Eine ganz außergewöhnliche Annäherung an Walter Benjamin ist Autor und Germanist Roland Jerzewski geglückt: In seinem Buch Brezel, Feder, Pause, Klage, Firlefanz begeben sich Schüler*Innen im Alter zwischen 12 bis 18 Jahren in die literarischen Fußstapfen des deutschen Philosphen (1892 – 1940).  Dessen „Berliner Kindheit um 1900“ und seine „Denkbilder“ – in den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden – werden zur Blaupause für Texte dieser jungen Menschen.

Kunst bzw. Literatur für alle: Eine ehemalige Schülerin und jetzige Laden-Inhaberin hat Jerzewskis Buch gleich stapelweise im Zeitungsregal eingeordnet

Der Funke zwischen dem Werk Benjamins und den jungen Menschen ist sichtlich übergesprungen Sie lassen sich von dessen unwiderstehlicher schriftstellerischer Kreativität anstecken, sind berührt und motiviert zum Verfassen eigener Geschichten, die ihrem Vorbild vermutlich sehr gefallen hätten und nicht nur ihm. ;-).  Dabei ahmen die jungen Autorinnen und Autoren Benjamins Schreibstil keinesfalls nach, sondern lassen sich durch ihn zu ganz persönlichen kleinen Erzählungen anregen, wie der türkische Schüler in nachstehendem Video-Clup von Roland Jerzewski …

Über den Zeitraum von 25 Jahren ist so ein vielstimmiges Lesebuch entstanden, in dem Walter Benjamins literarische Miniaturen ebenso wie die jugendlichen Beiträge zeigen, welchen Einfluss dieser große Literat, Philosoph, Denker und ‚Influencer‘ auch heute noch auszuüben vermag.

Dabei wendet sich Roland Jerzewski mit seinem Buch an ein auf ganz unterschiedlichen Ebenen literaturinteressiertes Lesepublikum sowie an Deutschlehrer und Literaturpädagogen an Schulen und Hochschulen. Er richtet sich aber gleichermaßen – wie seine dreiteilige Einführung zeigt – an Literaturwissenschaftler, denen er mit seiner Einordnung Walter Benjamins als begnadetem Erzähler durchaus Diskussionsstoff bietet. Denn mit dieser Akzentverschiebung verblasst zwar der als genial, aber nicht ganz einfach geltende Philosoph nicht völlig, doch seine narrative Ader gewinnt zumindest in diesem Buch einmal die Oberhand.

Dr. Roland Jerzewski

Jerzewski zeigt eindrucksvoll: Substanz und Verständlichkeit schließen sich keineswegs aus! Mit seiner sich von der Romantradition des 19. Jahrhunderts und selbst von Marcel Proust lösenden Neuverortung des Erzählers verabschiedet sich Benjamin keineswegs von einem nach leichterer Zugänglichkeit lechzenden Lesepublikum, sondern er gewinnt es für sich.

Links eine Collage zu Walter Benjamin, rechts Roland Jerzewski während einer Vorbesprechung zum Buch mit Gaby dos Santos

Gleich zu Beginn seines Buches umreißt Roland Jerzewski seinen Zugang zu Walter Benjamin: „Wer sich einmal ganz und gar auf Walter Benjamin eingelassen hat, der kommt kaum mehr von ihm los oder vermisst ihn schnell als kostbaren Wegbegleiter. So ist es auch mir ergangen, zunächst als Literaturwissenschaftler, der sich mit Benjamins Engagement-Begriff im deutsch-französischen Kontext beschäftigte und – lebensgeschichtlich dazu passend – zwischen Deutschland und Frankreich hin- und herpendelte, dabei Bekanntschaft schließend mit der alten Pariser Bibliothèque Nationale, von der Walter Benjamin in seiner Pariser Exilzeit so unzertrennlich war. Hier fand er gleichsam seine ins Unendliche erweiterte Privatbibliothek wieder, übrigens mit Nachleben, entdeckte man dort doch 1981 einige seiner verschollen geglaubten Manuskripte, darunter ein Typoskript der 1938 entstandenen Fassung letzter Hand der „Berliner Kindheit“ mit der bislang einzigen von Benjamin selbst herrührenden Anordnung der dreißig Prosastücke. Und gleich nebenan öffnen sich die Pariser Passagen, deren Entstehung und Wirkung er über Jahre in der Bibliothek nachging und denen er in seinem unvollendeten Passagen-Werk ein formidables Denkmal setzte.“

Schauen also auch wir, auf der Suche nach unserer Kindheit, einfach einmal in den „Lesekasten“, spüren wir dem Duft eines „Café crème“ in Paris nach, beißen wir in Secondigliano ungehemmt in „Frische Feigen“ und verkosten wir im Märchenwald das rätselhafte „Maulbeer-Omelett“…


Titelmotiv: Ausschnitt  des Buch-Covers

Eckdaten zum Buch

Brezel, Feder, Pause, Klage, Firlefanz
In den literarischen Fußstapfen Walter Benjamins

Roland Jerzweski
2020 erschienen im Simon Verlag für Bibliothekswissen
183 Seiten
softcover
ISBN 978-3.945610-53-4
15.00 
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