Sicherlich, schon lange bevor Joe Pass die Jazzwelt der 60er aufhorchen ließ, gab es Gitarristen, die auch ganz auf sich gestellt keine schlechte Figur machten. In der Swing-Ära, als man das Akkord-Solo noch pflegte, war es für einen Dick McDonough oder einen Django Reinhardt sogar noch eher selbstverständlich als im frühen Modern Jazz, wo das single line-Spiel eindeutig dominierte. Doch auch die modernen Gitarristen von Barney Kessel über Tal Farlow bis Wes Montgomery haben schon mal ihre Begleiter an die Theke geschickt, um zu zeigen, wie gut es auch ohne sie geht. Wenn uns aber heute der Sologitarrist im Jazz nicht geringer dünkt als der Solopianist, wenn wir ihm zutrauen, dass er uns nicht etwa nur für ein zwei Stücke oder ein Set, sondern ganze Konzerte und Alben hindurch zu fesseln vermag, so ist es vor allem das Verdienst von Joe Pass.

Trotz Eddie Lang, Charlie Christian und all ihren Nachfolgern, hat erst Joe Pass für den Jazz ein Gegenstück zur alterehrwürdigen, noch aus Lautenzeiten stammenden Solotradition der Klassik geschaffen. Indem er nicht nur bei vielen Gelegenheiten auf Klavier, Bass und Schlagzeug verzichtete, sondern sie kurzerhand selbst verkörperte, hat er das Instrument endgültig aus dem Ghetto der Rhythmusgruppe befreit. So hat der freundliche Italoamerikaner, der zu einer Zeit bekannt wurde als die Rockgitarren laut aufjaulten und die Brandung des Free im Jazzmeer tobte und schließlich zu einer Institution wurde als Jazzrocker das Feld beherrschten, mit seiner virtuosen, aber alles andere als neutönerischen Konzeption unendlich viel zur Emanzipation seines Instrumentes beigetragen. Als Solist konnte er (bei einer für damalige Verhältnisse recht niedrigen Phonhöhe) eine ganze Combo ersetzen, in dem er Basslinien, Akkorde und single-lines so geschickt kombinierte, dass mancher Hörer der Illusion erlag zwei Gitarristen zu hören. Meistens bediente er sich dabei nur seiner Finger, wechselte aber während des Spiels immer wieder zum Plektrum.

Sein phantasievolles, melodisches Spiel klang auch bei rasantesten Läufen stets blitzsauber und klar. Elektrische oder gar elektronische Mätzchen hatte der “Art Tatum der Gitarre” nicht nötig, die dezente Verstärkung seiner Gitarren (darunter eine speziell für ihn angefertigten Ibanez) bewahrte das akustische Klagideal. Er hätte auf jegliche Verstärkung verzichtet, hätte er sich nicht in riesigen Hallen vernehmen lassen können. Zwar hatte sich der im besten Sinne eklektische Pass bei der heute fast darniederligenden Kunst der Akkordsolistik hörbar an prämodernen Vorbildern geschult, andererseits waren sein harmonisches Raffinement und seine Phrasierung Kinder der Moderne. Entsprechend kannte auch sein Repertoire, solange es im weitesten Sinne zum “Mainstream” gehörte, keine Grenzen: Die ätherisch verhauchende Ballade und das Great American Song Book beherrschte er ebenso wie die schwindelerregende Charlie Parker-Nummer und schließlich war er, was oft unterschlagen wird, ein Meister des Blues.

Der Meilenstein: Das Pablo-Album „Virtuoso“. Doch genauso wie es das Bild suggeriert klingt es nicht: Man hat selten das Gefühl, pass müsse sich den Schweiß von der Stirn wischen. Im Gegenteil. Selten klang Höllenschweres so sehr wie ein Kinderspiel.

Ein Album ragt als Wendepunkt in der Geschichte der Jazz-Gitarre heraus: Es heißt „Virtuoso“ und stammt aus dem Jahr 1973. Es folgten weitere Alben, in denen er die Kunst des Solospiels noch verfeinerte, oft mit „Virtuoso“ im Titel.

Doch setzte Pass nicht nur unerreichbare Maßstäbe für das das Solo-Spiel, sondern sein kammermusikalischer Sinn machte ihn auch zum idealen Duopartner. Ob im Duo mit Ella Fitzgerald, J.J.Johnson oder seinem kongenialen Kollegen Herb Ellis – die intime Zwiesprache mit Joe Pass geriet stets. Und welche Sängerin (Sarah Vaughan, Carmen McRae…), welcher Instrumentalist (Zoot Sims, Stéphane Grappelli…) wußte nicht gerne Joe Pass zur Seite, dessen Intros und Begleitungen stets auch hervorragende Leistungen der leader inspiereten?

Spielgefährten: Herb Ellis und Joe Pass. Herb Ellis meinte über seinen Duopartner: “He has the Guitar under control as good and maybe better than most anybody you name.”

Meister des Solos, Meister der Kleinst- und Kleinbesetzungen wie Duo und Trio. Das klingt so, als sein Joe Pass nur ein subtiler Kammermusiker gewesen. Doch gab es noch einen dritten Joe Pass, einen König im Getümmel der Jam Sessions, der mit einem Count Basie, einem Oscar Peterson oder einem Dizzy Gillespie auf Augenhöhe verkehrte.

Doch der Erfolg kam relativ spät für den Gitarristen, der erst mit 34 Jahren seine ersten eigenen Platteneinspielungen, die sogenannten “Catch Me-Sessions” (an denen unter anderem Clare Fisher beteiligt war) vorlegte. Dabei war der 1963 mit dem down beat New Star Award ausgezeichnete Musiker kein Spätstarter. Die Geschichte des 1929 in New Brunswick geborenen Joseph Anthony Passalaqua beginnt ähnlich wie die vieler Kinder: sie sehen etwas in einem Film und wollen es haben. Also erhielt er mit neun Jahren eine Gitarre zum Geburtstag. Mit 10, mittlerweile war die Familie nach Johnstown, Pennsylvania gezogen, begann der Sohn eines sizilianischen Stahlarbeiters sich ernsthaft mit seinem Instrument auseinanderzusetzen, nachdem er Aufnahmen der stilbildenden Giganten seiner Zeit gehört hatte: Charlie Christian und Django Reinhardt. Beiden hat er sein Leben lang seinen Tribut gezollt. Schon mit 14 stand er auf einer Bühne, um frühzeitig bei Größen wie Tony Pastor oder Charlie Barnet zu arbeiten. Mit 19 hat er einen Gig im Orchester von Ray McKinley und ein Jahr später finden wir unseren Gitarristen in N.Y. berühmter 52nd Street jammend an der Seite von Art und Bean, Bird und Diz, die zu den großen nichtgitarristischen Einflüssen wurden.

Leider stand sich Joe Pass einem frühen Erfolg selbst im Wege: Drogensucht und die damit zusammenhängenden Gefängnis- und Klinikaufenthalte kennzeichnen die frühen Jahre und stahlen ihm etwa ein Jahrzehnt. Erst als er sich 1960 für drei Jahre im Synanon Center Santa Monica kurieren ließ und “Sounds of Synanon” einspielte, bekam er diese Probleme in Griff. Er wurde in L.A. zu einem gefragten Studiomusiker. Zwar brach er, der Routine überdrüssig schon mal aus, etwa 1965-67 für eine Tour mit George Shearing, doch der große Erfolg kam erst, als er sich 1973 auf Anraten von Oscar Peterson dem Norman Granz-Label Pablo anschloß und Pass zum internationalen Festival-Star wurde. Für Norman Granz wurden auch die meisten seiner wichtigen Platten produziert.

Ein bekannter Kollege meinte einmal: “Wer achtet schon auf den Begleiter, wenn Ella singt”. Solche Probleme kannte Joe Pass nicht. Seine intimen Zwiesprachen mit Ella Fitzgerald fanden auf gleicher Augenhöhe statt.

Größen des Pablo-Labels wie Ella Ffitzgerald und Oscar Peterson wurden denn auf Touren und Plattensitzungen auch häufige Spielkameraden. Seither verließ ihn der Erfolg nicht mehr. Joe Pass genoß die Freundschaft seiner Kollegen, die Achtung der Kritiker und zudem die Liebe des Publikums. Bei Meinungsumfragen belegte er meist einen der ersten Plätze. In den Down Beat-Polls der allerletzten Jahre belegte er regelmäßig in der Sparte “akustische Gitarre” den 3.Platz nach John McLaughlin und Jim Hall. Der lebensfreudige Herr hatte auch einen Terminkalender, der ihm erlaubte, jeweils ein halbes Jahr in Kalifornien zu verbringen, um einer einseitigen Karriereausrichtung zu entgehen. “Musik ist Teil meines Lebens. Ich mache sie, um etwas zu geben. Nur denke ich nicht den ganzen Tag an Musik, wie ich spiele, wie der spielt. Meine zwei Kinder sind Teil meines Lebens. Meine Frau. Lesen. Die Freunde. Essen. über Filme reden. Heute gibt es viele, für die Musik alles ist. Ich mag das nicht!”

Als Lehrer am Musician’s Institute of Technology zu Los Angeles hatte er schlieálich auch die Möglichkeit den Nachwuchs zu fördern. Trotz persönlichen Erfolges sah Pass für den Jazz insgesamt schwarz: “Jazz, wie wir ihn gekannt haben”, so meinte er 1986 “stirbt aus… Ich bin nicht optimistisch in Bezug auf die Zukunft.” Vor 25 Jahren legte Joe Pass am 23. Mai für immer seine Gitarre aus der Hand. Seine Geheimnisse nahm nicht alle mit ins Grab. Hier ist eines davon: „Schlägst du einen falschen Ton an, dann lass ihn richtig erscheinen durch das, was du anschließend spielst.“

Einige interessante Fakten über Joe Pass –
Unter anderem die Antwort auf die Frage, warum es in seiner Musik so wenige Pausen gibt …


Kollege Les Paul: “You get Joe Pass all by himself and he can pretty well stun ya. He’s got some shit going that’s darn good.”



Dieser Gast-Beitrag stammt von Marcus A. Woelfle, Kulturjournalist (u.a. Bayererischer Rundfunk) und Jazz-Geiger sowie langjähriges Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, für deren Blog er bereits weitere Jazz-Portraits geschrieben hat:

 

Joe Pass
Dusko Goykovich der Meister der 5 B’s
Sepp Werkmeister, Doyen der deutschen Jazzfotografen
Ella Fitzgerald – Von der Obdachlosen zur Milionärin
Das Wichtigste im Jazz ist die Personality: Charlie Antolini



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