“Das ist Tradition! Nach 32 Jahren als Vorsitzender wurde ich gestern vom Kulturforum der Sozialdemokratie in München e.V. einstimmig für weitere zwei Jahre wieder gewählt,” postete Christian Ude zu den gerade erfolgten Vorstandswahlen seines Vereins.

Zwei einleitende Sätze, die exemplarisch, neben allen unbestreitbaren Meriten dieses Vereins, auch seine Krux aufzeigen: Über einen so langen Zeitraum ununterbrochen in gleicher Vorstandsbesetzung Kulturarbeit zu leisten, setzt einen Meilenstein, der droht, auf Dauer neuen Impulsen im Weg zu stehen. Allein die Tatsache, dass Christian Ude seine soundsovielten Wiederwahl freudig als “Tradition” feiert, spricht Bände, was die Einsicht in die Notwendigkeit erneuernder Kräfte an der Spitze jeglichen Vereins anbelangt! Wenn dann besagter Erster Vorsitzender etliche von diesen 32 Jahren parallel auch noch die Stadt regiert hat, ergibt sich daraus in meinen Augen ein langjähriger Interessenkonflikt: Strahlen doch die Macht und Möglichkeiten, die das Amt des Regierenden Bürgermeisters mit sich bringt, unweigerlich auf die Strukturen innerhalb des gleichzeitig als Erster Vorsitzender geführten Vereins aus! Vorteilhaft für alle an der Seilschaft teilhabenden Kunst- und Kulturschaffenden, eher ungünstig für andere … So jedenfalls der Eindruck vieler Münchner Kolleg*Innen, die nicht zum Kreis um Christian Ude und das Kulturforum zählten, mich eingeschlossen.

Christian Steinau mit Brigitta Rambeck, u.a. “Seerosenkreises

In seinem Post führt Christian Ude weiter zur (Wieder)Wahl aus: Meine beiden Stellvertreter Christine Prunkl und Michael Stephan übrigens auch. Ebenso unser Stadtratskandidat Lars Mentrup (Platz 17) und Stadträtin Renate Kürzdörfer (Platz 20). So weit, so gut. Dann aber nahm der Post eine unverwartete Wende: Ude verkündete als “neu im Vorstand”Christian Steinau (Jahrgang ! 1989!) … Diese Personalie allerdings klang spannend!

Seit unser 2. jourfixe-Vorsitzender, SPD-Stadtratskandidat Raoul Koether Steinau zu unserer jourfixe-Weihnachtsfeier 2019 mitgebracht hat, stolpere ich gefühlte dreimal die Woche über seinen Namen, um den, wie aus dem Nichts kommend, kulturpolitisch kein Weg mehr vorbei zu führen scheint. Dieser Umstand hat Methode! Dazu bedarf es nur eines Blickes auf Christian Steinaus Homepage, die er unter dem Motto “Wissenschaftsbasierte Kulturpolitik” führt. Vieles darüber, mit wem künftig in der Münchner Kulturszene zu rechnen sein könnte, erschließt sich in Folge aus Steinaus Selbstdarstellung>

(…) Als Doktorand nehme ich an den Aktivitäten des interdisziplinären Graduiertenkollegs MIMESIS der LMU München teil, an dem, neben verschiedenen Philologien, auch Kunsthistoriker, Philosophen und Theaterwissenschaftler tätig sind.
(…)
Seit Oktober 2017 bin ich wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Nachwuchsforschergruppe „Kreativität und Genie“ an der LMU München, die durch das Elite-Netzwerk-Bayern gefördert wird.
(…)
I
n meinem Promotionsprojekt setze ich mich mit der Konstruktion von ästhetischen Werturteilen im globalen Kunstfeld auseinander. Ich rezipiere Forschungsliteratur insbesondere aus den angelsächsischen Ländern und versuche eine ambitionierte Forschungsperspektive zwischen Soziologie, Ästhetik und Literaturwissenschaft umzusetzen. Dabei ist es mir sehr wichtig, meine Forschungsinhalte zu kommunizieren und mich in aktuelle Debatten einzumischen.
(…)
In München habe ich mich auf Grundlage meiner Forschungstätigkeit in die Debatte um die Münchner Kammerspiele eingemischt. > Im März 2018 habe ich eine Solidaritätsdemonstration vor dem Münchner Rathaus organisiert, um ein Zeichen gegen eine zahnlose Kulturpolitik und eine fragwürdige öffentliche Berichterstattung zu setzen. Ausgehend von diesem Engagement wurde ich als Speaker zu verschiedenen Gastvorträgen eingeladen.

Christian Steinau hält einen Gastvortrag an den Kammerspielen auf Einladung des Ensembles, Quelle: www.christiansteinau.de

Im Jahr 2019 habe ich mich in die Debatte um die offene Zukunft des geschichtsträchtigen Haus der Kunst eingebracht. In Zusammenarbeit mit der kulturpolitischen Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im bayerischen Landtag, Sanne Kurz, habe ich ein umfangreiches Thesenpapier erarbeitet, in dem wir die rechtliche, finanzielle und organisatorische Schieflage des Hauses analysiert und visionäre Thesen aufgestellt haben, um einen erfolgreichen Neuanfang zu ermöglichen.”

Da stellt sich mir als Genossin natürlich die Frage, warum Steinau mit dieser Debatte programmatisch nicht von unserer Partei aufgegriffen wurde? Gerade weil die SPD sich einen kulturpolitischen Anspruch auf die Fahne geschrieben hat und sich seit über drei Jahrzehnten ein Kulturforum leistet, würde ich mir ein wenig mehr Weitsicht hinsichtlich aktuell akuter kulturpolitischer Themen wünschen, statt sie der Konkurrenz zu überlassen! Daher sehe ich in der Wahl eines neuen Beisitzenden vom Kaliber Christian Steinaus in den Vorstand des Kulturforums der Sozialdemokratie München eine Chance! Steinau wiederum twittert Klartext bezüglich seiner Beweggründe, dem Vorstand beizutreten:

„Ich finde es spannend herauszufinden, was bei der Konfrontation meines internationalen, progressiven und akademisch fundierten Einsatzes für Kulturpolitik mit der Geschichte und Struktur eines Vereins wie dem Kulturforum passiert.” Aus der komfortablen Position eines vielversprechenden Doktoranden heraus, der aber (noch) nichts zu verlieren hat, schreibt er weiter:

“Ich habe richtig Lust was zu riskieren und an einer neuen Erzählung sozialdemokratischer Kulturpolitik zu arbeiten (…) “, und er betrachtet es als “Herausforderung an das Kulturforum, das mit der Sozialdemokratie verbundene Fortschrittsversprechen konsequent auf den Kulturbereich anzuwenden.”

Da es jedoch mit dem Fortschrittsversprechen der SPD in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit etwas hapert, ließe sich über die Kulturpolitik vielleicht sogar eine zukunftsweisende Brücke schlagen, zum allgemeinen Benefit unserer Partei ..? So endet auch Christian Udes Post mit der Bekräftigung: Ein Schwerpunkt der Aktivität liegt im Aufgreifen und Thematisieren neuer kultureller Entwicklungen. Der Verein versteht sich als Ort der Begegnung und der Diskussion zu gegenseitigem Verständnis, zu Toleranz und Zusammenarbeit.”  Und weist auf  Neuzugang Christian Steinau als “voller Ideen für die Verjüngung” hin.

Steinau wiederum möchte unter anderem “den Diskurs um Kultur für Alle von Hilmar Hoffmann und Hermann Glaser bis Julian Nida-Rümelin aufgreifen. (…)”  Hilmar Hoffmann hatte sich bereits in den 1970er bis 90er Jahren für das Projekt ‚Kultur für alle‘ eingesetzt, als ein “immer noch ein utopisches. Es ist noch längst nicht eingelöst und ich sage heute: ‚Kultur für alle‘ ist eine Prognose und keine Retrospektive. Das heißt, wir müssen, was  mit den Steuergeldern aller aufgebracht wird, nämlich kulturelle Infrastruktur, allen Menschen zugänglich machen um ihrer selbst willen.’ “ (> MEHR)

Ein Anliegen, das unsere Kulturplattform jourfixe-muenchen ebenfalls seit ihren Anfängen vertritt und entsprechend als Absichtserklärung in Steinaus Tweet begrüßt!

Aber nicht nur diesbezüglich bezieht die zukunftsorientierte Perspektive Christian Steinaus auch Visionen und Meriten aus vergangenen Jahrzehnten ein: “Das Kulturforum hat ein Archiv und fantastische Quellen, die in ein paar Jahren hoffentlich veröffentlicht sind (…)” und mit denen der junge Kulturwissenschaftler sich gerne intensiver auseinander setzen möchte. Solcherart Aktivitäten könnten einer verstärkten Wahrnehmung des Kulturforums in der breiteren Öffentlichkeit zugute kommen.

Treffpunkt des Kulturforums der Sozialdemokratie München ist das historische Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz, hier bei einer Rede von Christian Ude. Sitzend links neben ihm Stellvertreter Michael Stephan, rechts Christine Prunkl. In der Mitte, dem Fotografen zugewandt der kulturell engagierte und allseits beliebte SPD-Stadtrat Haimo Liebich

Am Ende seines Posts fragt Ude rhetorisch: “Warum so viel Harmonie? Weil es allen um die Sache geht und viel Spaß macht.” Nun zeigt ja ein und dieselbe “Sache” in den individuellen Wahrnehmungen durchaus unterschiedliche Erscheinungsbilder, je nach Alter, Erfahrungsschatz und Wesen. Hier ist wirkliche Toleranz an Stelle älterer Rechte, aber auch an Stelle stur akademischer Lesarten gefragt sowie eine Lockerung des Forums aus seinen etwas starren und hierarchischen Strukturen. In jedem Fall könnte es, mit Christian Steinau im Boot, spannend werden, weil er, sowohl programmatisch wie auch von seiner bisherigen Vita her, in meinen Augen spannend ist, zumal es ihm, neben fachlichem Wissen, auch nicht an Selbstbewusstsein mangelt. 😉


Titeilbild: Mitglieder des Kulturforum Sozialdemokratie in München mit dem neu gewählten Vorstand Anfang, März 2020, im Münchner Künstlerhaus





Christian Steinau ist mir auch als Organisator des viel beachteten “Cultural Policy Labs” in den Münchner Kammerspielen Mitte Februar 2020 aufgefallen:

Nachlese von Raoul Koether >