„Kultur in der Krise“ ist nicht nur das Motto einer Diskussionsrunde, die jourfixe-Mitglied Katrin Neoral und die freischaffende Sängerin Anamica Lindig gemeinsam für Ende September planen, sondern leider bittere Realität.  Mit verschiedenen Kulturschaffenden, bayerischen Landespolitikern und Pressevertretern möchten die beiden über die aktuelle Notlage derjenigen sprechen, die vorrangig von Live-Publikum leben, und entsprechende Lösungsansätze erörtern.

Am 3. August 2020 trafen sich die beiden Aktivistinnen zum ersten Mal persönlich für konkrete Planungen in der Pasinger Fabrik. Dabei unterstützten sie die jourfixe-Vorstände Sven Hussock und Raoul Koether mit hilfreichen Denkanstößen, kulturpolitischen Details und individuellen Erfahrungsberichten. Per Telefon zugeschaltet war Tourmanager und Musikpromoter Béla Rieger von Backstage Promotions, der den Initiatorinnen ebenfalls zur Seite steht. jourfixe-Neumitglied Max Ott hielt das Treffen in Bildern fest.

Zwei Frauen – ein Gedanke

Bevor sich Kulturmanagerin Katrin Neoral und Anamica Lindig kurzschlossen, hatten beide auf ihre Weise die existenziellen Nöte der Kultur- und Kreativbranche öffentlich thematisiert:
Katrin initiierte mit Unterstützung des Tonkünstlerverbands Bayern, des Netzwerks Freie Szene München, der Kulturplattform jourfixe-muenchen sowie 220 Privatpersonen eine Sammelpetition zur Nachbesserung des Bayerischen Hilfsprogramms für freischaffende Künstlerinnen und Künstler. Ihre Eingabe war im Kunstausschuss des Landtags erfolgreich, deshalb wird Staatsminister Bernd Sibler Anfang September dazu Stellung nehmen.  > BEITRAG

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> Mehr zu den Hintergründen der Petition:
Löcher im Bayerischen Rettungsschirm ….

Anamica wiederum organisierte eine Diskussionsrunde mit VertreterInnen der Musikbranche und Dr. Wolfgang Heubisch im heimischen Wohnzimmer. Mit dem kulturpolitischen Sprecher der FDP saß auch der Vize-Präsident des Bayerischen Landtags und ein ehemaliger Kunstminister mit am Tisch, den die Hartnäckigkeit der dreifachen Mutter überzeugte.

> SZ-Artikel zur Wohnzimmerdiskussion mit Dr. Heubisch

Unabhängig von einander beschlossen die beiden engagierten Frauen, ihrem Anliegen durch eine größere Diskussionsveranstaltung mehr Gehör zu verschaffen. Als Katrin über Facebook auf den Zeitungsartikel zu Anamicas heimischer Gesprächsrunde mit Dr. Heubisch traf, nahm sie kurz entschlossen Kontakt auf. Gleich beim ersten Telefonat merkten beide: “Gemeinsam sind wir einfach stärker.”

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Breites Themenspektrum: Hilfsprogramme mit Hürden & unflexible Auflagen

Schon bei den Planungen zum Treffen in der Pasinger Fabrik zeichnete sich ab, dass es schwer würde, das Themenfeld einzugrenzen. Deshalb sollten die Diskussionsteilnehmer dementsprechend gezielt ausgewählt werden. Im Gespräch mit den jourfixe-Vorständen Raoul Koether und Sven Hussock wurde Anamica und Katrin bewusst: Anders als ursprüglich geplant, sollten sie sich auf Landespolitiker fokussieren und die kommunale und Bundesebene mehr außen vor lassen. Für die Einladungen an Kulturschaffende legten sie sich auf die Strategie fest, unterschiedliche Sparten sowie Arbeitsbereiche und damit Themenfelder mit den Diskutanten abzudecken. Der kulturpolitisch versierte Raoul Koether, zeigte Katrin und Anamica außerdem verschiedene Formen von Diskussionsveranstaltungen auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schnell wurde klar: Es wäre wichtig, dass ein wirtschaftspolitischer Vertreter mitdiskutiert. Denn die Förderpolitik im Freistaat tut sich noch schwer mit der heterogenen beruflichen Realität vieler Kreativer. Während das Kunstministerium weiterhin einen relativ engen, klassischen Kulturbegriff verfolgt, fühlt sich das Wirtschaftsministerium für bestimmte kreative Leistungen und ihre Verwertung nicht zuständig, obwohl sie signifikante Steuereinnahmen generieren.

Katrin Neoral und Sven Hussock in der Pasinger Fabrik, beim Brainstormen zur geplanten Diskussionsrunde “Kultur in der Krise” > 28.9./Münchner Volkstheater

Im gemeinsamen Erfahrungsaustausch kam auch auf den Tisch, dass die unterschiedlichen Hilfen von Bund und Freisaat bei vielen Kulturschaffenden nach wie vor nicht wirklich ankommen, und viele Unsicherheiten bei den Betroffenen existieren, Fehler bei Anträgen zu machen. Konsens bestand auch darüber, dass der Hilfsbedarf  im Herbst und Winter steigen wird, wenn Open Airs als Alternative wegfallen, an die sich aktuell ohnehin fast nur öffentlich geförderte Veranstalter wagen. Deutlich wurde zudem, dass es sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem „vereinfachten“ Zugang zur Grundsicherung gibt. Auch die schwer nachvollziehbaren unflexiblen Auflagen für Kulturveranstaltungen fanden Eingang in die Themenliste.

Gemeinsam sind wir stärkerAnamica Linding (li.) und Katrin Neorall

Nach zwei Stunden war klar: Es gibt viel Diskussionsstoff, und vor Katrin und Anamica liegt noch jede Menge Arbeit. Aber beide sind fest entschlossen ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Kulturbranche Ende des Jahres nicht von einer Insolvenzwelle überrollt wird.


Mehr zur Sammelpetition >