von Raoul Koether

„Kulturpolitik, das interessiert doch keinen!“ Diese Klage von Künstlerinnen und Künstlern, aber auch von Kulturpolitikern habe ich schon ganz oft gehört. Am Dienstagabend zeigt sich da ein anderes Bild. Fast 500 Münchnerinnen und Münchner sind zur Podiumsdiskussion der OB-Kandidatinnen und des Oberbürgermeisters zum Thema „Was brauchen Kunst und Kultur in München?“. Der Zuspruch war so groß, dass die Veranstalter, der VDMK – Verband der Münchener Kulturveranstalter e.V. und der  BBK – Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler München und Oberbayern e.V., kurzfristig den Abend in einen größeren Veranstaltungsort verlegten, das Utopia, die ehemalige Reithalle in der Heßstraße.

Von links: Kristina Frank (CSU), Katrin Habenschaden (Bündnis 90/Die Grünen), Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), Moderatorin Susanne Hermanski (Süddeutsche Zeitung)

Das Publikum erlebte einen souveränen Amtsinhaber der SPD, den Oberbürgermeister Dieter Reiter, eine angriffslustige Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Habenschaden und eine stellenweise leicht überfordert wirkende Kristina Frank, die OB-Kandidatin der CSU, routiniert moderiert von der Kulturredakteurin der Süddeutschen Zeitung, Susanne Hermanski. Zwar sind das rein subjektive Wahrnehmungen, aber jeder erlebt natürlich solche Veranstaltungen immer unterschiedlich.

Der Diskussion vorgestaltet war ein Impulsvortrag von Christos Chantzaras, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Architekturinformatik der TU München, zur Zukunftsfähigkeit unserer Stadt unter dem Gesichtspunkt der dazu nötigen Räume für Kreativität und Innovation. Kernpunkt seines TED-Talks war die These „Make Munich Weird“, München solle schräger werden. Bereits auf der Technologiekonferenz „1E9“ im Deutschen Museum hat Christos Chantzaras seine These vorgestellt, nach der München mehr “Weirdness” braucht, um in Zukunft zu bestehen. Und in der Tat beleuchtet er Kulturpolitik und Kulturförderung vor allem unter dem Gesichtspunkt der Standortpolitik. Damit München ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleibt, brauche es kreatives Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern. Auf Twitter kommentierte der Kulturforscher Christian Steinau von der LMU live: Chantzaras‘ „Vortrag stand im Zeichen des neoliberalen Ausverkaufs der Stadt an internationale Großkonzerne und Ratingagenturen.“ Sowohl Kristina Frank, als auch Katrin Habenschaden stiegen dann in ihren Eröffnungsstatements auf die Erzählung von Kultur als Standortfaktor ein, bevor Dieter Reiter das Bild zurechtrückte, das Kultur mehr als das sei. Kultur hätte einen wichtigen Platz für die Münchnerinnen und Münchner im täglichen Leben, wäre Teil der Teilhabe für alle und nähme eine zentrale Rolle im Kampf gegen Intoleranz, Chauvinismus und Rechtsradikalismus ein. Eine wichtige Feststellung, die rechtfertigt, dass Kulturförderung vielfältig sein muss und nicht aus dem Etat des Wirtschaftsreferats bezahlt wird.

Gaby dos Santos, Leiterin der Kulturplattform jourfixe-muenchen mit OB Dieter Reiter

Um Kulturförderung und die Freiheit der Kunst drehte sich dann auch die Diskussion der Kandidaten in den nächsten eineinhalb Stunden. Mit den Kammerspielen, der Gasteigsanierung, Stadtmuseum, Volkstheater, Ateliers und Band-Übungsräumen wurde dabei aber vor allem die institutionelle Kulturförderung in den Vordergrund gerückt und insbesondere bei den Themen des scheidenden Intendanten der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, dem Thema Zwischennutzungen und eben dem Gasteig zeigten sich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Kandidaten. Während Reiter und Habenschaden dabei zumeist einig waren, versuchte Kristina Frank Boden zu gewinnen mit der Aussage „Wir als CSU sind auch in der Lage in die Zukunft zu denken.“, für die sie sowohl Applaus als auch Buhrufe erhielt.

Das gesamte jourfixe-Mitglied Angelica Fell, Vorstand Freie Bühne München mit Kulturreferent Anton Biebl

Gegen Ende der Diskussion machte sich Unmut aus dem Publikum breit, dass zu sehr über Institutionen und zu wenig über die Lebenswirklichkeit der anwesenden Kulturschaffenden gestritten wurde. Leider wurde dieses Thema auch bei den anschließenden Publikumsfragen zu wenig beleuchtet. Eine wohnungslose Künstlerin fragt, wer sich die Atelierpreise in München leisten soll. Die Moderatorin Susanne Hermanski sagt, es solle eine richtige Frage gestellt werden; der einzige Moment an dem sie unsouverän wirkt. Dabei wäre gerade diese Frage spannend gewesen, denn natürlich ist Kulturpolitik für unsere Stadt wichtig, aber sie steht nunmal nicht allein, sondern ist immer im Zusammenspiel mit Themen wie Wohnen, Verkehr oder Klimapolitik zu sehen. Damit hätte die Diskussion noch eine spannende Erweiterung erfahren, für die aber, wie für die meisten Publikumsfragen, kaum mehr Zeit war.

Die gelungene Diskussion des Abends hat jedenfalls den Wert von Kunst, Kultur, Kulturförderung und Kreativität für das Leben in unserer Stadt mehr in den Mittelpunkt dieses Kommunalwahlkampfes gerückt, nicht nur für die anwesenden Zuhörer, sondern vermutlich auch für die Kandidaten selbst. Dass Kunst und Kultur aber eben auch partizipativ sind und die Chance, die Ideen und Meinungen der Kulturschaffenden selbst auch viel zur Entwicklung der Kulturpolitik beitragen lassen, hat leider zu wenig Raum gefunden. Vielleicht lässt sich dieser Teil bei der nächsten, spannenden kulturpolitischen Veranstaltung ergänzen, die am 15. Februar in den Münchner Kammerspielen stattfindet, dem „Cultural Policy Lab“(s.u.)

 

 


> Eckdaten zur Veranstaltung am 3. Februar im Utopia

 

 







Zum Thema siehe auch den Kommentar von Gaby dos Santos>

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