Schon bei Erwähnung des Namens “Wodarg, Wolfgang” neige ich inzwischen dazu, an die virtuelle Decke zu gehen, fassungslos darüber, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht gleichermaßen von der Gefährlichkeit der Thesen dieses Mediziners überzeugt sind, wie ich. Zum Verständnis: Das Netz wird derzeit von Fake-News und Verschwörungstheorien geradezu überschwemmt! Mit denen habe ich mich in den vergangenen Tagen befasst, recherchiert und gegenrecherchiert. Bis zum Überdruss! Mir aus der Seele sprechend, hat dazu gestern auch der Journalist und Kulturmanager (Jazzfest München) Michael Wüst gepostet: “Also die Podcasts im NDR mit Christian Drosten sind absolut informativ (s. nachstehendes Video) und offensichtlich auf dem höchsten und besten wissenschaftlichen Stand.”

 

Michael Wüst weiter: “Aber, und das kann der FB-Troll nicht ertragen: Sie sind Mainstream. Dagegen muss verschworen werden, komme was wolle. Mainstream ist böse und selbst Verschwörung, nämlich Weltverschwörung. Der kleine tapfere Hobbit kämpft gegen die offizielle Welt: alles ist Lüge. Und er sucht Kampfgefährten. Jetzt also der nächste, nachdem Wodarg gefallen ist. (Anm. Mit “der nächste” ist Prof. Dr. Sucharit Bhakdi gemeint, s. Video am Absatz-Ende) Aber ja, die Freiheit der Meinung! Schließt sie wirklich das Recht auf Dummheit ein?”

Mit jener von Michael Wüst angesprochenen Art von Dummheit habe ich auch meine Probleme, denn ich definiere sie im Sinne eines beharrlich die Augen Verschließens, eines unreflektierten Nachplapperns oder auch eines unbelehrbaren Festhaltens an Stereotypen, wie z.B. das des berechnenden Staates, dessen Spitzenpolitiker die Bedrohungslage übertreiben, weil sie nur darauf bedacht sind, die Corona-Krise für eigene Interessen auszunutzen und daher zu unverhältnismäßigen Mitteln greifen …

Gaby dos Santos, 1976, Lugano

Das Propagieren solcher Einstellungen empfinde ich als in der jetzigen Lage höchst kontraproduktiv und zudem unfair gegenüber den Politiker*Innen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie sich für uns alle wirklich engagieren und es sich bei ihren Entscheidungen auch keinesfalls leicht machen. Außerdem empfinde ich solcherart Haltung als unverständlich angesichts des großen Leids in Italien. Die Vorgänge dort – und inzwischen auch im Tessin – sind für mich auf einer ganz persönlichen Ebene neuralgisch, denn genau in dieser Gegend, in der Lombardei, an der Grenze zur italienischen Schweiz, bin ich aufgewachsen. Dort leben meine Jugenderinnerungen weiter und eine ganze Reihe Schulfreund*Innen. Entsprechend nah gehen mir die Berichte aus erster Hand, die mich von dort erreichen. Daher und angesichts der vielen Toten, tue ich mich mit Verharmlosungen im Stil von “nicht gefährlicher als eine Grippe” sehr schwer, denn obgleich ich die Gefährlichkeit von Grippe noch nie unterschätzt habe (ein Kollege von mir ist daran ziemlich jung gestorben), empfinde ich solcherart Relativierung, angesichts der vielen Toten in Italien als unerträglich. Auch halte ich die momentane Lage für sehr ernst und die Maßnahmen der Regierung für angemessen. Siehe dazu auch in der SZ: “Coronavirus – Das Internet wird von dubiosen Entwarnungen überschwemmt. Doch die sind zu schön, um wahr zu sein. Auch wenn nicht sicher ist, wie tödlich das Virus wirklich ist – die Zeit zum Handeln ist jetzt, bekräftigen Experten.” > LINK

Leider aber habe ich das Kind dabei mit dem Bade ausgeschüttet: Eva Schmidt, Chefin von RADIO MÜNCHEN und jourfixe-Mitglied,  postete vorgestern das berühmt-berüchtigte Video von Wolfgang Wodarg, doch im Gegensatz zu den von Michael Wüst zu recht kritisierten “Facebook-Trollen” betreibt sie seriösen Radio-Journalismus. Allein lagen ihr noch nicht die Informationen vor, von denen ich längst Kenntnis hatte, ebenso wie viele andere auch. Und so fand Eva sich unvermittelt in einem Shitstorm wieder. Dem setzte sie eine Reihe sachlicher Fragen entgegen, mit mäßigem Erfolg. Soweit ich mitbekommen habe, erhielt sie kaum brauchbare Antworten, dafür entweder Likes oder Verrisse. Die Fortsetzung folgte gestern, nachdem Eva auf die Thesen von Prof. Dr. Sucharit Bhakdi gestoßen war, mit denen ich mich längst befasst, und die ich für mich verworfen hatte. Im Verlauf des Tages entwickelte sich auf Eva Schmidts Seite ein Disput, im Zuge dessen ich mich immer mehr emotionalisierte und dabei von Anliegen entfernte, die mir doch wichtig sind: Toleranz und das Recht auf Meinungsvielfalt! Und letztere  entwickelt sich in einer heterogenen Gesellschaft nun mal in ganz unterschiedliche Richtungen … Das gelten zu lassen, hatte ich, im Verlauf der Facebook-Debatten, aus den Augen verloren. Dafür entschuldige ich mich bei Eva Schmidt, die in ihren Posts nur das getan hat und tut, was Medienleute nun einmal tun müssen, nämlich hinterfragen!

Beitragsfoto von Medien-Mann Mathias Döpfer in der WELT, Quelle: Max Threlfall

Sich Fragen stellen, das hat auch ein prominenter Kopf dieser Republik mit einem bewegenden Artikel getan und mich damit aus meiner Verbohrtheit befreit, auch wenn ich seine Meinung passagenweise nicht ganz teile: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, veröffentlichte in der WELT den Beitrag “Ich habe Zweifel“, in dem er offen und in klarer Sprache seine persönlichen Pro und Kontras schildert, das Ringen nach Wahrheiten und seine Sorgen bezüglich der weitreichenden Folgen, die die jetzt von der Regierung getroffenen Maßnahmen für unsere Gesellschaft nach sich ziehen werden – Bedenken, die übrigens auch schon von Professor Julian Nida-Rümelin in diversen Beiträgen thematisiert wurden. Leider – wie ich gerade erfahre – ist dieser Artikel inzwischen durch eine Pay-Wall gesperrt.

Letztlich “weiß niemand nix Genaues” zu Corona und ansatzweise Erkenntnisse sollten nicht zu spaltenden Ideologien geschlussfolgert werden … gerade jetzt nicht!