Das Lachen und das Weinen präsentierten sich gestern Abend in einem literarisch-biografischen Paarlauf bei der Abschluss-Veranstaltung des Lentner Literaturfests 2019, die sich dem kürzlich überraschend verstorbenen Werner Schneyder widmete.

Die  Idee zu dieser Hommage stammte von Schriftstellerin Gunna Wendt, Mitgestalterin des Lentner Festival-Programmes, gemeinsam mit Franz Klug (s. Titelbild). Schneyder – hieß es an diesem Abend sinngemäß – habe keine Lücke hinterlassen, denn eine solche könne man schließen. Vielmehr fehle er – unersetzbar … So war es seine, ein Gedicht rezitierende Stimme, die den Abend in der restlos überlaufenen Lentner-Filiale am Marienplatz eröffnete. Ein Gänsehaut-Moment, der den Verlust dieses literarisch und kabarettistisch Großen in all seiner Endgültigkeit unterstrich.

Konstantin Wecker und Gunna Wendt vor der Veranstaltung

Als wohltuenden Kontrast empfand ich Gunna Wendts Auftritt unmittelbar danach: Ihre Ausführungen drangen, gewohnt behutsam und zugleich auf den Punkt gebracht, sowohl in die künstlerischen, wie auch in die seelischen Tiefen des Protagonisten vor –  typisch für Gunnas gesamtes biografisches Schaffen – und übermittelt von ihrer unverwechselbar warmen und ruhigen Stimme. Diese Kombination aus Vortrag und Analyse der ehemaligen Radio-Macherin und studierten Psychologin und Soziologin, stimmt mich immer wieder zuversichtlich, dass selbst Schwächen ihre guten Gründe und somit ihre Berechtigung haben … in unserem Universum des menschlich Unvollständigen. 😉

Das erste Buch, aus dem Gunna Wendt vorlas. Antiquarisch sind noch einige Exemplare vorrätig > LINK

Gunnas Verbindung zu Konstantin Wecker und Werner Schneyer besteht seit den 1990er Jahren, als sie vielbeachtete Kultursendungen für die Münchner Jazzwelle Plus produzierte. Daraus ging auch das Buch “Selberdenken ist auch eine Möglichkeit – Werner Schneyder im Gespräch mit Gunna Wendt” hervor, aus dem, unter anderem, die Autorin  gestern Abend las. Und da sich ein Künstler wohl am unmittelbarsten über seine Kunst nachvollziehen lässt, las Gunna aufschlussreiche Passagen aus Werken Werner Schneyders, nachdem sie erläutert hatte, dass sie an dessen Biografien unter anderem den Verzicht schätze, Lebensläufe in ihrer Gesamtheit darzustellen. Vielmehr konzentriere Schneyder sich auf Besonderheiten in Werk und Wesen seiner Protagonisten.

Im besten Sinne kaum zu ertragen war für mich der Beitrag von Konstantin Wecker, denn er bediente in seinen Ausführungen die gesamte Klaviatur an literarischen Formen und somit Emotionen: Satire, Drama, biografische Analyse, Memoiren … erzählte frei, wie er und Schneyder sich einmal beinahe an die Gurgel gegangen seien, bei einem Streitgespräch darüber, wer von beiden der Demütigere sei … Plauderte aus dem Nähkästchen seiner Erinnerungen, dass man Schneyder beim Tennis einfach nicht habe schlagen können, sei es aus sportlicher Unterlegenheit oder aber, weil “man es einfach nicht durfte” – Augenzwinkern. Punkt.

Bücher von Werner Schneyder bei Lentner am Marienplatz

Die Verbundenheit Weckers zum Werk seines Freundes zeigte sich bei der Textauswahl und ebenso durch die Art seines Vortrags. Teilweise vermochte er vor lauter Lachen nicht fortfahren, als er einen satirischen Text Schneyders vortrug, in dem es um die Sprachblüten von Kochkritikern ging. Offensichtlich ist bei kulinarischen Rezensionen der pseudo-intellektualisierte Selbstdarstellungsdrang mancher Kritiker ebenso ausgeprägt, wie bei den Kolleginnen und Kollegen, die sich der darstellenden und bildenden Kunst widmen. Den Schwerpunkt jedoch legte Konstantin Wecker bei seinem Vortrag auf die Lyrik Werner Schneyders, die er sehr schätze, die aber leider wenig bekannt sei.  Wohl wahr. Leider …

… denn die Gedichte bestachen nicht nur durch ihre sprachliche Wucht, sondern auch dadurch, dass sie sich reimten. Werner Schneyder betrachtete diese Reibung zwischen vorgegebener Form und dem zu vermittelndem Inhalt als eine Chance, neue Sinnlichkeit entstehen zu lassen. Unter den gestern vorgetragenen Gedichten fand sich eine Reihe von Texten über Friedhöfe, den Tod und das Sterben, die Weggefährten bei der Beisetzung Schneyders an dessen Grab vorgetragen hatten … Konstantin Wecker widmete sich den Texten – die ihm fortan den Freund werden ersetzen müssen – mit Leidenschaft und steigerte sich, in Einklang mit den Inhalten. Ich vermute, dass neben seiner kraftvollen Stimme und den starken inhaltlichen Aussagen, Konstantin Wecker vor allem durch diese kompromisslose Hingabe an seine Lied- und Text-Vorträge derart besticht; erst recht, wenn man, wie ich gestern, nur knappe zwei Meter von ihm entfernt sitzt, mit dem Ergebnis, dass ich schließlich die Texte immer weniger über den Verstand erfasste, sie dafür aber umso stärker fühlte.

Das traf sogar bei dem letzten Gedicht zu, das Konstantin Wecker vor Jahren vertont hatte und nun à cappella sang. Dieses Lied hätte ich eigentlich gar nicht nachfühlen können, denn es handelte von der bedrückenden Saturiertheit eines Erfolgreichen, der sich zurück nach dem DAsein sehnt, von dem aus er einst gestartet war, nach dem “Clown” von damals. Doch hinter diesem Wunsch ahnte ich die bittersüße Sehnsucht eines ganzen Lebens, die der meinen wiederum sehr nah zu kommen schien und so ergriff mich auch dieser letzte Text, mehr noch als alle anderen, obgleich er mich nicht wirklich betraf. Dennoch auf eine erfüllende Art traurig verließ ich die Buchhandlung und hörte noch jemand sagen: “Als Autor hatte ich den Schneyder gar nicht auf dem Schirm …”

Stimmt, denn Werner Schneyders riesige Fangemeinde hatte sich beim Kabarett im Lachen eingerichtet und dabei vieles schlichtweg übersehen und überhört, worüber wir gestern nun Bauklötze staunten, im aufkeimenden Bewusstsein, so einiges von und an Werner Schneyder verpasst zu haben …


Das Lentner-Literaturfest findet jährlich in der Filiale am Marienplatz statt.
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