Das lange vermisste Wohnzimmer für Bonvivants, Künstler und Paradiesvögel hat seit einigen Monaten der Künstler, Wirt und Künstlerwirt Wanja Belaga eröffnet:

Eine gekonnt provisorisch zusammen gewürfeltes Einrichtung und 14 Vodka-Sorten im Angebot, ein endlos langer, kommunikativer Tresen sowie Minibühne mit Klavier im vorderen Lokal-Bereich, dazu ein schummeriger Nebenraum für Lesungen und Zusammenkünfte aller Art, auf Plüsch und Polstern aus 6 Jahrzehnten – ein solches Interieur erwartet man eher in Berlin, aber zu meiner großen Begeisterung hat es sich bei mir um die Ecke angesiedelt, im Münchner Stadtteil Haidhausen, auch Franzosenviertel genannt. Entsprechend hieß dieses Lokal lange Zeit “Paris-Bar” in Anlehnung an den drei Ecken weiter befindlichen Pariser Platz und muss wohl eine ziemliche Absturzkneipe gewesen sein, in jenen Jahren bevor sich Körperkult und gesundheitsbewusste Ernährung in unserer Lebensführung festsetzten.

Wirt, Künstler (Pianist, Maler, Autor) und Künstlerwirt Wanja Belaga

Wirt Wanja Belaga (Foto links) setzt, wie schon bei seinen früheren Gastronomie-/ Club-Projekten auf eine bunte Mischung: “Wir wollen uns mit der Laktoseintoleranz vertragen“, äußert er im Blog München mit Vergnügen, in dem weiter nachzulesen ist: (…)  man kann nur mitschmunzeln. Wenn man, wie Wanja und sein Team, das alte Haidhausen noch erlebt hat, in dem Punks rumhingen, Gangs ihr Unwesen trieben und Prostitution zur Tagesordnung gehörte, kann man nur ungläubig den Kopf schütteln. Der Name ist angelehnt, an die alte Parisbar, die genau hier war und vor Jahren Geschichte schrieb. Als Künstlertreffpunkt, als Zuhältertreffpunkt und für günstige Fleischpflanzerlsemmeln. (…)

Inzwischen hat die Paris-Bar in Berlin dem Münchner Kollegen untersagt, weiterhin den Namen zu verwenden. Aktuell streitet man vor Gericht und die Münchner Variante heißt nun eben “P.Bar – Das Provisorium”, ein Name, den ich sowieso passender finde, zum einen, weil origineller und zum anderen, weil ich mit dem Begriff einer Paris-Bar ein nostalgisches Plüsch-Flair assoziiere, das diesem Ort  so gar nicht entspricht, Sofas im Nebenraum hin oder her. Denn hier spielt Kunst eine allgegenwärtige Rolle, nicht nur bei den wechselnden Ausstellungen, sondern auch verkörpert durch die Vita und Persönlichkeit des Hausherren: Wirt Wanja wurde selbst von klein auf an Kunst und Kultur herangeführt, von Anfang an in anspruchsvollem Rahmen: So erhielt der kleine Wanja Mal-Unterricht mal eben am Puschkin-Museum und lernte Klavier in der zentralen Musikschule am Moskauer Konservatorium. In der Wohnung der Eltern finden Intelligenzija-Treffen statt, mit Lesungen, Konzerten und Ausstellungen und jüdischer Unterricht. Ebenso erfolgen Besuche in Ateliers nonkonformistischer Künstler Moskaus, zahlreicher Konzerte und Museen, steht in der Kurzbiografie auf Wanja Belagas Homepage. Das Ende solcherart Freigeistigkeit in der damaligen Sowjetunjon war absehbar: Ausweisung der Familie nach Wien, auf die Ende 1979 die Übersiedlung nach München folgte.

Vorgestern habe ich selbst einmal mehr austesten können, wie sehr dieses Lokal dem Lebensstil von uns Kunst- und Kulturschaffenden entgegen kommt: Zur Übergabe eines Foto-Portraits von Dirk Schiff war ich mit Schriftstellerin Gunna Wendt in der P.Bar verabredet. Wanja war auch da und berichtete, dass demnächst ein veritabler italienischer Pizzabäcker die kulinarische Regie in der P.Bar übernehmen würde. Pizza und Vodka, das nenne ich mal eine Kombi! Das Umstellen von Möbeln, um Platz für den Maestro am Pizza-Ofen zu schaffen, war bereits in vollem Gange. Diese Neuerung genügt dem umtriebigen Wanja jedoch nicht ganz, er plant längst weiter und wird in Kürze noch ein Lokal in der Nähe übernehmen.

Gunna Wendt in der P.Bar mit ihrem Portrait von Dirk Schiff, aus dessen Ausstellung 2018 “Münchner und Zuogroaste“. In der Hand ihre Reventlow-Biografie