Ein Bahnhof im Tessin. Gierig nach Sensationen nähert sich eine Dame einem jungem Mädchen. Derart viele Fragen gehen der Frau durch den Kopf, dass sie zunächst nicht eine einzige zu artikulieren vermag. Ihre Lippen zittern, als sie schließlich atemlos fragt: „Was machst Du gerade?“ Beinahe tut sie dem Mädchen leid, denn leider, leider gibt es im Moment nichts Skandalöses zu berichten – Und selbst wenn, wären ein Bahnsteig und eine relativ unbekannte Dame sicher kein Anlass zu Enthüllungen?  Das Mädchen lächelt etwas befremdet ihr Gegenüber an. Es weiß sich als immer für eine deftige Klatschgeschichte gut, meint diesmal jedoch, nichts bieten zu können. Dass sie von zu Hause ausgerissen ist, liegt Jahre zurück, ihr Abstecher ins Münchner Rotlicht-Milieu, als Animiermädchen, ist schon wieder Geschichte und am Ende ihrer Reise erwartet sie ganz unspektakulär ein bürgerlicher Brotjob in München, Schwabing. Schwabing – wenigstens diese Adresse soll ihre künstlerischen Ambitionen lebendig halten, wenn sie auch gerade eine Kapitulation ins Bürgerliche plant.

„Frühling – Und draußen wartet das Leben … “ Zitat von Franziska zu Reventlow, Bildausschn. einer Collage von Gaby dos Santos


Während der Zug sich  in Bewegung setzt, ahnt das Mädchen noch nicht, dass es bereits mit einer neuen Sensation hätte aufwarten könnte: Es ist schwanger und wird den Schreibtisch-Job nie antreten, ebenso wenig wie den Rückzug ins Gutbürgerliche, sondern als allein erziehende Mutter die nächsten Jahre mit ihrem Kind in einem MutterKindHeim verbringen und ihre erneute Außenseiterrolle dabei kaum zur Kenntnis nehmen. Wie üblich. Bei dem rebellischen Mädchen handelt es sich jedoch nicht um Franziska zu Reventlow, der Protagonistin meiner aktuellen Collage, die Skandal-Gräfin und Femme Fatale der Münchner Gründerzeit, sondern um mich selbst, vor fast 40 Jahren.
Statt Jugenstil hat die „Flower-Power“-Zeit,  in welche die 68-Bewegung teilweise mündete, meine Jugend geprägt.  „Die Parallelen zur Hippie-Bewegung Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre sind leicht zu erkennen“, schreibt Gunna Wendt dazu in ihrer Reventlow-Biografie, auf der das Skript dieser Collage beruht. „Wie in der Boheme der Jahrhundertwende formierte sich auch in ihr eine Gegenkultur. Man protestierte gegen die Leistungsgesellschaft und die daraus resultierende soziale Deformation des Menschen. Man verweigerte sich ihren Anforderungen, „stieg aus“ und setzte dem Establishment im Kommuneleben neue Werte entgegen: Toleranz, Solidarität, sexuelle Freizügigkeit und das freie Individuum.“  Aus dieser Betrachtungsweise heraus stellt Gunna Wendt ein Zitat von Marianne Faithfull, eine Galionsfigur der Londoner Swinging Sixties, an den Anfang ihrer Reventlow-Biografie: I drink and I take drugs, I love sex and I move around a lot“  (Aus dem Song Vagabond Ways)

Eine Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion 2018 „Franziska zu Reventlow“


Leider war ich damals zu jung, um mich diesem Aufbruch anzuschließen. Viel mehr hing ich „auf der anderen Seite“ der Gesellschaft fest, die noch immer unter dem Einfluss tradierter Normen aus den 50er Jahren stand. Ich wuchs in einem internationalen Akademiker-Milieu auf, das sich aus Wissenschaftlern des europäischen Forschungszentrums EURATOM und deren Familien zusammensetzte. Eine Enklave des Wohlstands – und mehr noch der gesellschaftlichen Konventionen – am Lago Maggiore, in der man sich gegenseitig genau beobachtete und bewertete, allen voran diejenigen, die es nicht ganz in den akademischen Stand geschafft hatten und umso mehr einem undefinierbaren gesellschaftlichen Status nachjagten. Zwar gehörten Salon-Kommunismus und ein gelegentliches Kokettieren mit dem neuen Zeitgeist durchaus zum guten Ton, im Kern blieb man jedoch konservativ; ein wirklicher Grund zu Erneuerung oder gar Rebellion fand sich in diesen saturierten Verhältnissen nicht.

Gaby dos Santos um 1972. aufgenommen von Pascal Chatenay im Park der Europäischen Schule in Varese


Mir hingegen gelang es mit einsetzender Pubertät nicht mehr, mich einzufügen und die Aussicht auf ein Erwachsenenleben in der provinziellen und sozialen Enge meiner Kaste widerstrebte mir zutiefst. Auf keinen Fall wollte ich, zwar wohlversorgt, aber zugleich unausgefüllt, als frustrierte Ehefrau und Mutter enden, für die die Gesellschaft damals weder eigene Bedürfnisse noch eine eigene Karriere vorsah.
„Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtlegen“ – (Franziska zu Reventlow)
Diese Maxime teilte ich schon sehr jung. Bereits mit 13 Jahren brach ich aus meinem behüteten Teeanger-Leben aus und floh gleich bis nach Venedig, das mir als einzig angemessen dramatische Kulisse für einen solchen Schritt erschien.  Die Freiheit, die sich mir dann als doch ziemlich dornig erwies, währte – zu meiner heimlichen Erleichterung – nur eine Woche, bis mich die Polizei aufgriff. Mein Foto war in ganz Italien in den Zeitungen veröffentlicht worden. Eine Dreizehnjährige, die von zu Hause durchbrennt, galt der italienischen Presse landesweit als eine Meldung wert. Beinahe wäre ich deshalb von der Schule geflogen und meine Eltern durchlitten vermutlich einen regelrechten Spießruten-Lauf, auch wenn sie mir gegenüber nie davon sprachen. Allgemein viel diskutiert wurde im Zusammenhang darüber, ob ich, trotz meiner Eskapade, noch Jungfrau sei. Ich war. Als jedoch ein Jahr später zwei Schulkameraden mir nacheiferten, krähte kein Hahn danach. Man legte den Vorfall unter „B“ wie Bubenstreich ad acta. Mir hingegen blieb mein Ruf als „unmögliches Mädchen“ anhaften, zumal es mir auch im Verlauf der weiteren Schuljahre nicht gelingen sollte, einen Platz innerhalb meines Umfelds zu finden.
Ganz offensichtlich orientiert sich jeder Sittenkodex vornehmlich an der Tugendhaftigkeit von uns Frauen. Vielleicht neigen wir ja auch eher dazu, uns zurück zu nehmen und anzupassen. „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ – formuliert auf überspitzte Art eine Erkenntnis jüngeren Datums, die erfrischend auf Akzeptanz pfeift. Aber handelt es sich hierbei nicht eher um einen frommen Wunsch? Bekommt man als Mädchen nicht im Doppelpack mit einer pinken Girlie-Welt auch das unbedingte Bedürfnis mitgeliefert, zu gefallen? Wohinter sich die Sehnsucht verbirgt, geliebt zu werden.

Franziska zu Reventlow als Teenager, Foto: Refentlow-Biografie von Gunna Wendt


In der Reventlow-Biografie heißt es „Sie fragte sich wieder einmal, wie schon in den Auseinandersetzungen mit der Mutter, warum man einen Mensch wie sie nicht einfach akzeptieren könne. Das permanente Unverständnis verstimmte sie, doch an Selbstaufgabe oder Anpassung war gar nicht zu denken.“ Hier liegt sowohl in ihrer wie in meiner Biografie das Dilemma: Andersartigkeit, ob im Tierreich oder unter den Menschen, löst in der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft ein Unbehagen aus, das sich leicht in Intoleranz verwandelt.

Szenenbild von Gaby dos Santos aus der Collage „Franziska zu Reventlow“


Übrigens gilt das für so gut wie jedes Milieu, sogar für das Rotlicht-Milieu. Während meiner Zwischenstation als Animiermädchen im Münchner Bahnhofsviertel und am Platzl, eckte ich dort ebenso an, wie zuvor in meinen angestammten Kreisen, da ich als zu „großkopfert“ angesehen wurde und, einmal mehr, keinesfalls fähig oder willens war, mich den dortigen Gepflogenheiten anzupassen. Aber, ebenso wie Reventlow ihrer Tätigkeit als Gelegenheitsprostituierte, im gehobenen Etablissement von „Madame X“, durchaus einiges abgewinnen konnte, hatte ich für eine Weile richtig Spaß an meiner Bardamen-Existenz. Dem Alkohol nicht abgeneigt, wurde ich für dessen Konsum auch noch herrschaftlich entlohnt und traf dabei sogar eine ganze Reihe spannender Männer; einige von ihnen sollten auch in meinem weiteren Leben eine Rolle spielen und mich künstlerisch prägen. Ab und an unternahm ich zwar einen Anlauf, mich als die relativ gescheiterte Existenz zu fühlen, als die ich gemeinhin nun galt, so recht gelingen wollte mir das aber nicht. Im Gegenteil, ich fühlte mich sehr zufrieden, zumal ich in meiner Freizeit, mit reichlich Kleingeld in der Tasche, die gesamte Kleinkunst- und Musik-Clubszene erkunden und somit die Weichen für meine spätere Kulturarbeit stellen konnte.

Daher hänge ich diese Episode meines Lebens zwar nicht an die Große Glocke, verheimliche sie aber auch nicht, da sie einen Teil meiner Biografie darstellt, und ich keine Zeit und Energien auf Lebenslügen verschwenden möchte. Zumal ich mir eine Gesellschaft wünsche, in der man einander mehr wertfreien Raum zugesteht:
„Es ist nicht gut – es ist nicht schlecht – es ist …“
Zwar sind heute Schicksale wie das einer „Effi Briest“ undenkbar, die an den Konventionen ihrer Zeit scheiterte und an der anschließenden gesellschaftlichen Ächtung zerbrach. Doch noch immer neigen wir, meiner Meinung nach, dazu, vor einander jene Leichen zu verbergen, die wir doch alle im Keller lagern. Statt sie als das anzunehmen, was sie sind:  Ein verbindendes Symbol unser aller Fehlbarkeit und somit Menschlichkeit. Statt dessen kommt Bigotterie noch immer gerne im fadenscheinigen Mäntelchen des Schutzes konservativer Werte daher. Und scheut in seiner Selbstgerechtigkeit nicht davor zurück, all jenen das Leben schwer zu machen, die aus Neugier auf die Welt oder auf der Suche nach Selbstbestimmung ausscheren. Ihnen, darunter eben auch Reventlow zu ihrer Zeit und mir gegenwärtig, bot jedoch eine Szene jenseits der bürgerlichen Normen Zuflucht und kreativen Raum: Die sogenannte „Bohème„.

„Der arme Poet“  Collagen-Version (2017) von Gaby dos Santos des berühmten Spitzweg-Gemäldes


Diese befindet sich aber zugleich auch jenseits der existenziellen Schutzräume, die ein bürgerliches Leben bietet. Was mich anbelangt, so habe ich das Glück, heute in einer Zeit und einem Staat zu leben, dessen soziales Netz mich mit dem Lebensnotwendigen absichert; mit einem Kulturreferat, das mich ab und an bei der Verwirklichung von Kunstprojekten unterstützt, so auch diesmal.  Anders Franziska zu Reventlow, die der Drang nach Unabhängigkeit in ein tatsächlich prekäres Lebens führte, das sie auszehrte und sicher zu ihrem frühen Tod beitrug. Dadurch blieb ihr auch, im Gegensatz zu mir, der Vorzug des älter und somit des reifer Werdens verwehrt, verbunden mit der beflügelnden Erkenntnis, dass Relativieren nicht automatisch „verbiegen“ bedeutet. 😉
Ebenso erkenne ich, in der Rückschau, wie sehr Andersartigkeit einen in eine verzweifelte Einsamkeit treiben kann, aus der man sich – mehr schlecht als recht – mit der konsequenten Stilisierung der eigenen Person zu retten versucht. „Sie [Franziska zu Reventlow] führte am konsequentesten ein Leben jenseits des Konventionellen und Konformistischen,“ schildert Gunna Wendt in ihrer Biografie. „Die besondere Mischung aus Lebensfreude, Exzessen, Schwärmerei und Irrationalismus sollte in Schwabing schnell zur Attraktion werden. Absoluter Mittelpunkt des Treibens war schon bald Franziska zu Reventlow,“ führt die Schriftstellerin desweiteren in ihrer Beschreibung des speziellen Schwabinger Bohème-Lebens aus .„Schwabing ist ein Zustand“ stellte Reventlow dazu fest.

2001 für einen jourfixe im Münchner Nachtcafé von Toni di Mauro angefertigt: Das Riesengraffitti mit dem berühmten Reventlow-Zitat hängt heute in der Wohnküche von Gaby dos Santos


Zweifelsohne gehört sie zu den zentralen Künstlerpersönlichkeiten, die den legendären Ruf der Münchner Bohème-Szene rund um den Simplicissimus (heute „Alter Simpl“) in Max-Vorstadt und vor allem in Schwabing begründeten und entsprechend groß ist heute die Verehrung, die man ihr entgegen bringt. Aus den Ecken und Kanten unbequemer ZeitgenossInnen lassen sich, nach deren Ableben, gut Legenden meißeln … Der Preis, den Reventlow zu Lebzeiten als Freigeist und Literatin für die posthume Verehrung gezahlt hat, war hoch. Franziska zu Reventlow hat diese Tatsache mit Haltung und Ironie quittiert, ihren Gläubigern sogar ein ganzes Buch gewidmet, den „Geldkomplex – meinen Gläubigern zugeeignet“, so der Untertitel.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem Historical „Franziska zu Reventlow“ aktuell neu aufgelegt im Launenweber-Verlag


Was sich an Sehnsüchten, Leidenschaft und Leiden zwischen den Zeilen der Reventlow’schen Vita verbirgt, skizziert Gunna Wendt, sowohl studierte Soziologin, wie auch Psychologin, in ihrer Biografie derart eindringlich, dass ich die Ausgestaltung der begleitenden Bildcollagen für die „Reventlow“-Produktion als streckenweise nur schwer erträglich empfunden habe, so nah hat mich der Text an diese Künstlerin und  oft auch Schwester im Geiste, geführt. Daher sehe ich mich auch nicht in der Lage, ihre Zitate in den Aufführungen vorzutragen, sondern lese stattdessen den Text von Gunna Wendt, die wiederum die Zitate rezitiert. Zu stark war das Gefühl, mit Fanny zu Reventlows Worten zuviel auch von mir bloß zu legen …
Den Bildungsbürgern unter den Kunst-Konsumenten möchte ich gerne zurufen, dass die Kunst, in der es sich so schön elitär sonnen lässt, ein Abbild realer Lebenssituationen und Empfindungen in Ausnahme-Zuständen darstellt, oft mit tragischem Hintergrund, dessen schöpferische Umsetzung die KünstlerInnen ihrem Innersten abgerungen haben, ohne Garantie auf irgendeine finanzielle oder auch nur ideelle Wertschätzung. Wenn Reventlow ihren Gläubigern ein Buch widmet, so ist das witzig, der dazu gehörige leere Bauch und die damit verbundene ständige Flucht vor Geldeintreibern und Vermietern sind es nicht.
Noch weniger lustig fühlt es sich an, als kreativer Querschläger, ohne Veto-Recht, in eine bestehende Ordnung geboren zu werden. Dagegen helfen nur Galgenhumor und die zerbrechliche Stärke, die einen in jener Haltlosigkeit stützt, die so viele von uns Künstlerinnen und Künstler auszeichnet.


Franziska zu Reventlow – zum 100. Todestag 
Eine historische Collage nach der Biografie
Franziska zu Reventlow – Die anmutige Rebellin von Gunna Wendt,
Musik von Michaela Dietl und Bildern von Gaby dos Santos
DETAILS
Reprise: Freitag, 20. Juli 2018, um 20:00 Uhr
Black Box im Gasteig, Rosenheimer Straße 5
RETROSPEKTIVE mit Fotostrecke und kurzen Kommentaren in Kürze
Gefördert durch das Kulturreferat der LH München


Titelbild: Die Theatermaske mit Perlenträne ist das Logo der Kulturplattform jourfixe-muenchen – Mein Foto von  DIRK SCHIFF/portraitiert.de stammt aus der 2018er Foto-Session in der Monacensia, in der heute das literarische Vermächtnis von Franziska zu Reventlow verwahrt wird


Portrait zur Schriftstellerin Gunna Wendt 

Portrait zur Musikerin Michaela Dietl


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