Lange und leidenschaftlich hatten die Sinti und Roma für die Errichtung dieses Mahnmals in Berlin gekämpft, das die Erinnerung an ihre von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen wachhalten sollte. Am 24. Oktober 2012 war es endlich soweit –  im Berliner Ortsteil Tiergarten, das nahe dem Brandenburger Tor und direkt gegenüber dem Reichstagsgebäude liegt, wurde in einem feierlichen Akt das vom israelischen Künstler Dani Karavan konzipierte Denkmal eingeweiht.

Der Künstler besticht durch die durchdachte Symbolik seines Werkes: Im Zentrum steht ein kreisrundes Becken, gefüllt mit schwarzem Wasser, das für “endlos tiefen” Grund stehen soll, die Kreisform sei Ausdruck der Gleichheit. Das Wasser symbolisiere die Tränen. In die Beckenmitte platzierte der Künstler eine dreieckige steinerne Stele, die in der Aufsicht an den Winkel auf der Kleidung der KZ-Häftlinge erinnern soll. Auf ihr liegt eine Blume. Hat sie ihre Frische verloren, wird sie durch eine neue ersetzt. Die Blume solle „gleichzeitig Symbol des Lebens, der Trauer und Erinnerung“ sein. (…) Auf dem Rand des Beckens ist auf Englisch, Deutsch und Romanes das Gedicht „Auschwitz“ des italienischen Rom Santino Spinelli (Künstlername „Alexian“) zu lesen:

„Eingefallenes Gesicht / erloschene Augen / kalte Lippen / Stille / ein zerrissenes Herz / ohne Atem / ohne Worte / keine Tränen“.

Über die Installation von Lautsprechern wird dazu die von Romeo Franz für das Mahnmal komponierte Melodie Mare Manuschenge eingespielt. > MEHR

Nur leise wahrnehmbar und doch unüberhörbar; die Klänge der Installation verschmelzen mit dem Plätschern des dunklen Wassers, dem Rauschen der Bäume und Zwitschern der Vögel – und ja, auch mit dem geschäftigen Treiben des nahen Großstadtlebens – zu einem neuen Ganzen. “Geschichte in unsere Mitte holen”, formulierte Bundeskanzlerin Angela Merkel treffend das Kernanliegen des Mahnmals, in ihrer Eröffnungsansprache:

“Wir können Geschichte nicht ungeschehen machen, aber wir können sie mit dem Mahnmal hier im Zentrum Berlins in unsere Mitte holen.“ 

Bleibt zu hoffen, dass eine Aussage mit solcher gesellschaftlichen und politischen Wucht sich nicht als Lippebekenntnis erweist …

Karavan konzipierte mit diesem Werk ausdrücklich einen Ort der inneren Anteilnahme und der Erinnerung, der alle Sinne anspricht. Das wiederum erfordert ein Minimum an Ruhe und diese ist, ebenso wie das Mahnmal selbst, jetzt bedroht:

„Das Denkmal für die im NS ermordeten Sinti und Roma Europas wird durch den geplanten Bau der S21 massiv beeinträchtigt. Das Denkmal besteht nicht nur aus dem schwarzen Becken, sondern umfasst selbstverständlich das gesamte von Dani Karavan gestaltete Ensemble, die Glaswände mit der Chronologie und dem Zitat von Bundespräsident Roman Herzog und Bundeskanzler Helmut Schmidt ebenso wie die in den Boden eingelassenen Steinplatten, die die Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager tragen. Die geplante Baustelle wird weit über die Hälfte des Geländes umfassen.  Eine solche umfassende Beeinträchtigung des Gedenkens ist für die Überlebenden und ihre Familien, war und ist für den Zentralrat unvorstellbar“, so der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose.; | > Pressemitteilungen

Inzwischen hat das Bauvorhaben eine Welle des Protests ausgelöst, die weit in die Gesellschaft hinein reicht, und das aus gutem Grund, denn das bisherige Handling der Bauplanungen spiegelt symptomatisch den unbefriedigenden Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit der Volksgruppe der Sinti und Roma wieder, obgleich diese seit 700 Jahren unter uns lebt.

Entsprechend zutreffend liest sich der Titel eines umfassenden Artikels in der TAZ,  vom 14. Juni 2020:

> Eine gesellschaftliche Baustelle

Mehr als 500 Menschen demonstrierten in Berlin gegen Baupläne der Bahn, die das Mahnmal für Sinti und Roma einschränken könnten. (…) Als sich der Demozug in Bewegung setzt, wird sichtbar, wer alles gekommen ist, um gemeinsam mit den Selbstorganisationen der Sinti*zze und Rom*nja zu demonstrieren. Ihr Protest richtet sich am Samstag gegen Baupläne von Bundesregierung und Bahn, die den Tunnel für eine neue S-Bahn-Trasse ausgerechnet unter dem Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma im Tiergarten entlang führen möchten. Die Initiativen befürchten daher, dass das Mahnmal im Zuge der Bauarbeiten gesperrt oder sogar teilweise abgebaut werden könnte.

Sinti und Roma demonstrieren am Brandenburger Tor; Das private Foto stammt von jourfixe-Mitglied Alexander Diepold, der sich als Sinto ebenfalls der Kundgebung anschloss

Auf Plakaten, T-Shirts und Mund-Nase-Masken ist zu erkennen, woher die Solidarität kommt: Aus migrantischen Gruppen, aus der Black-Lives-Matter-Bewegung, von der Seebrücke, von Jüdinnen und Juden. Das vielfältige Bild macht deutlich: Dies ist heute kein reiner Kampf der Rom*nja und Sinti*zze. Hier sind viele, die deren Kampf für mehr Sichtbarkeit und Anerkennung als einen gemeinsamen Kampf für eine offene, diskriminierungsärmere und gerechtere Gesellschaft verstehen.

Mitorganisator Gianni Jovanovic ist die Freude darüber anzuhören. „Es ist das erste Mal, dass sich so viele Menschen als Alliierte an die Seite der Rom*nja und Sinti*zze gestellt haben“, sagt er. „Das ist ein sehr gutes Zeichen – es ist wichtig, auf die Situation der Sinti*zze und Rom*nja aufmerksam zu machen, denn das Bauvorhaben negiert die Gegenwart der Menschen in der deutschen Gesellschaft und wie stark sie von Rassismus betroffen sind.“ Jovanovic fordert nun andere Ansätze in der Bildung der Dominanzgesellschaft: „Die Menschen müssen das, was sie gelernt haben, hinterfragen und sich ihre Vorurteile bewusst machen.“ (…)

Da wudert es wenig, dass Moderatorin Tayo Awosusi-Onutor anprangert, dass sich die Bahn „komplett verblüfft“ zeigte, dass eine Sperrung oder Schließung des Denkmals problematisch sein könnte.  (…) Diese Haltung prägte den Begriff einer „Diskriminierenden  Erinnerungspolitik“.

Wir kritisieren die Hierarchie von Opfern und die diskriminierende Erinnerungspolitik in Deutschland. Als Jüd*innen wollen wir keine besondere Aufmerksamkeit, vor allem nicht auf Kosten von anderen Gruppen“, sagt Michaeli. „Wir fordern Antisemitismusbeauftragten mit gleichem Respekt und insbesondere auch gleichen Ressourcen.“ Wo es einen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung gibt, sollte es daher auch Beauftragte gegen Rassismus und gegen den spezifischen Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze geben, fordern sie zu Recht!

Ein Ausbau der S21, der das Mahnmal nicht tangiert, wäre möglich, daher kommt es jetzt auf den den guten Willen seitens der EntscheidungsträgerInnen dringend an und diesbezüglich scheint noch einiges an Nachbesserungsbedarf zu bestehen: Die Trassenführung gab die Bahn bereits im Januar bekannt; vom Mahnmal war jedoch keine Rede. Vielmehr lobten sich die Beteiligten dafür, eine Lösung fürs Besuchszentrum des Bundestags gefunden zu haben”, erläutert die TAZ im Beitrag. (…) > MEHR


Das “Aktionsbündnis Unser Denkmal ist unantastbar!” lässt in nachstehendem Beitrag einige der engagierten Mitstreiterinnen zu Wort kommen >

 



Die Ereignisse rund um den geplanten Ausbau der S21 in Berlin haben den Stiftungsrat der  Hildegard Lagrenne Stiftung zu einem eindringlichen Appell veranlasst:

“Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in seiner Substanz und Dauer nicht gefährden”

Aufruf:
Nicht antasten!

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas darf nicht durch neue Dispute beschädigt werden. In unmittelbarer Nähe zum Deutschen Bundestag gedenken wir des unermesslichen Leids, das Deutsche in furchtbarer Zeit den Sinti und Roma in Europa zugefügt haben. Zu viele Jahre mussten vergehen, bis dieses Denkmal erbaut wurde. Viel Kraft war nötig, widerstrebende Haltungen mussten überwunden werden, bis dieser Pfeiler des Gedenkens gegen den Strom des Vergessens errichtet werden konnte. Deshalb vertrauen wir darauf: kein Handeln einer Verwaltung darf diesen, für das gemeinsame Leben notwendige ungehinderte Fließen der kulturellen Erinnerung behindern. Wir könnten es nicht verantworten, wenn die Kraft des Denkmals auch nur für unbestimmte Zeit unterbrochen wird. Das Erinnern an den Völkermord verträgt keine Unterbrechung. Es muss unauslöschlich im Gedächtnis bleiben.

Wer die Ruhe stört, die von diesem Ort der Besinnung ausgeht, ermordet die unschuldigen Opfer ein weiteres Mal. Wir rufen dazu auf: das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas darf nicht angetastet werden. Wir bitten Sie: lassen Sie nicht zu, dass der Platz, von dem Versöhnung ausgeht, einem falschen Denken geopfert wird.

Unterzeichner: Die Stiftungsräte der Hildegard Lagrenne Stiftung:

Prof. Gert Weisskirchen, MdB 1976-2009
Prof. Dr. Rita Süssmuth, (Präsidentin des Deutschen Bundestages a. D.)
Romeo Franz, MdEP
Doris Schröder-Köpf, MdL
Sami Dzemailowski, Prof. Dr. Elizabeta Jonuz,
Catharina Seegelken, Ina Rosenthal, Dr. Jane Weiß

Für die Freudenberg Stiftung: Sascha Wenzel

Berlin/Mannheim, den 18. Juni 2020


Die Hildegard Lagrenne Stiftung (HLS) wurde am 25. Oktober 2012, am Tag nach der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, von Sinti und Roma gegründet. Die Stiftergemeinschaft traf sich dazu in der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin. Die Stiftung ist benannt nach Hildegard Lagrenne (1921–2007), die die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma prägte und zeit ihres Lebens für Bildung und die Bekämpfung des Antiziganismus eintrat.


www.lagrenne-stiftung.de

Alexander Diepold

Übermittelt wurden mir Text und Foto von unserem jourfixe-Mitglied Alexander Diepold, Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne Stifung. a

Auf obigem Foto ist er am Platz der Opfer des Nationalsozialismus in München zu sehen, bei einer Ansprache zum >  75 Jahrestag der Deportation Münchner Sinti & Roma


Fotos zur Einweihung des Mahnmals und viele der politischen Festreden von damals finden sich in der Biografie “Romani Rose – Ein Leben für die Menschenrechte”, von Autorin und Fotografin Behar Heinemann, eine wunderbar vielseitige Künstlerin und “stolze Romni” wie sie gerne betont. Auch sie gehört unserer Kulturplattform jourfixe-muenchen an, ebenso wie Thomas Zehender, in dessen danube books Verlag die Biografie erschienen ist.


> Titelfoto: Von © Rolf Krahl / CC BY 4.0 (via Wikimedia Commons), CC-BY 4.0


Mehr zur Verfolgung der Sinti & Roma im Nationalsozialismus:

 


Eine gelungene Einführung bietet die ZDF-Dokumentation
“Sinti und Roma – Eine Deutsche Geschichte”

Erstaustrahlung in der Sendung ZDF-HISTORY, am Sonntag, 28. Juli 2019, 23.45 Uhr
<ZDF-Mediathek aufrufbar UNTER DIESEM LINK

Kommentator*Innen/Zeitzeug*Innen in der Dokumentation sind
Romani Rose ,Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma
Jane Simon, Autorin
Janko Lauenberger, Musiker und Autor
Petra Rosenberg nteressenvertreterin und Sprecherin deutscher Sinti und Roma
und Schwester der Sängerin Marianne Rosenberg
sowie
Dotschy Reinhard,
Foto li., Musikerin, Menschenrechtlerin, Autorin

 


Mehr zum Thema “Sinti & Roma” auf der Homepage der Kulturplattform jourfixe-muenchen:
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