Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen und hineinsehen in die Welt,
wie sie so schön sei, im Sonnenschein, mit ihren Bergen, Thälern, Ströhmen, Pflanzen, Thieren u.s.f. –
Aber ist denn die Welt ein Guckkasten? Zu sehn sind diese Dinge freilich schön;
aber sie zu seyn ist ganz etwas Anderes. – 
(Arthur Schopenhauer)

Die Bühne, die den erwartungsvollen Zuschauer in hellem Licht erwartet, besteht fast nur aus Schaufensterpuppen in grellen, bonbonfarbenen Tönen – drapiert in Gestelle auf Rollen, die zwischen den einzelnen Szenen von den Schauspielern selbst bewegt werden; sich zugewandt, abgewandt, nebeneinander oder hintereinander wieder zum Stehen kommen. Stell-Vertreter im der fünf Hauptfiguren wortwörtlichen Sinn , wie es sich für den anfangs noch rätselnden Zuschauer herausstellen wird. Ein dreidimensionales Psychogramm der unterschiedlichen und teilweise krass gegensätzlichen Figuren, wie beim Familienstellen nach Bert Hellinger. Denn mag auch Unverständnis, Abneigung und Verachtung zwischen einigen von ihnen herrschen, so sind sie doch durch die Gegebenheiten und deren Umstände als auch durch Raum und Zeit zusammengeschmiedet zu einer Familie wider Willen. Sie können sich gegenseitig nicht entfliehen und letztlich ohne den anderen auch nicht sein, wollen das wahrscheinlich auch gar nicht. So wenig, wie sie als Einzelne aus ihrer eigenen Haut können, dem Gittergerüst der Konventionen, in den hinein jede(r) den Kokon seiner eigenen Neurosen und Phobien gesponnen hat. Hier haben wir ihn, den Menschen der Gegenwart – auch wenn wir uns selbst so nicht gerne sehen wollen: Trotz ständiger Gesellschaft und der Möglichkeit zu permanenter Kommunikation sind wir Einsame – isolierte Puppen, ja erstarrte Verpuppte, die vermutlich nie als Schmetterlinge schlüpfen werden, nie ihre Flügel zu ihrer vollen Spannweite entfalten werden können. Dass es zu keinem Höhenflug mit Happy End kommen wird, deutet zumindest der bisher unerwähnte Mittelpunkt der Bühneninstallation an: Eine Guillotine mit einem Auffangkorb für abgetrennte Köpfe. Und das geköpfte Haupt, das verrät ja schon der Titel selbst, wird das des Glücks als heimlicher Hauptfigur höchstpersönlich sein.

Das komplette Darsteller-Team, im Vordergrund Hans, Sarah und Peter – Foto: © Engelbert Jost

Aber noch hat das Stück nicht begonnen, noch hat kein Schauspieler die Bühne betreten, da weckt der zugespielte Song des Autors Herbert Klocke „Eisberge tauen irgendwann“ die schon fast trotzig zu nennende Hoffnung des „Jetzt erst recht!“, auch wenn man den Ausgang dank der Requisiten schon so deutlich vor Augen hat. – Und keine Sorge! Scheint der Titel „Die Enthauptung des Glücks“ auch wenig einladend und der Verlauf der Handlung absehbar, so zeigt die Reaktion des Publikums, welche sich immer wieder in spontanem Gelächter äußert, dass das komische Element, das auf der Überspitzung des Tragischen gründet, in dieser „Theaterfarce“ überwiegt. Das Stück ist kurzweilig und am Ende jeder Szene ist die Neugier geweckt, was wohl als Nächstes geschehen wird. So vergehen die fast zwei Stunden Spielzeit ohne Pause wie im Flug. Das ist natürlich auch der Leistung des sehr gut auf einander eingespielten Ensembles zu verdanken, dass die Handlung durch flüssiges Spiel vorantreibt und sich von ihr zugleich forttragen lässt. Da hängt nichts und da hakt nichts – in den Momenten des monologisierenden Innehaltens setzen die einzelnen DarstellerInnen dazu noch ihre ganz eigenen Highlights, die ihren Rollen entsprechen oder sie kontrastieren: komödiantisch-unterhaltsam bis hintersinnig-philosophisch; oft ohne sich dabei selbst zu erkennen, in jedem Fall sich selbst ent-larvend. Wobei wir wieder bei Larve, Puppe, Maske, Persona angelangt sind. Eben eine Revue typenhafter Persönlichkeiten, Kabinett bizarr deformierter Charaktere, wie sie nur durch die Lebensbedingungen unserer Zeit hervorgebracht werden konnten. Das sind die eigentlichen „Ausstellungsstücke“ des Museums als zentralem Handlungsort – ein Museum, dessen thematischer Zweck das ganze Stück über nicht genannt wird.

Hans Luckner hier mit dem Besitzer des Autokinos (alias Peter McBride) – Foto: © Engelbert Jost

Schon der Name der männlichen Hauptfigur, offensichtlich das alter Ego der Autors, verrät mit seinem Namen, dass er zumindest zu einem Teil der Märchenwelt entsprungen ist: Hans Luckner. Der mittelloser (Lebens-)Künstler hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und ist ein zeitgemäßer „Hans im Glück“. Zwischendrin wird er auch mit dem anglisierenden Spitznamen „lucky“ Luckner gerufen und erinnert so an den einsamen Cowboy, der den Fata Morganas seiner imaginären Prärie nachjagt. Doch im Gegensatz zu seinem Namensgeber aus den Grimmschen Märchen wird das Objekt seines Sehnens und Wollens niemals sein eigen und das, was er stattdessen zu fassen bekommt, ist immer nur ein Ersatz, der ihn nicht zu befriedigen vermag und dessen Verlust ihn niemals so schmerzen kann, wie das, was ihm versagt bleibt. So wird er am Ende alles verlieren, aber die Erleichterung über den Verlust der Last des Mühlsteins nicht als solche empfinden. – Hans Luckner gleicht aber auch dem Faust auf der Suche nach dem vollkommenen Glück und sei es nur für für einen Augenblick, dem Augenblick zu dem er sagen könnte, „verweile doch, Du bist so schön“! Und er ist Don Quijote, ein Träumer, der am Ende begreift, dass er ein Träumer ist und dadurch im gleichen Augenblick schon kein Träumer mehr ist. Denn er ist aus dem Schlaf seiner Illusionen erwacht und will auch keinen neuen mehr erliegen. Er ist nicht nur der Geköpfte, das seiner Träume beraubte Opfer. – Er selbst ist, wenn der Schein (die Schwarzmann-Schwestern) auch etwas anderes vorgaukelt, letztlich der wirkliche Henker seiner Illusionen: Er enthauptet sein vermeintlichen Glücks im Augenblick der Erkenntnis seiner selbst.

Aber bis dahin ist es ja noch ein weiter Weg. Das Ende soll hier nur vorweggenommen werden, weil es allein schon durch den Titel absehbar ist. Kurzweilig ist das Stück ja nicht durch einen langen Spannungsbogen, sondern durch die Art, wie die einzelnen Episoden in ihrer bizarren Buntheit erzählt bzw. dargestellt werden. – Die weibliche Hauptfigur Sarah, eine erfolgreiche Kickboxerin, verlobt mit dem reichen, übergewichtigen Rennfahrer Peter McPride und ständiges Objekt der Spekulationen der Öffentlichkeit, ist das Ziel Luckners Sehnens und Begehrens. Auch wenn andere ihr den Charme einer „Planierraupe“ attestieren, hält er sie für eine Seele „voller alter Sterne.“ Eigentlich mehr um seine Avancen abzuwehren als ihm eine echte Chance zu geben, stellt sie ihm endlich drei unlösbare Aufgaben wie im Märchen und schickt ihn damit in die Ferne, wo er allerlei weiteren skurrilen Persönlichkeiten begegnen wird, auch Frauen, mit denen er Affären hat, die ihn aber nicht glücklich machen können und seine Sehnsucht nach Sarah eher noch schüren.

Von links nach rechts: Die drei Schwestern Sophia, Sarah und Selina – Foto: © Engelbert Jost

Doch wird sie selbst als wenig entscheidungsfreudiger Charakter stark von ihren beiden Schwestern beeinflusst und manipuliert, hin zu ihrer materialistischen Ausrichtung mit dem falschen, schönen Schein im Internet auf Gedeih und Verderb Gewinn zu machen. Zeigt Ihre Schwester Selina als „Familienmensch“ dabei noch fürsorgliche Züge und einen Rest an Selbstreflexion, hat der pekuniäre Erfolg Sophias, ihre Persönlichkeit schon vollends deformiert. Während Hans spätestens am Ende des Stücks begreift, dass jeder von ihnen ein Träumer ist, erkennt Sophia, die sich für eine „Realistin“ hält, nicht, dass sie am tiefsten schläft. Der durch Geld quantisierte und quantisierbare Erfolg hat sich schon längst zu einem Korsett verfestigt, das sie als unentrinnbare, zweite Haut umschließt, gefangen hält und von jeglicher echten menschlichen Empfindungen abschneidet. – Sarah steht hier genau an der Schnittstelle zwischen der materiellen Welt ihrer Schwestern und ihres Verlobten und der ideellen Welt von Hans und ist damit diejenige, die eine echte Chance auf Entwicklung hätte und den Schritt in eine andere Welt tun oder zumindest ihren Horizont erweitern könnte. Aber dazu fehlt ihr der Mut, zumal ja auch Hans an den von ihr gestellten Aufgaben in der konventionellen Welt scheitert und die Kluft zwischen ihnen zu groß, ja unüberbrückbar bleibt.

Assoziationen hat das Stück mannigfache in mir geweckt. Ich musste neben den literarischen Figuren von Hans im Glück, Faust, Don Quijote und Lucky Luke nämlich auch an Calderon de la Barcas „großes Welttheater“ denken. Wenngleich das Welttheater hier auch eher ein kleines scheint, so ist es doch ein umfassendes, das unsere Zeit gleichsam in einer literarischen wie mathematischen Parabel abbildet. Es ist so, als bekäme man dabei die Ausschläge der Tangenten, die die Steigungen der Kurven beschreiben zu sehen, die als vermeintlich absurde Übertreibungen zum Lachen reizen. Die Funktion dahinter jedoch, zeigt den Kurvenverlauf allzu vieler, wenig glücklicher Lebensgeschichten, wie wir sie alle aus dem Alltag kennen. – An dieser Stelle soll dem Regisseur Guido Verstegen auch ein großes Lob ausgesprochen werden, das für die Bühne sicher nicht leicht zu bearbeitende Stück so adaptiert zu haben, dass die Figuren aus Klockes Roman nicht zu abstrakten, rein typenhaften Gestalten geraten sind, sondern unter seiner Anleitung und dank der Spielfreude des Ensembles wieder zu Figuren aus Fleisch aus Blut geworden sind.

Sarah und Hans beim „Einstellungsgespräch“ im Museum – Foto: © Engelbert Jost

Denn das sind sie ursprünglich ja auch gewesen und ich hatte am Premierenabend das besondere Privileg und Vergnügen einen Großteil von ihnen wiedererkennen zu dürfen. Da ich mit dem Autor seit fast 35 Jahren befreundet bin und während der Entstehungszeit des Romans „Die Enthauptung des Glücks“ Wohnung und Arbeitsstelle mit ihm geteilt habe, habe ich die zugrundeliegenden Ereignisse sozusagen hautnah miterlebt. (Und in der Romanvorlage bin ich selbst zu einer Hälfte der Persönlichkeit einer Figur geronnen.) – „Ernst ist das Leben, heiter die Kunst“, Schillers Zitat geht mir da am Ende des Stücks durch den Kopf. Aber noch treffender scheint mir der Vergleich von Leben und Kunst aus der Eingangsszene von Faust II, in der ein Wasserfall bei all seiner unaufhaltsamen Wucht und seinem Toben, zugleich den feinen, schillernden Regenbogen hervorbringt: „Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend, umher verbreitend duftig kühle Schauer. Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. Ihm sinne nach, und du begreifst genauer: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.“

Die Tragödien des Alltags werden so zur unterhaltsamen Farce. Das anwesende Premierenpublikum im nahezu ausgebuchten Haus schien das genauso zu sehen, jedenfalls quittierte es das bunte Spektakel mit minutenlangen, herzlichem Applaus und mehrfachen Hervorrufen.

Beitrag: Jon Michael Winkler
 Fotos: © Engelbert Jost


Darsteller:  Hans Luckner – Jürgen Huber / Sarah – Carolin Schubert / Peter McPride – Stephan Neumüller / Sophia – Simone Suko / Selina – Beate B. Pitronik
Text-Adaption und Regie: Guido Verstegen
Bühnenbild: Klaus Pfeiffenberger

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WEITERE TERMINE:

Sa., 29./30./31. Mai sowie 1. Juni 2019, jeweils 20:00 Uhr

Pasinger Fabrik, Kleine Bühne

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