von Raoul Koether

In der Townhall sind sich alle einig: Julia Schmitt-Thiel (SPD), Max Dorner (Grüne), Jennifer Kaiser-Steiner (FDP) und Thomas Lechner (Linke) wollen alle mehr Kulturförderung, mehr Probenräume, mehr Ateliers, mehr Zwischennutzung, mehr Freiräume und vor allem mehr Geld für Kultur und Kunst in München. Ganz ohne Frage eine gute Sache in einer reichen Stadt, die sich das leisten kann. Das Cultural Policy Lab in den Münchner Kammerspielen, organisiert von Christian Steinau, Christopher Balme, Luise Barsch, Hanna van der Heijden, Lena Huber und Christina Kockerd geht darüber hinaus, denn es soll ja nicht nur um „Politics“, also konkrete politische Massnahmen gehen, sondern um mehr. „Cultural Policy“ beschreibt den politischen Rahmen, in dem Kunst und Kultur stattfinden sollen. Seit Hilmar Hoffmann 1979 sein Buch „Kultur für alle“ veröffentlicht hat, wurde darüber nicht mehr viel nachgedacht, von einer immer wieder aufflammenden, unsäglichen „Leitkulturdebatte“ einmal abgesehen.

(V.l.n.r.) Hanna van der Heijden, Holger Kurtz (Gründer KulturData.de), Raoul Koether (Partizipationsexperte), Bernhard Springer (Künstlersprecher Domagkateliers) und Christian Steinau. Photo: Melanie Lehwald

Insofern war auch die Auswahl des Veranstaltungsortes gelungen, denn um es provokant zu sagen: Warum sollen die Münchnerinnen und Münchner an jedem Abend des Jahres auf jeden Platz des Schauspielhauses an der Maximilianstraße einen Hundert-Euro-Schein legen, damit hier Theater stattfinden kann? Wohlgemerkt, ich finde das richtig, aber wenn Kulturförderung in der Mitte der Stadtgesellschaft nicht nur als nette Beigabe, sondern als elementarer Teil der Daseinsvorsorge gesehen werden soll, muss die folgende Frage beantwortet werden: Wofür braucht eine Stadt Kultur und warum soll was gefördert werden. Es geht um die Frage „Kultur von der Stadt“ oder „Kultur für die Stadt“. Kulturetats sind endlich und wenn Kulturförderung nicht auf der Basis „Gefällt mir/Gefällt-mir-nicht“ eines Sachbearbeiters, einer Kommission oder Jury erfolgen soll, brauchen wir wozu Kulturförderung in einer modernen, von “Diversity” geprägten Stadt dienen soll. Jeder Förderbescheid ist letztendlich eine Entscheidung, was stattfinden wird und was nicht. Die Frage, welche Kultur eine Stadt langfristig zum Wohle aller braucht, muss deshalb politisch, von einem demokratisch legitimierten Gremium, dem Stadtrat entschieden werden.

Der Veranstaltungsort: KAMMER3 der Münchner Kammerspiele. Photo: Sebastian Barsch

Anregungen dazu konnten sich die Diskutant*innen der Townhall am Nachmittag der Veranstaltung in den verschiedenen Laboratorien holen. Die meisten Labs sind nach Experteninputs genau bei dieser Kernfrage gelandet. Und ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, hier ein paar Anhaltspunkte, die für Leitlinien einer Kulturförderung in München berücksichtigt werden sollten:

  • In Zeiten zunehmender Unsicherheit hat Kulturpolitik einen besonderen Stellenwert. Sie muss auf kulturelle Konflikte reagieren können.
  • Einkommen, Arbeitszeiten, Familiensituation, Betreuung von Kindern oder Eltern, Mobilität, Herkunft und Bildung dürfen keine Schranken für kulturelle Teilhabe darstellen.
  • Die demographische Entwicklung stellt Kunst und Kultur vor neue Herausforderungen.
  • Die zunehmende Diversität der Lebensentwürfe muss sich in kulturellen Angeboten wiederspiegeln.
  • Migration macht unsere Stadt vielfältiger. Kulturförderung muss integrativ und interkulturell ausgerichtet werden.
  • Gesellschaftlich relevante Fragen, wie zum Beispiel die Klimakrise, müssen von Kunst und Kultur aufgegriffen werden.
  • Digitalisierung muss immer von Anfang an mitgedacht werden.
  • Kultur gibt zugängliche Antworten auf komplexe Fragen. Wo unser Zusammenleben, unsere Demokratie und unsere offene Gesellschaft durch Intoleranz bedroht werden, muss Kultur eine Alternative bieten.

Im Spiegel der Diskussion: Raoul Koether und Susanne Hermanski. Photo: Sebastian Barsch

Am 15. März wählt München einen neuen Stadtrat. Es wäre schön, wenn sich der neue Stadtrat auf eine Kulturdiskurs jenseits von Einzelprojekten einließe. Die Wahlprogramme der Parteien geben dazu einen ersten Anhaltspunkt, wohin sich die städtische Kulturpolitik entwickeln soll. Bitte gehen Sie zur Wahl.


Das Titelbild stammt von Gaby dos Santos und zeigt von links: Den Leiter Jugendprojekt am Lenbachhaus, Deborah Henschel,/Jusos, Katrin Neoral/Neue Jazzschool, Susanne Hermanski/SZ-Kultur, Raoul Koether/Referent sowie eine mir unbekannte Teilnehmerin


Zum Thema siehe auch den Beitrag von Gaby dos Santos >