Mit einem Paukenschlag verschaffte eine Gruppe deutscher Sinti sich und ihrem Volk am 4. April 1980 weltweite Aufmerksamkeit, als sie auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau in einen Hungerstreik traten. Der Anlass war – noch im Rückblick – mehr als beschämend für unsere Bundesrepublik im 36. Jahr nach Ende der NS-Diktatur: Noch immer fristeten die Sinti und Roma eine Randgruppen-Existenz, noch immer hatten sie keine oder nur minimale Wiedergutmachungen für die an ihnen begangenen Verbrechen im Dritten Reich erhalten. As perspektivlos empfanden sich viele und von der deutschen Mehrheitsgesellschaft weiterhin als “Zigeuner” diskriminiert. Sie lebten weitestgehend unter derart prekären Verhätnissen, dass sich die Sozialarbeiterin Uta Horstmann, als einzige Nicht-Sinti und als einzige Frau, aus tief empfundener Solidarität dem Hungerstreik anschloss.

Sprecher der Aktion war der junge Sinto Romani Rose, der sein Leben dem Kampf für die Bürgerrechte gewidmet hat und seit 1982 dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma vorsteht. Zu seinem 70. Geburtstag ist 2017 die Biografie “Romani Rose – Ein Leben für die Menschenrechte” im danube books Verlag unseres jourfixe-Mitglieds Thomas Zehender erschienen, verfasst von unserem jourfixe-Mitglied Behar Heinemann. Das Buch beleuchtet in einem ausführlich bebilderten Kapitel auch den Hungerstreik auf dem KZ-Gelände Dachau, der sich für die deutschen Sinti & Roma zu einem Meilenstein im Kampf für die Menschenrechte entwickeln sollte.

Nachstehend einige Bild-Auszüge aus dem Buch “Romani Rose – Ein Leben für die Menschenrechte”

 

Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma berichtet darüber auf seiner > Homepage

Eine Zäsur in der Bürgerrechtsarbeit war der Hungerstreik von elf Sinti und der Münchener Sozialarbeiterin Uta Horstmann in der Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau an Ostern 1980. Über die Aktion wurde in den nationalen und internationalen Medien ausführlich berichtet. Die Streikenden, unter ihnen drei Überlebende der Konzentrationslager, erfuhren breite öffentliche Solidarität. Sie forderten eine gesellschaftliche Aufarbeitung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma. Insbesondere ging es um den Verbleib der NS-„Zigeunerakten“ und um die fortgesetzte Sondererfassung von Sinti und Roma durch Justiz- und Polizeibehörden. Nach siebentägigem Hungerstreik lenkte das zuständige Bayerische Innenministerium schließlich ein und bekannte sich öffentlich dazu, dass Diskriminierungen gegenüber Sinti und Roma abgebaut werden müssten. (…)

Auf der > Homepage des Zentralrats deutscher Sinti und Roma eine Meldung aus dem Jahr 2016:

Uta Horstmann, Bürgerrechts-Aktivistin der ersten Stunde, erhält heute in München das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland am Bande, das ihr von Staatsministerin Emilia Müller, Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, überreicht wurde.  Staatsministerin Müller würdigte insbesondere die Beteiligung von Uta Horstmann am Hungerstreik der Sinti und Roma in Dachau zu Ostern 1980 und ihr ausdauerndes Engagement in der Bürgerrechtsarbeit von Sinti und Roma.  Uta Horstmann setzte sich nicht allein in München, sondern in ganz Bayern und auch darüber hinaus für die Rechte von Sinti und Roma ein, so die Ministerin.

Romani Rose würdigte das Engagement von Uta Horstmann :
„Ohne Menschen wie Uta Horstmann würde es die Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma nicht in ihrer heutigen Form geben.  Zur Zeit unseres Hungerstreiks, der erstmals internationale Aufmerksamkeit auf den Völkermord an unserer Minderheit und auf die in der Bundesrepublik Deutschland fortgesetzte systematische Stigmatisierung gelenkt hatte, gab es in Deutschland kaum Unterstützung für unsere Menschen. Uta Horstmann kennt die Sinti-Familien in München seit Jahrzehnten und sie kennt deren alltägliche Situation, nämlich immer wieder mit Diskriminierungen konfrontiert zu sein.  Wir alle sind Uta Horstmann zu Dank verpflichtet, denn sie hat gezeigt, dass die Kluft zwischen unserer Minderheit und der übrigen Bevölkerung nach der Erfahrung des NS-Völkermordes überwunden werden kann.“

Uta Horstmann hatte schon 1980 am Hungerstreik der Sinti und Roma im ehemaligen Konzentrationslager Dachau teilgenommen und seitdem ausdauernd gegen Ausgrenzung und Diskriminierung gearbeitet.  Als Sozialarbeiterin der Stadt München war sie maßgeblich beteiligt an der Konzipierung und Realisierung der neuen Häuser in München – Freimann. (…) 

Weitere Bilder zum Hungerstreik von Ostern 1980 finden sich auf der

> Homepage des Zentralrats deutscher Sinti und Roma<


Uta Horstmann erzählt vom Hungerstreik vor 40 Jahren in einem Video von Gerhard Hallermayer >

 


Video von Gerhard Hallermayer zur
Ausstellungseröffnung am 2.3.2020 “45 J. Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti + Roma” 


 


Zur Romani Rose Biografie von Behar Heinemann > 

-WICHTIGE Informationen finden sich auch gut zusammengefasst in der

ZDF-Dokumentation “Sinti und Roma – Eine Deutsche Geschichte”

Erstaustrahlung in der Sendung ZDF-HISTORY, am Sonntag, 28. Juli, 23.45 Uhr
ZDF-Mediathek aufrufbar UNTER DIESEM LINK

Kommentator*Innen/Zeitzeug*Innen in der Dokumentaion sind
Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma)
Jane Simon (Autorin)
Janko Lauenberger (Musiker und Autor)
Petra Rosenberg (Interessenvertreterin und Sprecherin deutscher Sinti und Roma.
und eine Schwester von Sängerin Marianne Rosenberg
sowie
Dotschy Reinhard (Musikerin, Menschenrechtlerin und Autorin)