihrem Durchbruch mit dieser Musik im Klezmer-Ensemble She’Koyokh und in der Dunav Balkan Group einen guten Ruf in der Weltmusik-Szene erworben hatte.

Dunav Balkan Group mit Cigdem Aslan

Entdeckt hat sie den Rembetiko aber bereits als Studentin in Istanbul, als sie mit ihrer Universitäts-Band Lieder der verschiedenen ethnischen Minderheiten in deren eigenen Sprachen aufführte. »Wir hatten Volkslieder auf Armenisch, Kurdisch, Sephardisch, Arabisch im Repertoire – und bei diesem Projekt habe ich auch zum ersten Mal Rembetiko auf Griechisch gehört. Ich kannte zuvor nur die türkischen Fassungen. Aber ein Bandmitglied hatte eine Kassette von seiner Großmutter aus Griechenland – und ich habe die Texte aller Songs phonetisch abgehört, ohne ein Wort zu verstehen.«

Griechisch spricht Çiğdem Aslan noch immer nicht fließend, doch auch ihr Kurdisch sei nicht perfekt, da sie es als Kind kaum sprach. »Das ist typisch für viele Aleviten in meinem Alter, die aufgrund von Assimilation und der Angst vor Diskriminierung in großen Städten wie Istanbul oder Izmir aufgewachsen sind.« Im Grunde aber braucht man sich über die Sprache nicht allzu viele Gedanken zu machen. Die Lieder treffen, auch wenn sie schon Jahrzehnte alt und in fremden Sprachen gesungen sind, ihre Hörer direkt ins Herz. Rückgrat und Zärtlichkeit stecken in Aslans Stimme, Hoffnung und Humor. Wehklagen ist hier nur eine Ausdrucksnuance von vielen, vor allem strahlt Aslan Charme und Lebensfreude aus.

Als Angehörige einer ethnischen Minderheit und Exilantin bringt sie offensichtlich das richtige Gespür für ein Genre mit, an dessen Entstehung viele Völker mitgewirkt haben. Schon Smyrneika, die älteste Form des Rembetiko, wurde vor der kleinasiatischen Katastrophe nicht nur von Griechen und Türken, sondern auch von Armeniern, Juden und Levantinern in Izmir gespielt. Sie selbst füge Details hinzu und hebe die Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen hervor, erklärt Aslan: »Da sieht man, es gibt keine kulturelle Grenzen in der Musik.« Natürlich auch nicht in ihrer multikulturellen Begleitband rund um Nikos Baimpas, den Mann an der Kastenzither Kanun.

Foto zum Interview > Çiğdem Aslan & Nikos Baimpas (October 2016)

Sehr wohl aber gibt es Grenzen zwischen Griechen und Türken im Bewusstsein vieler Menschen. Aslan hat vereinzelt negative Reaktionen erlebt, und zwar aus beiden Richtungen: von Türken, weil sie Griechisch singt, und von Griechen, die sie als Nichtgriechin nicht akzeptierten. »Es gibt viele griechische Musiker in der Türkei und umgekehrt, und ich glaube nicht, dass sie grundsätzlich Probleme mit der Zusammenarbeit haben, weil die Musiksprachen dieser Länder sehr ähnlich sind. Doch aufgrund von Faktoren wie Politik und sozialen Vorurteilen ist es wohl einfacher, diese Zusammenarbeit in anderen Ländern zu erreichen. Außerhalb der Heimat findet man freier zueinander – auch, weil uns unsere kulturellen Ähnlichkeiten an neutralen Orten einander näherbringen.«


Marcus A. Woelfle interviewte die Rembetiko-Sängerin vor einiger Zeit für das Elbphilharmonie-Magazin