Diese Spätsommer-Pracht am Weißenburger Platz wollte ich unbedingt in Momentaufnahme festhalten. Schon zog ich meinen Handystick aus der Tasche, als sich ein junger Mann, der offensichtlich zu einer Promotion-Grupoe von Amnesty International gehörte, anbot, das Fotografieren zu übernehmen. Darauf erklärte ich, dass ich Amnesty für eine wertvolle Institution halte, mich aber bereits der Deutschen Lebensbrücke verpflichtet hätte, der Hilfsorganisation meiner Freundin. Er fotografierte mich trotzdem, und ich wünschte ihm aufrichtig Glück…

Auf Probe habe ich in meiner Jugend nämlich selbst einmal in einer Drücker-Kolonne gejobbt und weiß daher, was für ein knallharter täglicher Existenzkampf damit verbunden ist, dieser ständige Alles-oder-Nichts-Druck, unbedingt Verträge abzuschließen, deren Provision das alleinige Entgelt für Drücker*Innen darstellt. Das gilt erst recht, wenn man einer reisenden Kolonne angehört. Da reihen sich trostlose Pension an trostlose Pension, Schnellimbis an Schnellimbis und die konkurrierenden Kolleg*Innen müssen zugleich als eizige soziale Bindung herhalten! Mit einem gemeinsamen Konzertbesuch ab und an als Lebenshöhepunkt. Ein Job, der mir so wenig lag, dass ich nicht einen “Schein” zur Unterschrift brachte, zumal ich es hasse, fremde Menschen an deren Haustüren zu belästigen. Nach 5 Tagen warf mich der Chef prompt und ohne Vorwarnung brutal aus dem Drücker-Bus auf die Straße. Buchstäblich. Danach wurde ich dann doch lieber wieder Bardame und ließ mich fürs Party machen gut bezahlen.

Lange hatte ich nicht mehr an mein Gastspiel als Drückerin gedacht, bis es mir der junge Mann heute. in der Spätsommerstimmung. wieder in Erinnerung rief. Aber Spätsommer bedeutet für mich sowieso Abschied, Rückblick und somit auch schon Vorschau: Bald werde wieder ich im Wahlkampf am Weißenburger Platz stehen und Passant*Innen ansprechen. An diesem Ort, dem Herzstück Haidhausens, sprechen schließlich andauernd irgendwelche Leute Leute an. Er scheint dafür wie geschaffen. Besonders in der warmen Jahreszeit, während Hunde und Kinder in wunderbar unhygienischer Eintracht im Brunnen planschen, manch Eingeborener eine der Bänke als Ersatz für einen heimischen Balkon vereinnahmt, Brotzeit inklusive und Paare sich verabreden oder einander versetzen  …

Ich hoffe, der junge Unbekannte findet beruflich bald einen Ausstieg und Amnesty – bei aller Wertschätzung, diese Kritik gestatte ich mir – vielleicht alternative Wege des Fundraisings …