“Was von Belang wird die Zeit überdauern, ein kleines Lied und ein großes Erschauern”, kommentierte der Hamburger Grafiker und Texter Hans Leip den Erfolg des Songs “Lili Marleen“, das die internationalen Charts im Zweiten Weltkrieg stürmte, ohne Rücksicht auf Freund oder Feind zu nehmen und damit den Krieg ad absurdum führte, denn es vereinte die Soldaten und ihre Lieben in kollektiver Sehnsucht …

O-Ton von Komponist Norbert Schultze aus der Collage:

… ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie verbunden wir alle einander im Wesen sind … obgleich wir seit jeher den Mächtigen als Kanonenfutter dienen … Doch diesem Lied gelang es sogar einem Goebbels zu trotzen, der es eigentlich verbieten lassen wollte, weil dem Lied “Leichengeruch anhafte”.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kein Wunder, denn Hans Leip hatte den Text bereits im Ersten Weltkrieg verfasst, 1915, kurz vor seinem Aufbruch an die Front; vorahnungsvolle Worte, in denen zwei reale Mädchen zur Legende verschmolzen, die fesche Lili aus dem Gemüseladen und Marleen, die mondäne Arztochter …

Auf Grund all dieser Umstände waren es universelle menschliche Bedürfnisse, die zwischen den Zeilen des jungen Soldaten Hans Leip mitschwangen, sie sogar diktierten: Angst und Sehnsucht, Liebe und Abschied und eine Hoffnung, die sich im Angesicht des drohenden Todes in Resignation verkehrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Lied startete 1941, in der Version von Norbert Schultze seinen Siegeszug, ausgestrahlt vom NS-Sender Radio Belgrad. Noch während des Zweiten Weltkriegs wurde “Lili Marleen” in zahlreiche Sprachen übersetzt und für den Rest des 20sten Jahrhunderts zum Begleiter der Soldatinnen und Soldaten an den Kriegsschauplätzen der Welt. Vermutlich im Zuge einer wachsenden Technologisierung des Krieges beginnt es aber, in Vergessenheit zu geraten. Auf Grund seiner hohen Symbolkraft als Stimme der in Kriegen geopferten Menschenleben, sollte es das aber nicht! Zudem stellt auch die Geschichte seines Making Of, erzählt von den ProtagonisInnen Hans Leip, Sängerin Lale Andersen und ihrem Sohn sowie den beiden Komponisten des Liedes, Rudolf Zink und Norbert Schultze, ein mahnendes Zeitzeugnis dar. Deshalb habe ich vor 10 Jahren, gemeinsam mit Lale Andersens Sohn Michael Wilke, das Historical vom “Lied der Lili Marleen” produziert und im Münchner Gasteig uraufgeführt.

Gasteig-Premiere 2010: V.li: Rudolf Zink jr. (Sohn des Komponisten Rudolf Zink) Dorli Diehl (Tochter des Simpl-Wirts, 1935-1943, Theo Prosel), Brigitt Salvatori-Galland (Witwe von Komponist Norbert Schultze), Michael Wilke (Sohn von Lale Andersen), Toni Netzle halbverdeckt (Simpl-Wirtin 1960 – 1992), Gaby dos Santos, Mathias Deinert (Lale Andersen Archiv)

10 Jahre liegt die Premiere nun schon zurück und inzwischen merke ich, dass selbst junge JournalistInnen mit dem Begriff “Lili Marleen” weniger bis gar nichts anfangen können. Daher hatte ich beschlossen, zusammen mit meiner jourfixe-Kollegin Cecilia Gagliardi, Co–Leiterin des Theaters im Roßstall, in ihrer Bühne das Historical zu relaunchen und zwar am 8. Mai 2020, zum 75 Jahrestag nach Kriegsende.

Daraus wird ja nun bekanntlich nichts – aber am heutigen 8. Mai hat mir Facebook eine “Erinnerung” an meine letzte Aufführung, unter dem Titel “Mythos Lili Marleen”, 2017, in der Münchner Hanns-Seidl-Stiftung übermittelt; für mich Anlass, in Zusammenhang mit dem historischen Datum noch einmal die Rolle des Liedes von Lili Marleen in Zeiten des Krieges zu überdenken. Auf Grund seiner einzigartigen Geschichte und Symbolkraft sollte es niemals vergessen werden!

Nachstehend historisches Material in Zusammenhang mit Lied und Komponisten, das aus meinem Historical stammt, ebenso wie die Bild-Collagen in diesem Beitrag:

Rudolf Zink komponierte die erste – erfolglose – Version der Lili Marleen. Während er an der Ostfront kämpfte und das Lied in der Version von Norbert Schultze triumphierte, schrieb Hans Leip ihm einen berührenden Brief

Lale Andersen schreibt mir, daß sie mir Grüße bestellen soll und daß sie von einigen Gedichten um die „Laterne“ sehr erbaut gewesen seien. Vielen Dank! Ich freue mich darüber und hoffe, daß Ihnen bald die Anerkennung zuteil werde, die Sie längst verdienen und daß man Sie zu Ihrer eigentlichen Aufgabe, die Menschheit mit Ihrer Kunst zu erfreuen, endlich frei lassen möge. Umbringen können viele oder alle, aber Freude bringen können nur wenige, und die sollte man dringend zu erhalten suchen, da wir sie unendlich nötig brauchen. Zu allen Zeiten sind Unberufene lauter und aufdringlicher gewesen als die Berufenen, aber nur die Berufenen bleiben bestehen. ein schlichter Trost, aber kein schlechter. Halten sie durch! Es muss für die paar Menschen, auf die es ankommt, der wahre Frieden immer vorhanden sein, selbst mitten im Krieg (denn anders können sie nicht leben und atmen) – der Friede in ihnen selber. Möge er bald für alle sichtbar und segensreich aufgehen.

Herzlichst Ihr Hans Leip

O-Ton von Komponist Rudolf Zink zur Entstehung seiner Lili-Fassung im Alten Simpl, mit einem Fragment dieser Urfassung, die ebenfalls von Lale Andersen gesungen wurde:

Die Lili-Fassung von Norbert Schulze, die zum Welthit und Evergreen wurde:

Mehr auch im jourfixe-Blogbeitrag “Lili Marleen untot im Simpl” >