Mit wachsender Sorge beobachte ich die schwindende Anzahl von Spielstätten in München und die Situation der Privattheater. Durch meine Tätigkeit als Agentin von europäischen Theaterautoren bereise ich viel und regelmäßig die europäische Theaterlandschaft, da ich im gesamten deutschsprachigen Raum für Autoren aus Frankreich, England, Israel und andere Länder arbeite. Hinzu kommen diverse Jury-Tätigkeiten, die ich in den letzten Jahren ausgeübt habe. Daher liegen mir entsprechende Vergleichsmöglichkeiten vor, vor allem auf meinem Haupt-Betätigungsfeld, dem Sprech-Theater.

Nehmen wir zum Beispiel Hamburg: Nur geringfügig größer als München, besitzt es 40 Privattheater, von denen mindestens 10 überregionale Bedeutung genießen. (Hamburger Kammerspiele, Ernst-Deutsch Theater, Altonaer Theater, St. Paulitheater, Ohnsorgtheater, Winterhuder Fährhaus, etc.) Die subventionierten Theater wie Deutsches Schauspielhaus und Thalia nehme ich hiervon aus.

Stuttgart, nur halb so groß wie München, besitzt über 10 Privattheater ( Altes Schauspielhaus, Komödie Im Marquardt, Theaterhaus mit 4 Bühnen unter einem Dach, Apollo Theater, Palladium Theater und so weiter) neben dem subventionierten Staatsschauspiel. Wenn man die Theatersituation in Paris oder London betrachtet, kann man als Münchner nur vor Neid erblassen. In Paris ca. 40 funktionierende Privattheater, in London 35. Natürlich sind diese Metropolen größer, aber auch im prozentualen Verhältnis enttäuscht München:

Wir haben die Komödie im Bayerischen Hof, Punkt.

Heiko Dietz mit seinem Theater “…und so fort” ist unverschuldet heimatlos und die Stadt nicht in der Lage, ihm eine leerstehende Räumlichkeit anzubieten.

Das Teamtheater Tankstelle hängt am seidenen Faden, weil es in den Zuwendungen zurückgestuft wurde (wegen einer Produktion, die das Theater noch nicht einmal mit Subventionsgeldern finanziert hatte). Hinzu kommt eine Handvoll weiterer Freier Bühnen, wie TamS, Blaue Maus, denen jederzeit Ähnliches widerfahren könnte, wie den Kolleg*Innen vom Teamtheater. Wie sehr und langfristig andererseits gutes Sprechtheater funktioniert, stellt seit Jahren das Metropol Theater auf beindruckende Art und Weise unter Beweis.

Besonders problematisch wirkt sich der Mangel an Spielstätten auf die Freien Theatergruppen aus, die auf die begrenzten Kapazitäten in Bühnenräumen von Pasinger Fabrik, HochX und Co. oder Gastspielen bei Kolleg*Innen angewiesen sind, zu wenig Spielmöglichkeiten, um eine Produktion zu refinanzieren! München bedarf also dringend weiterer Spielorte, die zudem von Ambiente und Ausstattung her geeignet sein sollten, ein breiteres Publikum zu binden und ausgestattet sein müssten mit einer funktionalen Infrastruktur, wie Lagerräume und Probenbühnen. Räumliche Zwischennutzungen, wie inzwischen vielfach angeboten, sind in diesem Zusammenhang wenig zielführend, da sie kein nachhaltiges Arbeiten zulassen.

Mir ist natürlich nicht entgangen, dass erfreulicherweise in der letzten Zeit, im Austausch vor allem auch mit dem engagierten Netzwerk Freie Szene, einiges in Bewegung gekommen ist, vor allem auch in Bezug auf eine Erhöhung der Fördermittel für die Freie Szene. Damit alleine aber, ohne weitere Spielstätten, fürchte ich, wird sich keine wirklich zukunftsweisende Entwicklung der Freien Münchner Theaterszene erreichen lassen. Ich frage mich, ob München sich nicht kultureller Chancen beraubt, in Bezug auf das Viele, was Theater leisten vermag, als traditionelle Kunstform ebenso, wie als Mittel zum zeitgenössischen Diskurs, zur Integration und als multikulturelle Brückenbauerin. Das trifft übrigens auch auf alle anderen Formen von Bühnen-Kunst zu, wie Musik/Musiktheater, Kabarett etc. Mit allein dem Stemmerhof und einigen wenigen sonstigen noch verbleibenden Kabarett- und Musikbühnen, droht der gesamten Kleinkunst, einer so wichtigen, weil unmittelbaren und vielseitigen künstlerischen Ausdrucksform, das Aus, wegen mangelnder Auftrittsmöglichkeiten. Vom grassierenden Sterben zum Teil sogar international ausgezeichneter Musik-Ensembles, Big Bands und Bands ganz zu schweigen. Was leider auch mit der Prämisse zu tun hat, manche Kunstformen würden keiner Förderung bedürfen, da Selbstläufer – oder würden gar keine verdienen, da nicht „anspruchsvoll“ genug.

Mein Appell daher an alle Entscheidungsträger*Innen: Bitte unternehmen Sie etwas! Münchens Freie Szene – mit seinen vielfachen Potentialen, die nur darauf warten, ausgeschöpft zu werden, verdient keine kulturelle Wüste!

PS: Meine Zahlen verstehen sich als Circa-Werte, da natürlich immer Schwankungen in der Theaterszene gegeben sind.


Das Titelbild zeigt mich mit einem aktuellen Katalog des Theaterfestivals in Avignon 2019, mit einer beneidenswerten Vielfalt an Bühnen