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Am 20.9.2020 konnte endlich das bereits für März angekündigte Konzert „Cancionero de la Sablonara“ mit Ensemble Phoenix Munich und seinem Leiter Joel Frederiksen in der Allerheiligen-Hofkirche der Residenz München vor Corona-bedingt ausverkauftem Haus stattfinden. Unter dem Titel „Cancionero de la Sablonara – spanische Hofmusik aus dem 17. Jahrhundert“ erklangen spanische Großmeister dieser Epoche, die nur noch selten Gehör finden. Natürlich kreisen die Themen dieser Lieder, deren Dichter meist aus dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ Spaniens, dem „Siglo d’oro“ stammen,  in erster Linie um die Liebe.

Von den insgesamt 75 überlieferten “toni“ kamen 17 zur Aufführung, in solistischer Besetzung bis hin zu vierstimmigen Gesängen (Maria Andrea Parias – Sopran, Petra Noskaiová – Mezzosopran, Colin Balzer -Tenor, Joel Frederiksen – Bass). Die Begleitung auf historischen Instrumenten (Christoph Eglhuber – Barockgitarre, Theorbe, Percussion, Ryosuke Sakamoto – Viola da Gamba, Laute, Joel Frederiksen – Vihuela, Laute), basiert – so erklärte Joel Frederiksen – auf überlieferten spanischen Zeugnissen, z.B. den Besetzungslisten der Hofkapelle bzw. ikonographischen Quellen. Denn in dem Codex hat Schreiber Claudio de la Sablonara nur die Gesangsstimmen aufgenommen. Hinweise auf die Verwendung von Instrumenten fehlen. Nach gängiger Praxis dieser Zeit wurden sie „colla parte“, also die Gesangsstimmen verstärkend oder auch frei phantasierend eingesetzt.

Charakteristisch für die weltliche Musik am spanischen Hof in dieser Epoche ist, dass sie sich relativ unabhängig von musikalischen Einflüssen aus dem Ausland weiterentwickelte. Nur Mateo Romero (ca. 1575-1646), genannt „Capitán“, der Komponist, von dem am meisten Lieder in dieser Handschrift überliefert sind, stammte noch aus Flandern und brachte von dort die Musiktradition der franco-flämischen Schule mit. Die anderen Hofkomponisten, die in diesem Codex verewigt sind, waren Spanier, die die polyphone Setzweise weiterentwickelten und später auch Elemente der volkstümlichen Musik Spaniens übernahmen, was sich bereits in den Gattungsnamen „Sequidillas“, „Novenas“ oder „Endechas“ bemerkbar macht. Gerade diese Mischung aus „spanischer Folklore“ und der noch immer vorhandenen polyphonen Schreibweise machte den besonderen Reiz dieses Konzerts aus, sich in eine relativ eigene Musiktradition Spaniens weltlicher Musik hineinzuhören.

Joel Frederiksen und seine Musiker*innen hatten offensichtliches Vergnügen an dieser Musik. Ein schmerzvolles ‘¡Ay!’ (Oh, ich sterbe vor Eifersucht) bedurfte kaum einer Übersetzung. Ein ausgewogenes Stimmengeflecht der vier Sänger*innen, abwechslungsreiche Besetzung, spannende Refrains und Couplets, die gekonnt variiert wurden, machten dieses Konzert zu einem kurzweiligen Vergnügen von höchstem Kunstgenuss.

Vorab führten im benachbarten Instituto Cervantes Munich die Handschriftenexperten Dr. Veronika Giglberger und Benhard Lutz der Bayerischen Staatsbibliothek in die spannende Provenienzgeschichte dieser Handschrift ein. Man vermutet, dass der Schreiber Claudio de la Sablonara ab den 1620er Jahren mit seiner Fertigung beschäftigt war. Sein Name ist im Vorwort verbrieft, das Datum der Fertigstellung aber bleibt unerwähnt. Als Geschenk an Wilhelm Wolfgang Pfalzgraf und Herzog von Neuburg und Jülich-Berg kam sie vermutlich nach dessen Spanienreise 1624 in seinen Besitz, aber auch nicht später als 1633, da in diesem Jahr Sablonara in den Ruhestand versetzt wurde. Mit dem Umzug des kurpfälzisches Hofes 1777 unter Karl Theodor, einem Nachkommen dieser Linie, wurde vermutlich auch der Codex nach Bayern gebracht und dem Besitz der Wittelsbacher zugeführt. Heute zählt dieses Unikat, jetzt in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek, zu einer der wenigen Überlieferungen weltlicher spanischer Hofmusik des 17. Jahrhundert, denn durch den Brand im Alcázar von Madrid 1734 und nach einem Tsunami in Portugal 1744 gingen viele Quellen dieser wunderbaren Musik verloren.

Ulrike Keil (Dr. Keil Musikpromotion)

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