Um es vorweg zu nehmen: Der Cartoon-Kabarettist Muhsin Omurca ist Deutscher und zwar “staatlich geprüfter” Deutscher, anerkannt nach einem aufwändigen Einbürgerungstest und somit einer, der sich ganz bewusst für das “Deutsch sein” entschieden hat, ganz im Gegensatz zu all jenen Deutschen, die der Zufall als solche hat auf die Welt kommen lassen. Die bezeichnet er als “Bio-Deutsche”. Das vernahm eines Tages Cem Özdemir, als er in Stuttgart eine von Muhsins Vorstellungen besuchte. “Das klaue ich Dir“, verkündete der Grünen-Politiker spontan und verhalf der Wortschöpfung zu einer gewissen Bekanntheit, als er sie scherzhaft in einer Rede für Deutsche ohne Migrationshintergrund verwendete.

Muhsin Omurcas Begriff des “Bio-Deutschen” erlangte dank Cem Özdemir Bekanntheit

Ursprung und Kontext des Wortes gerieten in Vergessenheit, der Begriff verselbstständigte sich und nun wird tüchtig über den Begriff diskutiert und sich echauffiert:

“Es gibt ein neues Wort: biodeutsch. Die einen verwenden es, um zu betonen, wer eigentlich nach Deutschland gehört. AfD-Politiker wie der Greifswalder Rechtsprofessor Ralph Weber zum Beispiel. Der forderte von ‘inks-grünen Weltverbesserern’ und ‘Biodeutschen’, sich für die ‘deutsche Leitkultur’ einzusetzen. Dahinter steckt die Vorstellung, nur wer von Deutschen abstamme, könne selbst Deutscher sein. Weil das Gesetz das allerdings anders sieht, müssen die Rechtspopulisten unterscheiden: zwischen Deutschen laut Gesetz und ‘Biodeutschen’.  Was steckt dahinter? Woher kommt der Begriff ‘biodeutsch’? Gibt es das überhaupt – oder ist es nur eine Umschreibung, weil man sich nicht traut, ‘Arier” zu sagen?’, sinniert das Online-Magazin BENTO und klärt auf: “Die Suche nach den Ursprüngen des ‘Biodeutschen’ führt zuerst in eine ganz andere Richtung. Der Ulmer Kabarettist Muhsin Omurca soll den Begriff in die Welt gesetzt haben. (Böll-Stiftung)”

Zwischenzeitlich sei der Begriff sogar schon mal im Wettbewerb als Unwort des Jahres gelandet, erzählte Muhsin schmunzeld Thomas De Lates und mir, als wir letzte Woche seine Vorstellung im Gleis 1 in Unterschleißheim besuchten. Für mich ist der Wirbel um einen Begriff, der lediglich aus einem Kabarett-Programm stammt, exemplarisch für den Zustand unserer Gesellschaft, zwischen Hetze und Hysterie und einem blinden Aktionismus, der immer wieder zur Posse zu geraten droht.

Zur Vorbeugung gegen Fremdenhass empfiehlt Muhsin, ostdeutsche Babies mit den Kuschel-Türken Tamer- und Ayse-gotchi aufwachsen zu lassen und versichert: “Sie werden ihre Türken lieben lernen …”

Diesem ganzen Gewusel an Befindlichkeiten rund um Toleranz und Deutschtümelei, Fremden-Phobie und Rassismus, hält Muhsin einen bitterbösen Schneewittchen-Spiegel vor, in Form von Wortschöpfungen, wie sie nur die Feder eines wortgewaltigen Kabarettisten entstammen können, der die Sprache durch und durch beherrscht, sie jedoch aus der Perspektive all jener anwendet, die man als Bürger*Innen mit Migrationshintergrund bezeichnet. Diese personifiziert er auf der Bühne und ergänzt seine Ausführungen durch Cartoons, die einem akribisch sezierenden Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse entspringen. Dabei spielt er mit den vorherrschenden Klischees, die er teilweise bis zur Absurdität überzeichnet, wie beispielsweise seine -fiktive – Mutter Ayshe Omurca, die stur ihren Söhnen Ali und Muhsin die Integration verweigert, für ihren türkischen Lieblingsfußball-Club auch schon mal den Gebetsteppich ausrollt und noch immer felsenfest an eine Rückkehr in die Türkei glaubt.

Titelbild seines aktuellen Programms “Integration à la IKEA?”

Muhsin hält in seinem aktuellen Programm Ausschau nach vereinfachenden Lösungen: Vielleicht liesse sich ja so manches Integrationsproblem im Stil der skizzierten Anleitungen von IKEA aus der Welt schaffen? Mit einem Häkchen beim empfohlenen Vorgang? Oft genügt zur Lösung ja eine minimale Änderung, wie beispielsweise das Hinzufügen von ein wenig Weiß zum schwarzen Schleier der Muslimin …

Fazit des Künstler, mit bedrohlich breitem Grinsen: “Wir sind da, und wir werden bleiben.”

Das glaube ich auch. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland, diese Tatsache ist unumkehrbar und deshalb bedarf es dringend Kabarettisten vom Schlag eines “Kanakmän”, alias Muhsin Omurca, in der Funktion eines modernen Hofnarren. Gerade weil sich heutzutage die Herrschenden solcherart Quälgeister gar nicht mehr antun mögen und die Gesellschaft wiederum, als mitregierende Schicht, dieser Schelme dringend als Korrektiv bedarf!

Zu Beginn von Muhsins Vorstellung dachte ich, sein Humor wäre noch schneidender, noch schwärzer geworden, als 2003, als er im Rahmen des Türkischen Oktobers beim jourfixe-muenchen gastierte. Im Verlauf des Programmes wurde mir jedoch klar, dass nicht seine Pointen sich verschärft haben, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse!

Besuch uns bitte bald wieder, Kanakmän!


Biografie

Muhsin Omurca ist Cartoonist und Kabarettist. Er wurde in Bursa geboren und kam 1979 nach Deutschland.

Seine Cartoons ebneten ihm 1981 den Weg ins Künstlerleben. Zwölf Jahre lang zeichnete er für die Südwest-Presse und etwa acht Jahre für die Süddeutsche Zeitung. Sein 2002 erschienener Comic „Kanakmän“ wurde zuvor als Cartoon-Strip in der „taz“ erstveröffentlicht.

Ein Knobi-Bonbon-Plakat

1985 gründete Muhsin mit Sinasi Dikmen in Ulm das erste deutsch-türkische Kabarett „Knobi-Bonbon“. Nach zwölf erfolgreichen „Knobi“-Jahren, und ca.1500 Auftritten, ging Muhsin auf Solo-Pfade. Mit seinem „Tagebuch eines Skinheads in Istanbul“ landete er gleich einen Volltreffer. Der Lohn: der Deutsche Kabarett Sonderpreis 1998 und „Stern der Woche“ der Münchner Abendzeitung. „Tagebuch eines Skinheads in Istanbul“ ist das erste Cartoon-Kabarett in der deutschen Kabarettszene.

Muhsin tritt in Deutschland, Österreich, Finnland, Japan, Kanada, USA, Estland, Türkei und Lichtenstein auf. (…) > MEHR


> www.mussin.de



Die Bühnenfotos zeigen Muhsin Omurca während seines Auftritts am 12.9.2019 im “Gleis 1″, wo er auf Einladung des Migrationsbeitrates der Stadt Unterschleißheim gastierte