„Der Point of no Return war nicht einfach nur ein reißerischer Untertitel, das hat unsere Diskussion im Münchner Volkstheater klar gezeigt: Für viele im Kultur- und Veranstaltungsbereich steht er wirklich kurz bevor“, beschreiben jourfixe-Mitglied Katrin Neoral und Anamica Lindig, die Initiatorinnen der Veranstaltung „Kultur in der Krise“, die am 28. September über die Große Bühne des Münchner Volkstheaters ging.

Hier ein Video-Mitschnitt der Diskussion:

Das Diskussionskonzept: Perspektivwechsel der Landespolitik

Wochenlange inhaltliche und organisatorische Vorarbeit haben die Kulturmanagerin und die Sängerin ehrenamtlich in das Projekt investiert. Ihr Konzept: In einer ersten Runde sollten sich Bernd Sibler (CSU), Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Rainer Ludwig (FW), in Vertretung von Staatsminister Hubert Aiwanger, und die drei kulturpolitischen Sprecher ihrer Parteien Susanne Kurz (Bündnis 90/Grüne), Volkmar Halbleib (SPD) und Dr. Wolfgang Heubisch (FDP) in die Perspektive unterschiedlicher Kulturschaffender versetzen: „Vor welchen Herausforderungen würden Sie stehen, wie würden Sie damit umgehen und was würden Sie sich von der Politik erwarten?“ Nach einem kurzen Realitätscheck sollten in zwei Runden Macher hinter der Bühne und Künstler ihre Situation darstellen und Fragen oder Vorschläge an die Politiker richten.

Copyright: Max Ott

Da sie sich inhaltlich intensiv mit bestehenden Hilfsprogrammen und alternativen Lösungen auseinandergesetzt hatten, nahmen Katrin Neoral und Anamica Lindig auch die Herausforderung an die Diskussion zu leiten. „Das war wirklich ein Kraftakt, weil die Emotionen bei manchem Teilnehmer hochkochten und die Politiker ihren gewohnten Schlagabtausch auch auf der Bühne und vor der Live-Stream-Kamera fortsetzten“, beschreiben die beiden. „Wir hatten auch unterschätzt, wie vehement selbst ein kommunal getragenes Haus wie das Münchner Volkstheater schon jetzt von Sparmaßnahmen betroffen ist.“

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Anamica Lindig & Katrin Neoral

Empathie gefragt: Rollentausch der LandespolitikerInnen

Bei ihrem Perspektivwechsel bewiesen die LandespolitikerInnen größtenteils die Bereitschaft, sich individuell in die Situation eines freischaffenden Jazzmusikers, eines Intendanten und Geschäftsführers eines kommunal getragenen Theaters, eines Veranstalters von deutschlandweiten Großkonzerten, eines Betreibers einer privaten Kabarett- und Musikbühne und eines Techno-Clubbesitzers hineinzuversetzen. Dabei kamen Aspekte auf wie: Trotz Verständnis für das Problem sich ändernder Infektionszahlen sei es nun an der Zeit, mit Corona leben zu lernen, den Hygienekonzepten und dem Verantwortungsbewusstsein von Kulturveranstaltern mehr Vertrauen zu schenken. Die Branche brauche mehr Planungssicherheit und klarere Regelungen, und die Möglichkeit zu arbeiten – begleitet durch passgenaue Hilfs- und Fördermaßnahmen. Als Rückgrat der Kultur bekomme die Freie Szene immer noch zu wenig Unterstützung.

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StM Bernd Sibler, Rainer Ludwig, MdL (FW), Volkmar Heubisch, MdL (SPD), Dr. Wolfgang Heubisch (FDP), MdL, Sanne Kurz, MdL (Bündnis 90/Die Grünen)

Verhärtete Fronten: „Politikversagen“ trotz Kulturrettungsschirm

Im Anschluss füllte die wahre Brisanz des bevorstehenden Kahlschlags im Kultur- und Veranstaltungsbranche die Bühne, die durch die kulturpolitischen SprecherInnen der drei Oppositionsparteien verstärkt wurde. Dabei war der Grundtenor: Durch ihre strengen Maßnahmen im Kultur- und Veranstaltungssektor und durch die Ungleichbehandlung mit Bereichen wie dem ÖPNV und der Gastronomie habe die Staatsregierung für eine massive Verunsicherung unter den Bürgerinnen und Bürgern gesorgt.

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Hausherr Christian Stückl kämpfte leidenschaftlich für schnellere und klarere Regelungen der Politik und erklärte die Kultur zur kommunale Pflichtaufgabe, die im Zuge der unvermeidlichen Sparmaßnahmen von einigen im Münchner Stadtrat als freiwillige Leistung zur Debatte gestellt werde. Er brachte auch seine Rolle als Arbeitgeber für viele Mitarbeiter ins Spiel und plädierte an die Geschlossenheit der Landespolitik: Parteipolitische Interessen dürften in dieser krisenhaften Lage keine Rolle spielen, alle müssten an einem Strang ziehen.

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Christian Stückl

Dieter Semmelmann, Geschäftsführer der Agentur Semmel Concerts Entertainment GmbH forderte einheitliche Regelungen der Bundesländer, um Tourneeplanungen zu erleichtern, mehr Planungssicherheit, die Besucherzahlbeschränkungen auf die tatsächliche Raumgröße anzupassen, Sitzpläne im Schachbrettmuster oder gar eine Vollbesetzung mit Maske in gut belüfteten Hallen zu ermöglichen. Testläufe mit nur 500 Besuchern wie in Bayern seien für seine Branche keine Hilfe. Erst bei 70 bis 80 Prozent Auslastung könnten kommerzielle Anbieter kostendeckend veranstalten. Er machte außerdem deutlich, wie viele Beschäftigte hinter einem Konzert stünden, die nun komplett durchs Raster fielen: Künstler, Techniker, Roadies, Caterer, Fahrer, Künstlermanager, Promoter und viele mehr. Wenn seine Branche nicht ab November eine klare Perspektive für das kommende Jahre bekäme, wären in sich greifende, gut funktionierende Gewerke für immer verloren. Er empfahl außerdem einen Blick ins Nachbarland Österreich, wo demnach ein Schutzschirm für die gesamte Veranstaltungsbranche gespannt wurde, indem u.a. sämtliche Fixkosten der Unternehmen für 2020 und gegebenenfalls auch 2021 vom Staat aufgefangen würden.

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Dieter Semmelmann

Auch Veranstalter und Spielstättenbetreiber Till Hofmann warf der Landespolitik vor, die Zahl der Betroffenen in der Branche unterschätzt zu haben. Er plädierte für ein Kurzarbeitergeld für Soloselbstständige, das sich längst über die Finanzämter hätte abwickeln lassen. Außerdem führte er die Problematik ins Feld, dass seine Spielstätten wie das Münchner Lustspielhaus oder die Lach- und Schießgesellschaft zu klein für die aktuellen Schutzauflagen seien und dass der Staat größere Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung stellen sollte. Hofmann machte außerdem deutlich, dass er als privater Veranstalter in erster Linie keine Hilfsmaßnahmen sondern Arbeitsmöglichkeiten möchte. Er kritisierte zudem Gratis-Kulturangebote der Stadt München, die den Wert von Kulturveranstaltungen verzerrten und die private Veranstalter, die auf Einnahmen angewiesen seien, zusätzlich in Schwierigkeiten bringen würden.

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Till Hofmann

Liedermacher, Kabarettist und Schauspieler Roland Hefter skizzierte die Situation der Künstler, die viel Zeit investieren müssten, um ihre fachlichen Fertigkeiten zu erhalten und über PR-Maßnahmen auf Social-Media-Kanälen und über andere Aktionen nicht vom Radar des Publikums zu verschwinden, wenn sie keine Auftritte absolvieren könnten. Er brachte seine eigene Idee eines Fördermodells über „Geistertickets“ ein, um Veranstalter zu unterstützen und gleichzeitig Missbrauch zu verhindern: Der Staat sollte dieselbe Zahl der verkauften Tickets als Zuschuss erwerben.

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Roland Hefter

Edmund Wächter, der als Vorstandsmitglied des Tonkünstlerverbands München den Tonkünstlerverband Bayern vertrat, legte dar, dass seine 3000 Mitglieder unmittelbar vom Lockdown betroffen waren, weil viele ohnehin am Rande des Existenzminimums lebten und keine großen Rücklagen hätten. Für sie sei besonders verwirrend gewesen, welches Hilfs- und Förderprogramm wo und wie zu beantragen sei. Da hätte sein Verband viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Besonders die zahlreichen Nachbesserungen beim Künstlerhilfsprogramm für Lebenshaltungskosten, das erst nach der Corona-Soforthilfe für Betriebskosten eigeführt wurde, hätten zu dieser Situation beigetragen.

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Edmund Wächter

Sven Hussock, freischaffender Schauspieler, Sprecher, Regisseur und 1. Vorstand der Kulturplattform jourfixe-muenchen, fügte an, dass viele, die sehr früh Corona-Soforthilfe beantragt und diese auch bekommen hätten, als noch nicht eindeutig klar war, dass diese nur für Betriebsausgaben zählte, die Künstlerhilfe nicht mehr beantragen konnten: Sie wussten einfach nicht, wie viel sie von der Soforthilfe zurückzahlen sollten. Viele hätten massive Angst gehabt, Fehler zu machen, weil sie mit bürokratischen Abläufen nicht vertraut und im Antragsformular Strafen bei Falschangaben angedroht worden seien. Außerdem legte Sven Hussock dar, warum die Grundsicherung für die berufliche Realität von kreativen Soloselbstständigen keine angemessene Alternative sei: Ihre Handhabung verdamme zur Untätigkeit oder zum Wechsel in einen anderen Beruf. Außerdem verwehrten die weiter bestehenden Kriterien der Bedarfsgemeinschaft und der Begrenzung des nicht antastbaren Vermögens auf 60.000€ vielen den Zugang. Hussock schlug einen fiktiven Unternehmerlohn von 1.180€ monatlich angelehnt an das Modell in Baden-Württemberg vor.

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Sven Hussock

Die Perspektiven der Landesregierung: Uneinigkeit in der Koalition

Staatsminister Bernd Sibler legte dar, dass er für eine verantwortbare Öffnung im Kulturbereich mit qualifizierter Erhöhung der Besucherzahl in geeigneten Räumlichkeiten stehe, die aber in die Gesamtstrategie der Staatsregierung eingepasst werden müsse. Der Testlauf mit 500 Besuchern werde aufgrund der steigenden Infektionszahlen deshalb erst einmal weiterhin beschränkt auf drei Häuser fortgesetzt.

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StM Bernd Sibler

Er führte gut funktionierende Hilfsmaßnahmen wie das bayerische Spielstättenprogramm ins Feld, räumte aber auch Probleme bei der Umsetzung des Künstlerhilfsprogramms ein: Nur 20 Mio € von den bereitgestellten 140 Mio € seien ausbezahlt, weil nicht wie erwartet 60.000 sondern nur 10.000 Anträge gestellt und davon nur 8.000 bewilligt wurden. Dies erklärte er vor allem mit Abstimmungsproblemen und Kommunikationslücken, was zukünftig durch den neuen Ansprechpartner für die Freie Szene in seinem Ministerium und einen direkteren Austausch mit den Betroffenen behoben werden soll. Er stellte weitere Unterstützung in Aussicht, auch wenn der Tagesordnungspunkt Kultur von der Agenda der Kabinettssitzung am 1. Oktober gestrichen wurde und das Künstlerhilfsprogramm am 30. September ausläuft. Abschließend verwies er darauf, dass laut Umfragen 80% in der Bevölkerung den Maßnahmen der Regierung zustimmten und die Richtlinien gemeinsam mit der Bundesregierung abgestimmt werden müssten.

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StM Bernd Sibler

Rainer Ludwig versprach in Vertretung von Staatsminister Hubert Aiwanger, sich in der Koalition für die Aufhebung der pauschalen Besucherzahlbegrenzung und für eine Anpassung an die Raumgröße einzusetzen. Auch wollte der kleine Koalitionspartner den Kurs verfolgen, den Leuten die Angst vor Veranstaltung zu nehmen. Eine Antwort darauf, warum das Wirtschaftsministerium, dass Anfang März mit dem 2. Bayerischen Kultur- und Kreativwirtschaftsbericht die Bedeutung der Branche als entscheidenden Wirtschaftsfaktor im Bayern gefeiert, aber nach dem Lockdown keine gezielten Hilfen für die besonders betroffenen Teilbereiche, die von Live-Publikum lebten, entwickelt habe, blieb er schuldig. Auch bei der Nachfrage nach der Höhe der beantragten Mittel für die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft im Doppelhaushalt 2021/22 blieb er mit etwa 2 Mrd € vage.

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Rainer Ludwig, MdL (in Vertretung von StM Hubert Aiwanger)

Ergebnisse und Fazit

Die Diskussionsergebnisse fasste der 2. Vorstand der Kulturplattform jourfixe-muenchen, Hochschul-Dozent, Publizist, Krisenprojektmanager und Kommunalpolitiker Raoul Koether anschaulich in einem Schaubild zusammen:

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Raoul Koether, 2. Vorstand jourfixe-muenchen

Auch wenn die Diskussion weniger konstruktiv verlief, als es sich Katrin Neoral und Anamica Lindig erhofft hatten, sehen sie die Veranstaltung als einen Schritt auf dem Weg zu mehr praxisnahen Lösungen und klaren Perspektiven für einer Branche, die die Landespolitik trotz Kulturrettungsschirm in ihren vielfältigen Herausforderungen zu wenig auf dem Schirm hatte: „Wir hoffen, dass die Ergebnisse unserer Diskussion zeitnah in die weiteren Diskussionen der Staatsregierung eingehen und dass vor allem noch mehr Bewusstsein für die Problemlage entstanden ist.“

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Dank an die Unterstützer

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Katrin Neoral, Volkstheater-Intendant Christian Stückl und Anamica Lindig

Katrin Neoral und Anamica Lindig bedanken sich bei Christian Stückl und seinem Team für die intensive Unterstützung des Münchner Volkstheaters, das seine Große Bühne mietfrei zur Verfügung gestellt, die technische und logistische Betreuung vor Ort gestemmt, ein Hygienekonzept vorgelegt und umgesetzt, intensiv bei der Pressearbeit unterstützt und einen Live-Stream auf die Beine gestellt hat. Der Kulturplattform jourfixe-muenchen verdanken die beiden die Möglichkeiten einer unabhängigen Kommunikationsplattform, begleitende Social-Media-Aktivitäten, Kontakte in der Branche und die Unterstützung von Raoul Koether, der den beiden Organisatorinnen half, ihren Fokus nicht zu verlieren, und noch auf der Bühne die Diskussionsergebnisse zusammenfasste.

„Als Mitglied einer Kulturplattform wie jourfixe-muenchen bekommt man vielfältige Unterstützung. Es besteht wie überall natürlich auch die Gefahr, dass Interessenskonflikte entstehen, wenn eine Institution ein Projekt unterstützt, das aus einer Privatinitiative entstanden ist. Dadurch wird man aber auch darin gestärkt, sein Eigenes und die eigene Position entschlossener zu behaupten.“ beschreibt Katrin Neoral.

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Katrin Neoral und Sven Hussock, 1. Vorstand jourfixe-muenchen


Überblick über das Medienecho

Copyright: Dr. Thomas Löffler

Anamica Lindig & Katrin Neoral


Die Fotografien stammen von jourfixe-Mitglied Max Ott: www.D-Design.de

Vielen Dank für die Unterstützung!


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