Mit VertreterInnen der bayerischen Landesregierung sowie aus Politik, Kunst und Kultur eine Diskussionsrunde zu organisieren, stellt an sich schon eine Herausforderung dar, gilt es doch, Gäste ganz unterschiedlicher Couleur unter einen Hut zu bringen oder – in diesem Fall – auf eine Bühne. Ein solches Unterfangen in Zeiten einer Pandemie toppt den Aufwand nochmals um einiges. Da wundert es nicht, dass sich bei den Vorbereitungen zur Diskussionsrunde “Kunst in der Krise“, (28.9., Münchner Volkstheater) Fragen ergeben, auf die man erstmal gar nicht kommt, wie beispielsweise:

  • Wie die DiskutantInnen namentlich kennzeichnen, wenn der Abstand zwischen Bühne und Zuschauerbereich so groß ist, dass sich Namensschilder ab Reihe zwei schon nicht mehr lesen lassen würden?
  • Wie die anschließende Fragerunde mit Presse organisieren, wenn aus Hygienegründen kein Mikro mehr herum gereicht werden darf?

Nur um einige der Fragezeichen zu benennen, mit denen Katrin Neoral und ihre mitveranstaltende Kollegin, Sängerin Anamica Linding in letzter Zeit befasst waren, und die es nun galt, mit der PR-Abteilung des Münchner Volkstheaters zu besprechen.

Zum Glück für die “Freie Künstlerszene” unterstützt mit dem Volkstheater eine Spielstätte von Rang die Podiumsdiskussion, die sowohl über umfassende Infrastruktur wie auch über genügend Platz verfügt, um elf DiskutantInnen und zwei Diskussionleiterinnen auf der Bühne sowie Münchner Kultur-Institutionen und Presse im Zuschauerraum unterzubringen, bei Einhaltung der geltenden Abstands- und sonstigen Hygieneregeln.

Darüberhinaus bietet ein so hochkarätiger Rahmen die besten Voraussetzungen, um genügend Breitenwirkung für das Anliegen hinter der Veranstaltung zu erzielen: Klarere Perspektiven für die Branche und praxisnahe Lösungsansätze – unter anderem eine Anpassung der bayerischen Künstlerhilfe. Eine entsprechende Sammelpetition zur Nachbesserung des neuen Hilfsprogramms für freischaffende KünstlerInnen hatte jourfixe-Mitglied Katrin Neoral bereits im Frühjahr 2020 beim Bayerischen Landtag eingereicht. Vom Ausschuss für Wissenschaft und Kunst zwischenzeitlich mit dem Votum “Würdigung” versehen, wurde die Petition nunmehr an Staatsminister Bernd Sibler zur erneuten Beratung weitergeleitet. > MEHR

Mit ihrem Engagement für Corona-gebeutelte Kunst- und Kulturschaffende reiht sich Katrin Neoral in das Deflilee all jener IdealistInnen auf privater Ebene ein, ohne die die Kunst- und Kulturszene – seit jeher des Staates Stiefkind und zugleich Säule der Zivilisation – nicht bestehen könnte. Angestellt als stellvertretende Geschäftsführerin des Neuen Jazzschool München e.V., der unter anderem eine staatlich anerkannte Berufsfachschule für Musik, Fachrichtung Rock/Pop/Jazz trägt, bezieht sie ein festes Gehalt. Dennoch steht sie durch ihren Beruf den Kunst- und Kulturschaffenden sehr nahe. Entsprechend berührt sie das Schicksal der vielen freischaffende KünstlerInnen, die durch die Corona-Pandemie unvermittelt in eine existentielle Schieflage geraten sind; umso mehr, als sich zeigte, dass die Künstlerhilfen des bayerischen Staates für viele Betroffene zu kurz griffen. Dem wollte Katrin nicht weiter tatenlos zusehen und die Idee, eine Sammelpetition zu initiieren, nahm Gestalt an.

Zunächst beschloss Katrin, als Mitglied der Kulturplattform jourfixe-muenchen, auf deren Möglichkeiten als “Selbsthilfeverein für freischaffende KünstlerInnen” (augenzwinkerndes Zitat von Mitglied Angelica Fell) zurückzugreifen und wandte sich an Leiterin Gaby dos Santos, die sie wiederum mit jourfixe-Mitglied Andrea Fink, Geschäftsführerin des Tonkünstlerverbands Bayern e.V., in Kontakt brachte, die selbst auch schon, für die Mitglieder ihres Vereins, mit der Problematik der unzureichend konzipierten Hilfen für KünstlerInnen befasst war.

jourfixe-Mitglied Andrea Fink

In Folge ging für Katrin Neoral alles ganz schnell. Sie berichtet: „Innerhalb von 48 Stunden waren über dieses doch sehr kleine, persönliche Netzwerk per Email 220 Unterstützer am Start. Darunter finden sich, neben zahlreichen freischaffenden Künstlern, auch andere Akteure aus der Szene wie Veranstalter und Kulturmanager, aber auch Bürger, denen die Vielfalt der bayerischen Kulturlandschaft am Herzen liegt. Die Kontaktdaten hab‘ ich in zwei Nachtschichten eingepflegt.“, erläutert sie. Auch der Tonkünstlerverband Bayern e.V., mit seinen knapp 3000 Mitgliedern und das Netzwerk Freie Szene München e.V. haben, neben unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen, die Petition offiziell unterschrieben.

“Ich hab mich bewusst gegen eine offene Online-Petition entschieden, weil ich zeigen wollte, dass wir Bürgerinnen und Bürger auch im Kleinen intensiv vernetzt sind.” 

Die Beweggründe

„Warum machst Du Dir die viele Arbeit, obwohl Du gar nicht selber betroffen bist?“, haben viele in ihren Unterstützer-Emails gefragt. Katrin Neoral erklärt: „Die Sorgen und die Verzweiflung unter Freunden und Bekannten, die hauptberuflich Musiker sind, haben mich sehr getroffen. An der Jazzschool haben wir uns in dieser Ausnahmesituation bisher gut über die Runden gebracht, indem wir übergangsweise auf Online-Unterricht umgestellt und ein detailliertes Schutz- und Hygienekonzept für den Präsenzunterricht entwickelt haben. Und weil unsere Schüler sehr solidarisch sind. Aber viele Absolventen unserer Berufsfachschule sind nicht nur Musikpädagogen sondern auch freischaffende Musiker. Da hab ich mich schon gefragt: ‘Warum Leute für einen Beruf ausbilden, der in einer nicht selbstverschuldeten Krise so wenig nachhaltige Unterstützung bekommt?’“

Da Katrin selbst für ein paar Jahre freiberuflich als Sängerin ihr Geld verdient hat, kann sie sich zudem lebhaft in die Situation der Betroffenen hineinversetzen: „Es steckt so viel Arbeit drin, gut bezahlte Gigs an Land zu ziehen. Und dann bricht das alles von heute auf morgen weg…“ > MEHR

Durch die Diskussionsrunde “Kultur in der Krise, initiiert gemeinsam mit Sängerin Anamica Linding, gilt es jetzt, die Anliegen der Sammelpetition zu untermauern und gleichzeitig das Themenspektrum um praxisnahe Lösungsansätze und Perspektiven für die Kultur- und Veranstaltungsbranche zu erweitern.


Links: Fotograf und Maler Max Ott; Rechts, v.l.: Raoul Koether, 2. jf-Vorstand, Anamica Lindig und Katrin Neoral. Noch nicht anwesend der jourfixe-Vorsitzende Sven Hussock, 3.08.2020, Pasinger Fabrik

> jourfixe-Vorbereitungstreffen zu “Kultur in der Krise” in der Pasinger Fabrik


Für die Diskussionsrunde “Kultur in der Krise”, mit VertreterInnen der Bayerischen Landesregierung sowie aus Politik Kunst und Kultur, stellt am Montag, 28.9., Intendant Christian Stückl das Münchner Volkstheater (große Bühne) zur Verfügung, und schließt sich den DiskutantInnen an > MEHR 


Katrin Neoral, Foto: Max Ott; 3.8.20

Mehr zu > KATRIN NEORAL


Titelbild:
Links ein Foto von jourfixe-Mitglied Katrin Neoral, Sängerin und Kulturmanagerin, nach einer Besprechung im Münchner Volkstheater,
rechts eine Collage von Gaby dos Santos, mit Fotoelementen von Werner Bauer aus “Kein Applaus für Podmanitzki”, 2004/Amerika Haus,
kombiniert mit einem Foto der Volkstheater-Leuchtreklame/Logo: Schlaier/Wikipedia, 2010
sowie dem Logo der Kulturplattform jourfixe-muenchen, eine Theatermaske mit Perlenträne …