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“Anna von ganz Russland” nannte man die russische Poetin und literarische Zeitzeugin des Stalisnismus, “die das Schicksal zu einem Denkmal für Leid, Einsamkeit, Stolz und Mut formte.”

Anlässlich ihres 130. Geburtstags widmet ihr MIR, das Zentrum für russische Kultur in München eine literarisch-musikalische Hommage.

Mitwirkende, u.a.:
Tatjana Lukina und Karin Wirz (Textvortrag)
Svetlana Prandetskaya (Gesang), Andrey Parfinovitch (Gitarre)

Kartenvorbestellung unter Tel. 089/ 351 69 87


Anna Achmanowa  1922 Kuzma Petrov-Vodkin

„Die Dichtung von Anna Achmatowa, ihr Schicksal, ihre Gestalt – schön und majestätisch – verkörpern Russland in den schwersten und tragischsten Jahren seiner tausendjährigen Geschichte. Anna von ganz Russland – so nannte sie Marina Zwetajewa.  Anna von ganz Rußland!

Sie war unbeugsam stolz, stolz auch in Erniedrigungen und in Todesangst; sie war demütig – eben demütig, aber nie unterwürfig; sie blieb spöttisch nüchtern selbst im höchsten Triumph, erhaben in Trauer und gelassen in Freude, sanft weiblich und unerschrocken mutig; eine strenge hellseherische Prophetin, die jugendhaft beherzt in die tiefsten Geheimnisse des Lebens einzudringen versucht; eine rationalistische Denkerin, die mit brillanten Gedankenblitzen auch erfahrene Wissenschaftler überraschte, und gleichsam eine Magierin, eine Zauberin, die selbst von den magischen Gewalten ihres eigenen musischen Wortes verzaubert war.”  Aus dem Nachruf des Schriftstellers Lew Kopelew am 31. März 1966


Aus einem Beitrag von Xenia Menschikowa:

“In der Sowjetunion war ihr Werk lange verboten, heute interessieren sich viele junge Russen für Anna Achmatowa.

(…) Ihre Poesie zeugt von Unabhängigkeit und Widerstand.  Anfang der 1920er Jahre erließ die Kommunistische Partei daher eine inoffizielle Anordnung: “Achmatowa nicht drucken, aber auch nicht verhaften.” Achmatowa schrieb: “Ich wurde in die erstbeste Wand eingemauert.”

Bis 1940 erschien keine Zeile von ihr. Erst während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von den Behörden für den Gedichtzyklus Der Wind des Krieges zur patriotischen Dichterin. Dessen ersten Verse schreibt Achmatowa während der Blockade Leningrads: “… wie um ein Stück Brot das Wimmern aufsteigt bis zum siebten Himmel …“.

 

Dichterin Anna Achmatowa 1925 und 1926

Im Herbst 1941 wurde sie nach Taschkent evakuiert, wo 1943 ihr neues Buch Ausgewähltes erschien. Aber schon 1946 strichen die sowjetischen Machthaber sie wieder aus der russischen Literatur. (…) Die Tragödie von Millionen spiegelt sich auch im Schicksal der Dichterin: die Erschießung ihres ersten Mannes, Haussuchungen, Verhaftungen und Lagerhaft von Verwandten und Freunden, Hunger und Not, totale Einsamkeit, literarische und kulturelle Isolierung, harte Zensur und ständige Überwachung. Im Oktober 1935 begann Achmatowa das Requiem zu schreiben, als Nikolai Punin, ihr dritter Mann, und ihr Sohn Lew Gumilew vor ihren Augen verhaftet wurden: “Der Mann im Grab, verhaftet der Sohn. Betet für mich um Gottes Lohn!”

Anna Achmatowa um 1950

(…)  ihre Gedichte spiegeln alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts wieder, die ihr Land und ihr Volk getroffen haben. Während in Rundfunk und Presse die kommunistische Zukunft verkündet wurde, zeigen Achmatowas Werke die sowjetische Wirklichkeit und deren Opfer auf. Sie wurden Achmatova zu einem persönlichen Gedenkritual: “Ich würde gern alle beim Namen nennen – aber sie haben die Listen weggenommen, und nirgends noch können wir ihre Namen erfahren.” Der erste Teil des Satzes steht heute auf dem Petersburger Denkmal für die Opfer des Stalinismus.

Lydia Chukowoeskaja, eine enge Freundin der Dichterin, schreibt in ihrem Buch Aufzeichnungen über Anna Achmatowa:
“Achmatowas Schicksal ist mehr als ihr persönliches – vor meinen Augen hat es aus dieser verlassenen, starken und hilflosen Frau ein Denkmal für Leid, Einsamkeit, Stolz und Mut geformt.” (Xenia Menschikowa)

 

 

Das Verhältnis ihrer Landsleute beschrieb sie selbst einmal:

»Ich kenne überhaupt kein Land, in dem man Gedichte mehr lieben würde als in unserem und wo man sie mehr brauchen würde als bei uns. Als ich im Krankenhaus lag, bat mich… eine einfache Putzfrau: ›Es heißt, Bürgerin, Sie schreiben Gedichte… Könnten Sie mir nicht so ein kleines Gedicht aufschreiben, ich schicke sie ins Dorf…‹ Und es stellte sich heraus, daß sie jeden ihrer Briefe mit einem Gedicht beendete …«

(Anna Achmatowa)