Michaael Roth, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und MdB (SPD), sprach als Vertreter der Bundesregierung am Nachmittag des Gedenktags im Zentrum für Dialog und Gebet in Krakau.

Michael Roth, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und MdB, kurz nach seiner Rede im Zentrum für Dialog und Gebet in Krakau

Dort fand der offizielle zweite Teil des Gedenktages am 2. August 2019 statt. Roths Rede erhielt sehr gute Resonanz unter den Teilnehmern meiner Reisegruppe. „Er benannte die Fakten“, „Er beschönigte nichts“, war am Abend in internen Gesprächen zu hören. Roth nahm die Worte „Schuld“ und „Scham“ in den Mund. Er stellte sich den Tatsachen deutscher NS-Geschichte. Ebenso sprach er die späte Rehabilitation von Sinti und Roma als rassisch Verfolgte an, auch die fortlaufende Kriminalisierung der Minderheit bis in jüngster Zeit. Er spannte den Bogen in die Gegenwart. Und er legte Fakten der gegenwärtigen Situation in Deutschland und Europa – nicht nur Sinti und Roma betreffend – offen auf den Tisch. Er sprach von den jüngsten Attentaten gegen Politiker, von Übergriffen auf Migranten, anonymen Hassreden und Drohungen. Roth sprach von europäischen Wertehaltungen, von Gefahren der Manipulation über die neuen Medien, vom Fundament der Demokratie und von Rechtsstaatlichkeit.

 

Sinto Peter Höllenreiner, Holocaust-Überlebender im Gespräch mit Roberto Paskowski, Vorstandsmitglied des bayerischen Landesverbandes Deutscher Sinti & Roma in der Innenstadt von Krakau

Roberto Paskowski nahm als offizieller Vertreter des Bayerischen Landesverbandes der Sinti und Roma an den Gedenktagen teil. Auf Frage die Anfrage von Gaby dos Santos, was ihn am meisten beeindruckte, schreibt er: „Die große öffentliche Resonanz, den der gemeinsame Appell von Jesse Jackson und Romani Rose hervorrief.“ Eine Million Menschen lasen die Berichterstattung des Zentralrats bereits einen Tag nach dem Gedenktag, mittlerweile sind es sicherlich viel mehr. Auch das “Requiem für Auschwitz”, unter der Leitung von  Riccardo M Sahiti  beeindruckte ihn sehr. Ebenso die vielen Jugendlichen, die mit 500 Teilnehmern aus 22 Ländern Europas zu den Gedenktagen nach Krakau gekommen waren. „Sie geben mir Hoffnung für den Fortbestand der Erinnerung und gegen das Vergessen.“

 

Simone Barrientos, MdB und kulturpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag:

Sie nahm an den Gedenktagen auf Einladung des Zentralrats teil. Ihr spontanes Statement am Abend des Gedenktags: „Es ist so wichtig, der Toten zu gedenken. Sie dürfen niemals vergessen sein. Genauso wichtig ist es, das Leben zu feiern. Denn Sinti und Roma sollten ausgelöscht werden, aber sie leben. Und heute – nach dem schweren und bedrückenden Gedenken am Ort der Vernichtung, wird Leben und das Überleben zu einem Geschenk, das es zu feiern gilt. Wir müssen es beschützen, damit nie wieder sei, was damals war.“

 

Auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Zu guter Letzt – „Frieda“, eine Zeitzeugin, die anonym bleiben möchte, über Zeitzeugengespräche mit Jugendlichen:

Wenn ich zum Zeitzeugengespräch eingeladen bin, stelle ich mich kurz vor, dann frage ich die jungen Leute: „Was wollt ihr von mir wissen? Was interessiert euch?“. Meistens fragen sie, wie die damalige Zeit war. Ich erzähle dann meine Geschichte, und füge hinzu: „Die Entrechtung war nicht für alle gleich. Jedes Verfolgungsschicksal verlief anders.“

Zuletzt sage ich immer: „Hört genau zu! Macht euch selbst ein Bild, was euch heute vorgeschlagen wird. Und wenn es euch nicht gefällt, macht Protest! Wenn man nicht einverstanden ist mit den Stimmen und Gruppen, die sagen „Werft die Leute raus!“ – sollen sie aufstehen. Die jungen Leute heute sind kritisch. Doch immer wieder sage ich: Hört gut zu und entscheidet selbständig. Sie sollen selbständig denken und klar sagen: So will ich leben. Es ist ihr Leben. Sie entscheiden, wo sie mitmachen und wo nicht. Das ist die Verantwortung und das Recht der jungen Leute. Es ist wichtig, gut zuzuhören, dann kann man entscheiden. Sie haben die Wahl ganz allein.


Fotos: Sofern nicht anders angegeben: Maria Anna Willer,  kulturkreativ.eu, Ethnologin und Biografin von Peter Höllenreiner >”Der Junge aus Auschwitz”

 



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