Vorsorglich bekam jeder Gast mit der Eintrittskarte auch ein Tempotaschentuch ausgehändigt. Zurecht, denn der Film “Sterne über uns”, um eine alleinerziehende Mutter, die unverschuldet in die Obdachlosigkeit gerät und mit ihrem Sohn in einem Zelt im Wald nächtigt, geht an die Nieren. Weil er so detailliert und lebensnah erzählt, dass er zeitweise einem Dokumentarfilm gleich kommt. Zudem ist er in der Mitte unserer Gesellschaft angesiedelt ist, und kommt der Mehrheit von uns daher bedrohlich nahe, denn bei der Protagonistin handelt es sich nicht um eine Randexistenz aus prekären Verhältnissen, mit der sich die Wege der meisten von uns nie kreuzen würden. Nein, Melli ist eine attraktive Frau mit Persönlichkeit, Stewardess von Beruf. Eine von “uns”. Dennoch hängt über ihr ständig das Damoklesschwert des Jugendamts, das ihr sofort das Kind entziehen würde, wenn ihre Obdachlosigkeit bekannt würde. Verzweifelt kämpft sie um eine Existenz für ihr Kind und macht sich gerade durch diesen Kampf ihrem Sohn gegenüber schuldig, indem sie ihn einem unzumutbaren Leben aussetzt:

SterneUeberUns_2Pilots_FilmfestMuenchen_Szenenfoto_Melli-Franziska-Hartmann-Ben-Claudio-Magno©2Pilots-FilmproductionMartin-Rottenkolber

So wahrt sie tagsüber verbissen den Anschein von Bürgerlichkeit, um nach Feierabend mit ihrem Kind durch die Wilderniss zu staksen, auf Highheels, in knall engem Uniformrock und blütenweißer Seidenbluse, einem Outfit, das absurde Fassade und Rüstung zugleich symbolisiert.

Sie führt einen verzweifelten Kampf gegen die Abwärtsspirale in ihrem Leben, zerrissen zwischen Job, Verantwortung und Liebe dem Kind gegenüber sowie den eigenen Grenzen. In dieser Zerrissenheit, bedingt durch den teilweise unerträglichen Anforderungsdruck, gleichen sich die Erfahrungswerte unzähliger Alleinerziehender, ganz unabhängig von den äußeren Umständen.

Auch Außenstehende berührt der Film zutiefst, Frauen wie mich, konfrontieŕt er brutal mit der eigenen Unzulänglichkeit seinerzeit, als alleinerziehende Mutter …

Obiges Foto zeigt Regisseurin Christina Ebelt bei der anschließenden Diskussionsrunde im angrenzenden Bistro “Maximahl, moderiert von Jutta Speidel, anlässlich des Filmstarts am gestrigen Mittwoch, 6. November 2019

in der Kulturbühne Spagat, wo der Film bis einschließlich

Freitag, 8. November läuft; Beginn jeweils um 19.30 Uhr


Alle Eckdaten und Details unter nachstehendem Bild/LINK >



Zur > Rezension
im Heute Journal vom 5.11., ab ca. Minute 23.32



Trailer  zum Film > 

Entdeckt wurde der Film, bei seinem vielbeachteten Debüt auf dem  Münchner Filmfest 2019, von Stephanie Tschunko, der Theaterleiterin der Kulturbühne Spagat.

V.li.: Christina Ebelt, Regisseurin von “Sterne über uns”, Gaby dos Santos und Stephanie Tschunko, Theaterleiterin der Kulturbühne SPAGAT bei der Erstaufführung des Films am 6.11.19

 



Mehr zur Kulturbühne Spagat unter Leitung von Stephanie Tschunko >


Dass dieser Film in der angegliederten Bühne eines der HORIZONT-Häuser startet, die Jutta Speidel für obdachlose Mütter gegründet hat, macht thematisch Sinn und stimmt ein Stück weit hoffnungsvoll: Es gibt Hilfe, doch ist der unermüdliche Einsatz von Jutta Speidel und ihrem Team, bei allem Engagement, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Hier ist die Politik gefragt! Denn, wie auch in “Sterne über uns”, in beeindruckender Weise dargestellt wird, kann es jede/n von uns Eltern treffen und mit uns das wertvollste und schutzbedürftigste, was unsere Gesellschaft und unsere Zukunft ausmacht, gleich mit : Unsere Kinder!

Mehr zu Jutta Speidel und ihrem Lebenswerk HORIZONT >