Seit 2015 besuchte Peter uns regelmäßig in der Münchner Beratungsstelle für Sinti und Roma und Erziehungshilfe MADHOUSE, um das Vermächtnis seines Bruders Hugo Höllenreiner fortzusetzen:


Peter Höllenreiner im August 2019, in Auschwitz, zum 75. Jahrestag der “Blutnacht”, dem Massaker an den Sinti & Roma im “Zigeunerlager” des KZs.

Aufklärung in der Öffentlichkeit hinsichtlich aller Übergriffe gegenüber den Sinti & Roma und die versöhnliche Hand, um an alle zu appellieren, gemeinsam darauf zu achten, dass sich der Nationalsozialismus nicht wiederholt.

Familie Höllenreiner 1942; auf dem Schoß seiner Mutter der 3jährige Peter

Peter war gerade vier Jahre alt, als er zusammen mit seiner Familie nach Auschwitz Birkenau verbracht wurde. Er hatte die KZ-Nummer: Z 3531. Jener 8. März 1943 war der Beginn einer zweijährigen Schreckenszeit, zwei Jahre des willkürlichen Mordens von Menschen, gleich ob sie alt oder jung waren. Zwei Jahre, in denen ihm und seiner ganzen Familie Würde und Achtung genommen wurden. Die Tötungsmaschinerie in Auschwitz-Birkenau traf jeden. Familien wurden allein wegen ihrer Abstammung als Sinti vergast, verbrannt, gedemütigt, angespuckt und gequält.

Behördliche Verfolgung von Sinti & Roma auch nach dem Krieg

Bis vor fünf Wochen, als er uns zuletzt im MADHOUSE besuchte, war es ihm wichtig, dass die ganze Welt von dem Unrecht erfährt, das Sinti und Roma während des Nationalsozialismus und nach der Befreiung Deutschlands bis heute durchleiden mussten. Immer wieder prangerte er an, dass in deutschen Medien seitenweise über die Täter berichtet, das Leid der Opfer oft nur in einem winzigen Nebentext erwähnt würde. Peter betonte in seinen Zeitzeugenberichten, dass die Rettung im Mai 1945 keine Kapitulation Deutschlands, sondern die Befreiung aus einer Gewaltherrschaft war. Als Erwachsener wollte er die Zeit vergessen. Aus diesem Grund ließ er sich sogar die KZ-Nummer entfernen, um seine Identität zu verschleiern. Er hoffte so auf eine chancenreichere Zukunft. Aber die systematische Ausgrenzung und Ungleichbehandlung gegenüber Sinti und Roma ging weiter, bis zum heutigen Tag.

Bis zuletzt suchte Peter Höllenreiner das Gespräch, um als Zeitzeuge von dem Schrecklichen zu berichten, dass ihm als kleinem Jungen widerfahren war und sich niemals wiederholen dürfe!

Peter erduldete jahrzehntelange Verfolgung durch Strafbehörden, Misshandlungen durch Lehrkräfte und eine immense Diskriminierung durch Richter. Er konstatierte, dass er und viele Überlebende von den Behörden und Amtsärzten um ihre Wiedergutmachungen betrogen wurden. Das Ergebnis, das Peter für sich und sein Leben verinnerlichte: Als Sinto geboren zu werden, hieß gleichzeitig, genetisch bedingt kriminell zu sein. Sinti waren schon verurteilt aufgrund ihrer ethnischen Herkunft. Es war an der Tagesordnung, von der Polizei durchsucht oder verdächtigt zu werden. Seine Abstammung als Sinto reichte aus, rechtswidrige Gewalt gegen ihn auszuüben – und nicht nur gegen ihn, sondern gegen sämtliche Sinti und Roma. Mit diesem Bewusstsein und schwer traumatisiert verfolgte er den Plan, seine Geschichte in die Öffentlichkeit zu bringen, seine tiefen Wunden und Verletzungen offen zu legen, mit außergewöhnlichem Mut seine eigene Passion zu repräsentieren, mit Entschlossenheit gegen Rassismus einzutreten, in der Öffentlichkeit sichtbar zu werden.

13.3.2018, Gedenkstunde im Münchner Rathaus: v. li.: Alexander Diepold, Peter Hoellenreiner, Erich-Schneeberger (bayer. Landesvorsitzender deutscher Sinti & Roma), Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma) , Christine Strobl, SPD, damalige Bürgermeisterin

Damit ermutigte er junge Menschen, ebenfalls für ihre Rechte einzustehen. Zudem hat er sich unbewusst, durch die Enthüllung seiner Lebensgeschichte sich selbst einen spirituellen Raum zur Befreiung vom eigenen Leid geschaffen. In der Autobiografie: „Der Junge aus Auschwitz“ beschreibt Anna-Maria Willer diese Lebensgeschichte. Dieses Buch ist aussagekräftig, ist eine Anklage gegen Unmenschlichkeit und eine Hoffnung für Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben.

In unserer Einrichtung MADHOUSE hatte er Freunde gefunden, ganz enge Freunde, wie Iosif und Iovanca Gaspar, die sich mit großer Fürsorge um ihn kümmerten. Zu mir hatte er ein besonderes Verhältnis.

Peter Höllenreiner hält eine Rede als Zeitzeuge, Alexander Diepold steht ihm zur Seite

Er bot jede nur mögliche Unterstützung an, um durch seine Vita ein Vermächtnis für alle Menschen zu hinterlassen, mit der dringenden Botschaft, in einen Dialog einzutreten, bezüglich rechtspopulistischer Strömungen und Rassismus und gegen selbige anzukämpfen sowie die Erinnerung an unsere Menschen, den Sinti & Roma, zu bewahren und deren Erinnerungsorte zu heiligen Orten zu erklären. Heute ist ein großer, aufrichtiger, ehrlicher und mutiger Mann gegangen, der bereit war, ein Unbequemer zu sein, der niemandem gegenüber ein Blatt vor den Mund nahm, um sich für gleichberechtigte Teilhabe einzusetzen, vor allem für umfassende Bildungschancen für unsere Leute. Und immer war da jene reichende Hand, jedem Menschen gegenüber, unabhängig von der Rasse, von der Religion, von der Abstammung, von der Hautfarbe, vom Geschlecht oder von ungewöhnlichen Lebensentwürfen. Er hielt an Tugenden fest. Arbeit, Ehre, Loyalität, Zuverlässigkeit, Menschlichkeit, Respekt gegenüber dem Leben, Ehrlichkeit, tiefe Freundschaften, Redlichkeit – er war ein Mann von Stolz und Achtung.

Wir, das Madhouse-Team haben Peter kennenlernen dürfen und wollen mit diesem Nachruf unsere höchste Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Wir danken ihm von Herzen für seine Lebensgeschichte, für seine Liebenswürdigkeit, seine große Wertschätzung unserer Arbeit gegenüber und ich hm ganz besonders für seine väterliche Freundschaft.



Weitere Beiträge zum Thema “Sinti & Roma” im > jourfixe-Blog:

“Porajmos” (= “das Verschlingen”) Zum 75. Jahrestag der ersten Deportation von Sinti & Roma aus München, am 13.März 1943 > LINK


Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“: Eindrücke, Bilder, Videos & Anmerkungen zum 75. Jahrestag der Deportation der Münchner Sinti & Roma> LINK


Empfehlenswerte ZDF-Dokumentation
Sinti und Roma – Eine Deutsche Geschichte” – In der ZDF-Mediathek aufrufbar > UNTER DIESEM LINK

Erstaustrahlung in der Sendung ZDF-HISTORY, Sonntag, 28. Juli, 23.45 Uhr