Eine Schweizer Opernsängerin interpretiert den Blues gekonnt in ihrer Landessprache und erläutert: Der helvetische Sprach-Sing-Sang verlangt geradezu nach Musik, nach dem Blues. Denn dieser wird am ausdrucksfähigsten in der eigenen Wurzelsprache gesungen und die meine ist eben Züritüütsch. Der Vorteil seiner Vertonbarkeit liegt doch auf der Hand: langgezogene Vokalketten wie in Müüsli, Hüüsli, Bäärli, Burääbüääblii und ein ausdrucksstarkes Vokabular. Nun versteht das liebe Konzertpublikum natürlich nicht alles, was ich da in Züritüütsch singe; aber ist es bei den Englisch gesungenen Texten nicht auch so.

Dennoch lohnt natürlich, möglichst viel von Sylv Richard-Färbers Texten mitzubekommen, denn die Themen ihrer Songs und die ungewöhnlichen Wendungen, die die Handlungen und Aussagen darin nehmen, verlangen zwingend, verstanden zu werden.

»Äxgüüsi, isch‘s grad rächt?« – »Entschuldigung, haben Sie gerade Zeit für mich?« Wer da so höflich anfragt, ist nicht etwa ein Galan auf Pirsch, sondern ein Hund auf der Suche nach einem neuen Menschen.

Dazu erklärt Sylv in ihrem Schweizer Mundart Songbook, mit dem Untertitel “aberwitzige geschichten von Dingens und Dangens”:

 

Dieser Hund sitzt am Straßenrand und jault.
Er hat den Blues.

Schon sind wir mittendrin, verstehen Sie? Denn mit welcher Art von Musik kann man diese Situation ausdrücken …, mit Volksmusik? Selbst eine dramatische Opernarie wäre nicht dafür geeignet. Die dauert viel zu lange: Kennen Sie die langatmigen Arien sterbender Tenöre und das kurz vor ihrem Tod?

Der Hund jault und schluchzt. Sie sind zum Glück aufmerksam und halten an. Bravo!
»Können Sie mal für mich sorgen, vielleicht nur bis zum nächsten Morgen?«, bluest der Hund winselnd vor sich hin. Was natürlich sehr trickreich von ihm ist. Er beherrscht die energetischempathische Klaviatur des menschlichen Wesens perfekt und weiß genau, dass Sie ihn nicht mehr hergeben werden.

Und jetzt bitte ich Sie noch, bevor Sie den Hund endlich einpacken. Singen Sie mit dem Hund. Am Besten einen zwölftaktigen Blues in A.

Überhaupt spielen Tiere eine große Rolle in Sylv Songs respektive Geschichten:
In Äxgüüsi kann man sich sowohl Menschen als auch Tiere vorstellen. Denn mein Thema ist unsere mangelnde Aufmerksamkeit. Damit eng verbunden ist das sich Einfühlen. In aller Munde ist es ja: Empathie genannt. Ich lade Sie zum Spielen ein, das mache ich in meinen Konzerten gerne. Ich freue mich, wenn Sie mitmachen. In diesem Falle geht es um Ihr Vorstellungsvermögen. Nicht den Spaß dabei vergessen, Humor ist mir wichtig! Aber jetzt wird es zuerst trist:

Da ist eine einsame Straße, eine lange Straße, sehr lange Straße. Rechts und links stehen hohe, sehr hohe Fichten. Es ist dunkelvor Fichten, so wie halt Monokulturen kein Licht durchlassen und Fichten schon gar nicht. Stille. Kein Vogel will in diesen dunklen Fichten singen. Außerdem regnet es. Autos brausen vorbei,Lastwagen  donnern vorüber. Da sitzt am Straßenrand einsam und verlassen ein völlig verwahrlostes Tier. Sie können sich alles dabei vorstellen, … einen Papagei, Waschbär, ein Krokodil, eine Schildkröte. Alles, was Menschen halt so aussetzen, wenn sie es nicht mehr brauchen können. Wir aber, Sie und ich, bleiben in dieser Vorstellung von trübsinniger Verlassenheit. Wir schaffen quasi eine, als-ob-es-sich-genauso-zutrüge Situation. Wir fühlen uns mit aller Inbrunst ein. Ich stelle mir natürlich einen Hund vor. Kein Krokodil, denn das passt nicht zu unserem Bandnamen.

Richtig, denn wenn Sylv mit ihrer  The Chihuahua Blues Company auftritt, dann ist das Rudel Chihuahuas, dass sie und ihren Mann Stefan (ebenfalls ein Bandmitglied) überall hin begleitet, auch hier nicht fern. Und schmückt konsequenterweise das Cover der CD, die das Songbook begleitet. Denn die Lieder zu den Texten nicht abspielen zu können, würde sich anfühlen, wie schwimmen auf dem Trockenen. Mit der Kombination aus Songbook UND CD jedoch gelingt es der Autorin und Musikerin, den Charme und Humor zu offenbaren, den das Schwiizertüütsche in sich birgt und eine ganz außergewöhnliche Brücke zm Blues zu schlagen.

HÖRPROBE Äxgüüsi; CD-Medley 2019

 


Färber-Verlag
Am Erlbach 6
82386 Oberhausen
ISBN 978 3-945320-15-0
1. Auflage : März 2019
Färber-Verlag
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© 2019 Färber-Verlag, Sylvia Richard-Färber