Man schrieb Juli 1985. Zwei Monate Spielzeit gingen zu Ende. Wir waren gute Verlierer im Kampf gegen die Münchner Biergärten. Am letzten Tag rief mich wie üblich der Theaterdirektor an, um zu berichteten, dass es wieder sehr wenig Vorbestellungen gäbe, aber spielen müssten wir trotzdem, weil eine russische Fürstin – Nina von Kikodse – angerufen hätte und eine der teuersten Karte, in der ersten Reihe, bei ihm bestellt habe. Durch ein kleines Loch im Vorhang beobachtete ich vor dem Beginn der Vorstellung das Publikum im Zuschauerraum. Gerade mal zehn oder zwölf Leute konnte ich entdecken, und die meisten von ihnen saßen hinten, auf den billigen Plätzen. Als der Raum nach der dritten Glocke anfing, im Dunkel zu verschmelzen, erblickte ich einen großen, nein, besser gesagt, einen riesigen lila Hut, eine Menge goldener Locken und ein Meer von Rüschen, das sich in Richtung der ersten Reihe bewegte.

Wir spielten ein von mir verfasstes Stück, „Die Generalprobe“ – eine Liebesgeschichte zwischen einer russischen Lehrerin und einem deutschen Soldaten, aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Befürchtung, ich würde meine adlige Landsmännin nicht überzeugen können, verließ mich den ganzen Abend nicht. Erst als ich in meiner besten Szene ein Gedicht von > Sergej Jessenin in Russisch rezitierte und sie, aus dem Zuschauerraum, laut mitzusprechen begann, wusste ich, dass ich sie gewonnen hatte.
„Wie lange sind Sie schon in München, Schätzchen? – sprach sie mich nach der Vorstellung im Theaterfoyer an. „Fünf Jahre ?! Und wir kennen uns noch nicht? Ich hätte Sie längst schon mit allen großen Regisseuren bekannt gemacht. Sie sind alle meine Freunde. Sie haben sogar einen Fernsehfilm über mich gedreht: ‘Die barfüßige Fürstin’ – so heißt der Titel. Haben Sie ihn nicht gesehen? Aber eine Fürstin bin ich natürlich nicht, eine ‘von’ schon. Die Schauspielerei ist nicht mein Metier. Ich bin eine Journalistin. Ich arbeite gerade an meinen Memoiren. In Petersburg, ich meine – in Leningrad, wo ich geboren bin, habe ich Medizin studiert, ich wollte Ärztin werden, wie meine Mutter. Sie sind doch auch eine Leningraderin, nicht wahr? Ich habe es aus Zeitungen erfahren. Nach dem Krieg habe ich Jura studiert, hier, in München. Dann hat es mich gelangweilt. Ich bin doch mehr künstlerisch veranlagt. Ich stehe nämlich seit 40 Jahren Modell für die Kunststudenten an der Münchner Akademie in Schwabing. Kommen Sie mich doch dort zu besuchen. Sie finden mich in der Studentenkantine, oder fragen Sie nach mir an der Pforte, man wird Sie zu mir führen, falls ich gerade Modell sitze. Jetzt kann ich nur noch sitzen, meine Beine wollen nicht mehr mitmachen. Ich mag aber diese Arbeit und ich mag die Atmosphäre dort, das ist mein echtes Zuhause, ich mag junge Leute um mich. Und sie mögen mich auch. Stellen Sie sich vor: vier Generationen Münchener Künstler wuchsen vor meinen Augen auf. Ob Sie glauben oder nicht – ich bin immer noch das begehrteste Modell der Akademie“. (s. Artikel vom 15.5.1984/AZ München am Seitenende)

Nina um 1953

„‘Nina von Kikodse’ – ist das nicht georgisch?“ – versuchte auch ich einen Satz ins Gespräch einzuwerfen.
„Aber sicher. Ich bin keine echte Russin. Mein Vater war ein Ossete, ein Ingenieur bei der Eisenbahn, und die Mutter, wie ich schon sagte, eine Ärztin – war eine Georgierin. Sie haben sich scheiden lassen als ich sechs Jahre alt war. Meine Mutter war sehr emanzipiert, und dies war auch für mich mein Leben lang – das Wichtigste. Ich war zwei Mal verheiratet. Mein erster Mann war ein Adjutant beim Marschall Tuchatschewski. Er wurde, wie auch sein legendärer Kommandeur, auf Befehl Stalins erschossen. Viele dachten, ich wäre Tuchatschewskis Geliebte. So ein Quatsch – ich war damals ja so jung. Aber er war sehr nett zu mir, ein richtiger Kavalier, obwohl er ein roter Kommissar war.“
Tuchatschewski, Krieg, Jurastudium, vierzig Jahre Kunstakademie – wie alt könnte sie dann sein? – rechnete ich schnell in meinem Kopf. Sechzig? Siebzig? Achtzig?
Ein auffallend geschminktes Gesicht, lila Hut, lila Fingernägel, Strümpfe und Bluse in rosa, der Rock farblich mit den Schuhen und der Tasche abgestimmt. Alles bunt und fein wie in einem Bilderbuch.
„Meinen zweiten Mann, einen Griechen, habe ich auf der Krim kennengelernt“- fuhr sie unbekümmert fort. „Er war fürchterlich eifersüchtig; versuchte dauernd diese ‘ehelichen Ketten’ um mich zu legen. Ich hielt es nicht mehr aus und verließ ihn. Trotzdem wollte er sich von mir nicht scheiden lassen. Einige Monate später erfuhr ich, dass er aufgrund eines anonymen Briefes von Tschekisten deportiert und hingerichtet wurde. Na ja, es waren verfluchte Zeiten, man wusste nicht, wer Freund und wer Feind war. Ich ging nach Georgien, zu Verwandten. Das war kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Berija war an der Macht. Die georgischen Nationalisten wollten mich zu seiner Geliebten machen, damit ich bei ihm für sie spionieren kann. Aber es wurde nichts daraus. Nur ein einziges Mal bin ich mit ihm im offenen Jeep gefahren. Er hat mich per Anhalter mitgenommen und zu meiner Arbeit gebracht. Nie wieder bin ich ihm begegnet.“

Sie unterhielt sich mit mir bis spät in die Nacht. Was heißt unterhielt? – sie sprach und ich hörte zu und mit mir das ganze Foyer. Sie besaß eine kräftige Stimme, die sie auf keinen Fall leiser zu stellen beabsichtigte, eher lauter. Es war nicht zu übersehen, dass es ihr richtig Spaß machte, die atemberaubenden Abenteuer ihres undurchsichtigen Lebens wildfremden Menschen zu erzählen. Ob man ihr glaubte oder nicht, war ihr letztendlich egal.

„Ich kämpfte für die Freiheit Georgiens auf der Seite der Deutschen. Ich arbeitete in Berlin als Journalistin für die Zeitung „Freier Kaukasus“. Aber gegen die Russen habe ich nie gekämpft, ich habe sie nie gehasst. Was meine Kultur und Mentalität angeht – bekenne ich mich zum Russentum. Puschkin, Lermontow, Dostojewski, Jessenin – das ist meine Welt. Auch Majakowskij – er wurde übrigens in Georgien geboren, es war seine erste Heimat, so wie meine – Petersburg. Die Georgier sind dumm, sie mögen keine Osseten, die Osseten sind auch dumm, sie mögen keine Georgier und beide mögen keine Russen, aber ich mag sie. Ich habe auch nichts gegen die Juden, ich mag alle Menschen, wenn sie nicht dumm sind. Die Dummen mag ich nicht – sie bringen nur Probleme.“
Das allgemeine Interesse für ihre Person war für Nina von Kikodse eine Selbstverständigkeit und mit den Jahren wurde es vielleicht zu einer Sucht. Es schien, dass alles an und in ihr danach strebte, fremde Blicke auf sich zu ziehen: ihre raffinierte Bekleidung und Schminke, ihr auffallender Modeschmuck und die lässige Deutlichkeit ihrer Sprache, die oft an der Grenze des Peinlichen balancierte.

Eine Woche später besuchte ich sie in ihrer Wohnung in der Türkenstraße, die vermutlich die Akademie für Bildende Künste ihr zur Verfügung stellte. Das war eine Parterre-Wohnung im Hinterhof eines nichtrenovierten Altbaus. Kein Bad, keine Küche, kein Flur. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn es in dieser Wohnung auch keine Toilette gäbe. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so etwas Heruntergekommenes gesehen, auch in Russland nicht. Wenn der Spruch über das Genie und sein Chaos wirklich stimmt, dann war die Nina das größte Genie aller Zeiten.
Sie empfing mich auf ihrem Bett sitzend, wie auf einem Thron. Kissen, Kleider, Tücher, Taschen, Hüte und auch sehr viele Bücher lagen überall herum. Auf einem Kissen, zu ihren Füßen, faulenzte ein winziges Hündchen. „Dame mit Hündchen“ – das erste, was mir durch den Kopf schoss, als ich sie in dieser Pose sah. Aber an Nina war nichts von dieser provinziellen, schüchternen, romantischen Tschechowschen Heldin. Vor mir saß eine emanzipierte, gealterte, doch selbstbewusste und siegeserfahrene Schönheit, von den Schwabingern liebevoll „Ninótschka“ genannt.
Die unglaublichen Geschichten, die man über sie hörte – wen und wann sie verraten haben soll – waren zum größten Teil von ihr selbst erdichtet. Wahrscheinlich dachte sie, als „gefallener Engel“ hätte man mehr Chancen im Leben. Sie erzählte z.B., dass sie mit den georgischen Freiheitskämpfern zusammen 1943 nach Berlin kam. Bald zerstritt sich Nina mit ihnen. Sie hätten sie „manipulieren“ wollen, und Nina ließ sowas nie mit sich machen. Sie verriet ihre ehemaligen Verbündeten zuerst an die Deutschen, dann an die Engländer, oder umgekehrt. Und weil sie dumm waren, taten sie ihr auch nicht leid. Später wollten sie sich an ihr rächen und versuchten, sie in einem Restaurant namens „Wolga“ zu vergiften. Sie erkrankte sehr schwer, überlebte aber. Als die Amerikaner kamen, ging sie nach Salzburg, lebte dort unter verschiedenen Namen, freundete sich mit den Kommandanten an und verschaffte ihren Landsleuten Papiere und Lebensmittelmarken. „Ein Engel mit blutigen Flügeln“ – hätte man sie damals genannt. 1946 kam sie nach München und versuchte hier Fuß zu fassen. Sie wechselte ihren Namen und ihr Alter. Das letztere verriet sie bis zum Schluss nicht.

In ihrem staatenlosen Pass stand das Geburtsjahr – 1920. Ab und zu, so nebenbei, konnte man ihre eigenen Eindrücke über die Oktoberrevolution hören. Minuten später hieß es – „aus Erzählungen meiner Mutter“.
In München war sie von vielen geliebt und von einigen bewundert. Kunststudenten, denen sie fast ein halbes Jahrhundert ihre wunderschöne Nacktheit schenkte, machten aus ihr eine Kultfigur. Auch Professoren zeigten Nina gerne ihre Zuneigung. Diese allgemeine Anerkennung galt nicht nur ihrer Originalität, sondern zeigte auch den Respekt gegenüber einer alten Dame.
Und eine Dame war sie, von Kopf bis Fuß, auch wenn dieser Fuß oft in ihrem Leben „entblößt“ war. Sie pflegte die Menschen grundsätzlich „per Sie“ anzusprechen, ohne Rücksicht auf ihre Jugend und langjährige Freundschaft. Keiner hat sie je schimpfen gehört, fluchen konnte sie jedoch blendend. Nie hatte sie sich über etwas beklagt, weder über Armut, noch über Altersschwäche. Dass sie sich oft keine Tasse Kaffee leisten konnte, durfte auch niemand erfahren. Ganze zwei Mark pro Stunde bekam sie für das Modellstehen in den Fünfzigern, in den Achtzigern waren es zwölf. Sie hatte keine Kranken-, Renten- oder Lebensversicherung. Da sie sich nach dem Krieg um gute zehn Jahre jünger gemacht hatte, stand ihr bis zum hohen Alter auch keine soziale Versorgung zu. Trotzdem nahm sie diese Strapazen ganz gelassen in Kauf, um nur nicht, um Gottes Willen, jemanden um Almosen zu bitten, und dadurch womöglich noch ihre Geheimnisse lüften zu müssen. Schließlich war sie eine Fürstin, wenn auch keine echte. Zumindest ihre Großzügigkeit und Verschwendungssucht waren majestätisch.
Außer zahlreichen Kleidern, Hüten und Modeschmuck besaß sie nichts. Nicht einmal eine goldene Uhr oder einen Diamantring – ganz außergewöhnlich für eine schöne, begehrenswerte Frau, für eine Primadonna. Und eine Primadonna war sie schon immer. Keiner Schönheit, keiner Berühmtheit gelang es, in Ninotschkas Anwesenheit, auf ihre Kosten zu kommen – allen stahl sie, bewusst oder unbewusst, die Schau. Ihr einziger Reichtum war – ihre Erscheinung. Egal in welchen Kreisen sie sich bewegte: im Schwabinger Studentenviertel, beim Käse- oder Gemüsestand am Viktualienmarkt, in renommierten Galerien bei Vernissagen, bei Premieren oder bei öffentlichen Empfängen des Bürgermeisters – eine Begegnung mit ihr wurde stets zu einem unvergesslichen Ereignis.
Ohne selbst etwas zu besitzen, spielte sie mit Vergnügen die Rolle einer Mäzenin. Jedem, den sie gerade kennengelernt hatte, versprach sie, ihm „auf dem Weg nach oben“, zu helfen.
Sie half tatsächlich vielen. Für die eine setzte sich Nina ein, damit sie in der Akademie einen Studienplatz bekam; für den anderen organisierte sie eine Vernissage, dem dritten gab sie ihr letztes Geld für eine Fahrkarte in die Heimat.
Als ich 1986 im Gasteig die ersten Russischen Theatertage in München veranstaltete, stieß ich auf ein Problem, das ich alleine nicht lösen konnte. Wir wollten mit dem litauischen Regisseur Jonas Jurasas die Erzählung von Vladimir Nabokow „Lebemann“, inszenieren und mit der persönlichen Erlaubnis durch Nabokows Witwe, diese in München uraufführen. Für zwei Monate Probenzeit konnten wir aber keine Räume finden. In meiner Verzweiflung wendete ich mich an Nina, sie ging zum Präsidenten ihrer Akademie und prompt bekam sie für uns einen großen Raum, in dem wir zwei Monate lang bis zu sechs Stunden täglich umsonst proben durften.
Schenken – war eine ihrer Leidenschaften. Eine noch größere Leidenschaft war es, kleine, operettenreife Intrigen unter Bekannten zu flechten. Als ob Nina sie alle auf die Probe stellen wollte – fällt er oder fällt er nicht darauf rein. Wenn er darauf reinfiel, dann fiel er auch bei ihr durch, dann war er halt ein Schwächling. Ihre eigentliche Liebe gehörte jedoch der Schönheit. Gerne musterte sie jedes vorbeikommende oder vorbeigehende Gesicht. Sie ist schön! – hieß bei ihr – sie ist meine Freundin, oder: Sie könnte meine Freundin werden. Jene, die weniger schön waren und Nina mochte sie trotzdem, beurteilte sie: „Er/sie ist aber nicht dumm!“
Sie war sehr belesen. Man konnte sich mit ihr über alles unterhalten, aber sie musste das Gespräch führen und am liebsten auch das Thema wählen. Gerne brachte sie Menschen zusammen und war nie auf den Erfolg der anderen eifersüchtig. Ohne Zweifel war Ninotschka eine faszinierende Person, bei der vom Göttlichen zum Diabolischen nur ein kleiner Schritt lag.

Als sie ernsthaft erkrankte und nicht mehr imstande war, ihrer Akademie zu dienen, verschafften ihr zahlreiche Freunde eine kleine soziale Absicherung. Die Münchner Journalisten, die in Nina mehr eine Schwabinger Sehenswürdigkeit als Kollegin sahen, setzten sich dafür ein, dass sie endlich eine menschenwürdige Bleibe bekam. Eine Maisonette mit Blick auf das Rathaus im Künstlerwohnheim, das durch die Benefizveranstaltungen der Münchner Abendzeitung am Viktualienmarkt errichtet wurde, entpuppte sich als das einzige Paradies in Ninas Leben, unter dem Himmel ihrer Wahlheimat.
Als Ninas Hündchen von einem Auto überfahren wurde, brachte ich ihr 1990 aus Moskau einen silberhaarigen Zwergpudel namens „Anton“, den sie gleich in „Antoschka“ umtaufte. Schon nach kürzester Zeit wurde aus dem gebürtigen Moskowiten ein bayerischer Medienstar. Zusammen verbrachten sie den ganzen Tag auf dem Viktualienmarkt, mal auf eine Wurst, mal auf ein Bierchen von seinen Wirten eingeladen.
Eines föhnigen Tages brach Nina vor ihrer Haustür zusammen. Zwar wurde sie im Perlacher Krankenhaus von besten Professoren wiederbelebt, durfte aber nicht mehr ohne Aufsicht das Krankenhaus verlassen. Da sie angeblich keine Verwandten hatte, wollte man sie in ein Altersheim einweisen, was für Nina einem Todesurteil gleich käme. „Was würde ich mit all diesen alten Leuten tun! Es bringt mich um! Ich werde dort in einer Woche sterben!“
So kam es dazu, dass ich den Ärzten versprach, mich ab sofort um Nina zu kümmern. Mit Hilfe einer deutschen Adligen vom Sozialdienst München, organisierte ich für sie eine häusliche Pflege und sorgte dafür, dass sie auch die letzten Jahre, als sie bettlägerig geworden war, von jungen Menschen, Künstlern, Schauspielern und Dichtern umringt wurde. Bis zuletzt veranstaltete sie kleine Partys, ließ Bekannte ihrer Freunde bei sich übernachten, verköstigte eine ganze Clique arbeitsloser Künstler und verschenkte an alle Besucher, Stück für Stück, ihre ganze Habe.
Sie las sehr viel, in Russisch und Deutsch, rezitierte auswendig Gedichte und ganze Balladen und immer wieder erzählte sie ihre unglaublichen Geschichten, mit dem berühmten Satz am Schluss: „Alles steht in meinen Memoiren“.
Als ihre kinderzarte Hand, im August 1996 nicht mehr imstande war, eine Tasse Tee zu halten, konnte sie noch Leo Tolstojs Roman „Anna Karenina“ halten. Es war das letzte Buch, das sie – sicher nicht zum ersten Mal – las. Welche Wahrheiten wollte Ninotschka daraus ziehen? Welche Antworten hatte sie gesucht und auf welche Fragen? Ob Nina sie fand?

An dem Tag, als sie zum ersten Mal nicht nach einem Lippenstift griff, gestand sie, 1907 geboren zu sein.

Der kürzlich verstorbene Bischof Agapit

Eine Woche später verweigerte sie das Essen, zwei Tage darauf – das Trinken. „Ich möchte sterben“ – sagte sie – „Die Schmerzen sind unerträglich geworden.“ Es klang, als ob sie sagen würde: „Ich heiße nicht mehr Nina von Kikodse“.
Bis ein Krankenwagen kam, der sie zum Sterben in ein Münchner Krankenhaus bringen sollte, saß ich alleine vor ihrem Bett sechs Stunden lang. „Nie haben wir darüber gesprochen“ – fing ich verlegen an – „Aber jetzt, Ninotschka, muss ich es wissen: wie möchtest du begraben werden, nach welcher Religion?“ Ein langes Schweigen war ihre Antwort. „Bist du russisch-orthodox?“ – fuhr ich nach einer Weile fort. Nur ein schwaches Ausatmen. „Soll ich einen russischen Geistlichen zu dir rufen? Möchtest du eine Beichte ablegen?“ – Ein deutliches „Nein.“ „Bist du vielleicht katholisch? Evangelisch?“ – Eine verneinende Kopfbewegung. „Dann bist du doch russisch-orthodox!“ – Kaum hörbares „ja“. „Möchtest du nach allen Riten unserer Religion die Welt verlassen?“ – Wieder ein schwaches „ja“. „Dann muss ich sofort einen Geistlichen rufen… bevor es zu spät ist!“ – Es schien, sie hätte sie ihre ganze Kraft zusammengenommen, um ein deutliches, resolutes „nein“ zu sagen: „Ich will nicht beichten.“
Fünf Sanitäter und eine Ärztin trugen sie behutsam durch das schmale Treppenhaus zum Krankenwagen. Wie eine Zarin saß sie in ihrem Rollstuhl. Ihr unvergleichbarer, kaukasischer, stolzer Adlerblick glitt zum letzten Mal über die besorgten Gesichter der Viktualienmarktwirte und ihrer Stammgäste, die wie zu einer Demonstration, sich nach und nach um den Krankenwagen versammelt hatten.
In Stille verabschiedeten sich die Münchner von ihrer „Ninótschka“, der „Muse von Schwabing“, der „Barfüßigen Fürstin“.Auf Rat unserer gemeinsamen Freunde entschloss ich mich doch, einen russischen Geistlichen zu Nina zu holen. Kurz vor Mitternacht betraten wir zusammen mit dem Vater Agapit, Ninas Krankenzimmer im „Rechts der Isar“. Ihre Augen waren schon verschleiert, aber ich spürte, dass sie uns sah. Doch auf unsere Fragen gab sie keine Antwort mehr. Als der Pfarrer ein Gebet zu sprechen und danach noch ein russisches Liturgielied zu singen begann, erleuchtete ein zartes, unschuldiges Lächeln das klassisch geformte, immer noch schöne Gesicht Ninas. Eine Stunde später verließ sie diese Welt.
Eine Woche danach, als ich mich im Chaos von Ninas Nachlass zurechtzufinden versuchte, stieß ich im Keller auf eine verstaubte Plastiktüte, gefüllt mit etwa Tausend, teils in Deutsch, teils in Russisch beschriebenen Blättern. Es waren Ninas Memoiren. Oben drauf lag ein Gerichtsschreiben – die Erklärung einer deutschen Übersetzerin, die Ninas Memoiren korrigiert hatte, dass sie schwöre, über den Inhalt von Nina Werk niemandem zu erzählen.
Ich glaube, auch ich sollte ihrem Beispiel folgen.


Text und Fotos stammen von unserem > jourfixe-Mitglied, Schauspielerin und Theaterwissenschaftlerin > Tatjana Lukina,
der langjährigen Präsidentin von MIR – dem Zentrum russischer Kultur in München


Die Geschichte der Begegnung der Künstlerinnen Tatjana Lukina und Nina von Kikodse findet sich auch in dem Buch

Lukina, Tatjana E.: Russische Spuren in Bayern. Portraits, Geschichten, Erinnerungen. Ross ... 

Russische Spuren in Bayern –
Portraits, Geschichten, Erinnerungen
Rossijskie sledy v Bavarii

 

Idee und Konzept > Tatjana Lukina
München, MIR, 1997;  Zentrum Russischer Kultur in München ;
zahlreiche Illustrationen ; 270 S., broschiert ;

ISBN 3-9805300-2-7

 

www.mir-ev.de

 

 


Artikel vom 15. Mai 1984, Abendzeitung München