„Der Bayerische Rettungsschirm für freischaffende Künstler hat ein paar Löcher.“

Das stellte jourfixe-Mitglied Katrin Neoral beim Blick auf den Online-Antrag für das neue Hilfsprogramm fest. Vier Wochen lang hatten Betroffene im Freistaat diesen herbeigesehnt. Ein paar Telefonate, Emails und Chats später war Katrin klar: „Da muss etwas unternommen werden!“ –  als Privatperson, in der momentan eng bemessenen Freizeit. “Alle politischen Entscheidungsträger sind aktuell außerordentlich gefordert und ich bewundere ihren unermüdlichen Einsatz, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Gleichwohl erscheint mir bei dem Künstlerhilfsprogramm einiges nicht ganz zu Ende gedacht.“, erklärt die festangestellte Kulturmanagerin.

Nachbesserungsbedarf

Zwar hat das Kunstministerium schon nach zwei Tagen die gröbsten Ungereimtheiten nachgebessert, dennoch verbleiben, auch aus Sicht vieler Interessensverbände, eine ganze Reihe problematischer Aspekte. Wer z.B. als freischaffender Künstler für seine – meist sehr geringen – Betriebskosten Corona-Soforthilfe bekommen hat, konnte bis zum Versand der Petition am 26. Mai 2020 keinen Antrag auf die neue Hilfsmaßnahme für Lebenshaltungskosten stellen.

Zudem wird die Leistung aus dem Programm für bis zu drei aufeinander folgende Monate im Zeitraum 01.05.20 bis 30.09.2020 gewährt. Zur Berechnung wird das Arbeitseinkommen der Monate Mai bis Juli herangezogen. Die Antragsteller haben inzwischen jedoch aufgrund teilweise wieder aufgenommener Tätigkeiten (Unterricht, sonstige pädagogische Tätigkeiten) ein verbessertes Einkommen. Das reduzierte Einkommen in der Zeit von März bis Mai, dessen Nachwirkungen bis jetzt spürbar sind, da in dieser Zeit keine Auftritte und kaum Unterricht möglich waren, findet keine Berücksichtigung.

„Außerdem trägt das Programm den realen Einnahme-Verlusten nicht wirklich Rechnung: Freischaffenden Künstlern sind wegen des Veranstaltungsverbots seit Mitte März bis weit in den Herbst und Winter hinein nahezu alle Engagements abgesagt worden. Das Veranstaltungsverbot bedeutet für sie de facto ein Berufsausübungsverbot. Kulturminister Bernd Sibler hatte angekündigt, die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf freischaffende Künstler abzufedern und Existenzen zu sichern. Es sollten Honorarausfälle kompensiert werden. “Bis zu 1000€ monatlich für drei Monate finde ich da für viele allerdings nicht ganz realistisch kalkuliert – besonders wenn ich an die hohen Mieten in München und ganz Oberbayern denke.” , bekräftigt Katrin.

Der Weg zur Sammelpetition

Eine bayerische Kulturpolitikerin gab auf Facebook den Tipp, eine Petition einzureichen. Die Website des Bayerischen Landtags zeigt, wie das funktioniert. Schnell erklärten sich ein paar freischaffende Bekannte bereit, beim Akquirieren von Unterschriften für eine solche Sammelpetition zu helfen. Ihre Mitgliedschaft bei unserem ourfixe-muenchen e.V. Katrin eröffnete Katrin die nötige Unterstützung beim Erstellen des Petitionstextes und beim Verbreiten über den internen Mitglieder-Verteiler.

Dann ging alles ganz schnell: „Innerhalb von 48 Stunden waren über dieses doch sehr kleine, persönliche Netzwerk per Email 220 Unterstützer am Start. Darunter finden sich neben zahlreichen freischaffenden Künstlern auch andere Akteure aus der Szene wie Veranstalter und Kulturmanager, aber auch Bürger, denen die Vielfalt der bayerischen Kulturlandschaft am Herzen liegt. Die Kontaktdaten hab‘ ich in zwei Nachtschichten eingepflegt.“, erläutert die stellvertretende Geschäftsführerin der Neuen Jazzschool München. Sogar der Tonkünstlerverband Bayern e.V. mit seinen knapp 3000 Mitgliedern, das Netzwerk Freie Szene München e.V. haben, neben der Kulturplattform jourfixe-muenchen, die Petition offiziell unterschrieben.

“Ich hab mich bewusst gegen eine offene Online-Petition entschieden, weil ich zeigen wollte, dass wir Bürgerinnen und Bürger auch im Kleinen intensiv vernetzt sind.” 

Die Beweggründe

„Warum machst Du Dir die viele Arbeit, obwohl Du gar nicht selber betroffen bist?“, haben viele in ihren Unterstützer-Emails gefragt. Katrin Neoral erklärt: „Die Sorgen und die Verzweiflung unter Freunden und Bekannten, die hauptberuflich Musiker sind, haben mich sehr getroffen. An der Jazzschool haben wir uns in dieser Ausnahmesituation bisher gut über die Runden gebracht, indem wir übergangsweise auf Online-Unterricht umgestellt und ein detailliertes Schutz- und Hygienekonzept für den Präsenzunterricht entwickelt haben. Und weil unsere Schüler sehr solidarisch sind. Aber viele Absolventen unserer Berufsfachschule sind nicht nur Musikpädagogen sondern auch freischaffende Musiker. Da hab ich mich schon gefragt: ‘Warum Leute für einen Beruf ausbilden, der in einer nicht selbstverschuldeten Krise so wenig nachhaltige Unterstützung bekommt?’“

Da Katrin selbst für ein paar Jahre freiberuflich als Sängerin ihr Geld verdient hat, kann sie sich außerdem lebhaft in die Situation der Betroffenen hineinversetzen: „Es steckt so viel Arbeit drin, gut bezahlte Gigs an Land zu ziehen. Und dann bricht das alles von heute auf morgen weg…“

Der Petitionstext

Die Sammelpetition ist aktuell auf dem Postweg ins Landtagsamt sowie zu Ministerpräsident Dr. Markus Söder, Kunstminister Bernd Sibler und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger.

Der Text der Petition ist im vollständigen Wortlaut unter nachstehendem Link aufrufbar >

Zum Petitionstext




Mehr zu Katrin Neoral, Initiatorin dieser Petition >

Die Titel-Collage von Gaby dos Santos beruht auf einem Foto von Werner Bauer aus der jourfixe-CollageKein Applaus für Podmanitzki” nach dem gleichnamigen Satire-Band von Ephraim Kishon, uraufgeführt zu den Jüdischen Kulturtagen 2006 in München