Als “Irre” oder “Verrückte” werden Menschen mit psychischen Störungen in den Medien und auch in unserer Umgangssprache allzu oft dargestellt, meist im Zusammenhang mit Straftaten. Dem möchte ich etwas entgegensetzen: Daher habe ich über einen Aushang in meiner psychiatrischen Praxis vor etwa einem dreiviertel Jahr begonnen, Patientinnen und Patienten als Models zu rekrutieren. In den täglichen Gesprächen mit den Frauen und Männern, die seit nunmehr fast 25 Jahren in meine Sprechstunde kommen, weiß ich, dass die Öffentlichkeit weit davon entfernt ist, psychische Störungen als Erkrankungen wahrzunehmen, die jeden von uns treffen können. Im Gegensatz dazu erscheinen auf meinen Fotografien psychisch Kranke als das, was sie sind: Menschen, die sich äußerlich nicht von uns „Gesunden“ unterscheiden, anders als sich viele das aus Gründen der inneren Abwehr gerne vormachen.

BILDBEISPIEL

Ich habe meine Patientinnen und Patienten gebeten, zum Shooting einen Gegenstand mitzubringen, der ihnen – aus welchen Gründen auch immer – besonders viel bedeutet. So sind neben den Portraits Bekenntnisse zu sehen, von denen der Betrachter nur mutmaßen kann, was die besondere Bedeutung wohl sein könnte. Es sind Einblicke in ein „Schatzkästchen“, das wir wohl alle kennen. Das Zeigen des subjektiv wertvollen Gegenstandes schlägt eine Brücke in unser eigenes Inneres, der wir uns nicht entziehen können. Wir sehen nicht mehr den „psychisch Kranken“, sondern den Menschen in seiner uns allen vertrauten Intimität.

Fotografisch war mir bald klar: Was ich darstellen will, verträgt keine „künstlerische“ Entfremdung, Überspitzung oder Distanzierung. Ich zeige die Menschen in Farbe vor einem schwarzen Hintergrund, ohne Inszenierung und ungekünstelt. Alle Beteiligten haben ihr Einverständnis dazu gegeben, dass ihre Portraits im Kontext „psychische Störung“ zum Zwecke der Entstigmatisierung gezeigt werden.

Das bisherige Konzept orientiert sich an den Gegebenheiten einer Ausstellung. Der Betrachter sieht zunächst das Portrait. Um hinter die Kulissen zu blicken und den wertgeschätzten Gegenstand zu sehen, ist eine „enthüllende“ Aktion erforderlich. Gedacht ist an eine Bedeckung des zweiten Bildes, am ehesten mit einer Klappvorrichtung, die händisch entfernt werden muss. Das beigefügte Schema gibt eine Anregung, wie das aussehen könnte:

Die Ausstellung ist eröffnend respektive begleitend zu einem Themenschwerpunkt 2021 der Kulturplattform jourfixe-muenchen vorgesehen, an der Schnittstelle von psychischer Erkrankung und Kunst – auch als Gegenentwurf zum aktuell wieder stark in den Vordergrund tretenden gesellschaftlichen Utilitarismus im Zuge der Corona-Krise.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aufgrund der Gegebenheiten des Blogmilieus sind die Bildbeispiele hier in deutlich eingeschränkter Auflösung abgebildet

 


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