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Musiker und Komponist Jon M. Winkler fotografiert von Werner Bauer


Es ist vorbei, verklungen längst der letzte Ton,
das Publikum ging schon nach Haus,
und ich schreib’ stumm die Rezension:
„Wie oft stand schon im Rampenlicht
als Orpheus ich oder als Clown?
War beides ich? Ich weiß es nicht,
bin viel zu müd’ mich anzuschau’n.
Wie oft hab’ ich mich schon gefragt,
ob all das wirklich jemand nützt?
Warum, obwohl ich mich geplagt,
mir stets die Not im Nacken sitzt?
Ich habe endlich eingeseh’n,
was ich so lange schon gewusst
und mir nicht wollte eingesteh’n:
Darauf verging mir längst die Lust!
Sobald verklang dies letzte Lied,
die Stille schluckt’ den Schlussakkord,
geh’ ich befreit, wohin’s mich zieht,
dem Boot der Illusion von Bord.
Jetzt bin ich aus dem Traum erwacht,
der jäh im Morgenlicht zerstiebt,
das mit Verstandes greller Macht
das Trugbild zeigt, das ich geliebt:
„Wie oft schon hat man mich verletzt
mit einem flücht’gen Kommentar,
der Schnäbel Messer laut gewetzt,
meist eines echten Grundes bar.
Wie oft erklang schon laut Applaus,
der schürte hell den blanken Wahn,
mein Traum würd’ wahr – Jetzt ist es aus
und morgen kräht danach kein Hahn.“
Ich habe endlich eingeseh’n,
was ich so lange schon gewusst
und mir nicht wollte eingesteh’n:
Darauf verging mir längst die Lust!
Sobald verklang dies letzte Lied,
die Stille schluckt’ den Schlussakkord,
geh’ ich befreit, wohin’s mich zieht,
dem Boot der Illusion von Bord.
So ward, was einst schien höchstes Glück,
am Ende mir zur größten Qual:
Musik – als gäb’ es kein Zurück,
als hätt’ ich keine andre Wahl…
Doch gleich bett’ ich in grünen Samt
Gitarre, dich, zur guten Ruh’.
Sei stets bedankt, niemals verdammt,
wenn ich den Koffer sperre zu.
Wenn um den Hals den Schal ich wand,
ich nahm den abgewetzten Hut
und stumm die Klinke in die Hand,
dann ist’s vorbei – und endlich gut!
Ich habe endlich eingeseh’n,
was ich so lange schon gewusst
und mir nicht wollte eingesteh’n:
Darauf verging mir längst die Lust!
Sobald verklang dies letzte Lied,
die Stille schluckt’ den Schlussakkord,
geh’ ich befreit, wohin’s mich zieht,
dem Boot der Illusion von Bord.   (JMW 04.01.14)
Bei diesem Fazit handelt es sich um den Text eines Songs, den Jon M. Winkler zum jourfixe-Jahresthema “Von Sein, Schein und Schöner Scheitern unter Künstlern” geschrieben hat. Nach der Uraufführung herrschte unter den Anwesenden lange Stille. Sicher, im ersten Moment schwingt viel Bitterkeit aus dem Text nach, eine Bitterkeit, in der sich  jede(r) Kunstschaffende aus eigener Erfahrung wiederfindet. Liest man den Text jedoch mehrfach, so erscheint er schlicht als realistische Darstellung jener Bretter, DIE EBEN DOCH NICHT DIE WELT BEDEUTEN (SOLLTEN)!
Persönlich stehe ich auf dem Standpunkt, dass, wer sich zur Kunst berufen fühlt, dabei nicht übersehen sollte, dass er sich damit in eine Parallelwelt unserer Gesellschaft begibt, wozu einen diese niemals aufgefordert hat und in welcher sie einen auch niemals ganz begreifen wird. Wie denn auch, von Parallelwelt zu Parallelwelt?
Ganz angenommen fühle ich mich jedoch bei ehrlichem Applaus, der mich für jegliche Härten im Vorfeld der Aufführung entschädigt; ein sogenannter “geldwerter Vorteil”, den ich mir möglichst oft vor Augen halte, um  auch weiterhin relativ frei von Frustrationen durch meine Bohème-Welt zu wandeln ;-))
Das Vorhandensein gewisser ideeller Vorteile des Kunstschaffens sollten unserer Gesellschaft aber nicht als Freibrief dafür dienen dürfen, Kunst und Kultur permanent unterzubewerten und stiefmütterlich abzufertigen! Eine, wie ich finde, bedenkliche historische Gewohnheit, garniert mit und entschuldigt durch verlogene Bohème-Romantik – in der doch letztlich immer, man bedenke bitte, eine Mimi den Kürzeren zieht …
Natürlich, solange es um andere Menschen viel, viel schlechter steht, als um uns Künstler, denen in Deutschland immerhin die Existenz sicher und das Dasein abwechslungsreich ist, sollten wir zwar weiterhin für mehr Verständnis und eine Verbesserung unserer Situation in der Gesellschaft kämpfen, aber das Mass dabei nicht aus den Augen verlieren, ebenso wenig wie die Freude an der Kunst an sich, die sich mit kommerziellen Erwägungen sowieso nicht wirklich verträgt – oder?


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