Dass Jutta Speidel Ende März mit dem Ehrenbürgertitel der Landeshauptstadt München ausgezeichnet wird, erfuhr ich gestern von ihr selbst, am Rande des Aschermittwochs der Künstler im Münchner Dom. Die Nachricht freute mich außerordentlich, denn diese Frau hat in München für obdachlose Mütter wirklich etwas bewegt. Ich war selbst einmal eine und weiß daher nur zu gut um die Bedeutung und auch den Aufwand eines solchen sozialen Engagements. Chapeau!

Zu gut erinnere ich mich bis heute an das Gefühl existentieller Angst und grenzenloser Verlassenheit, als ich 1982 ungewollt schwanger und obdachlos wurde; ebenso an die endlose Erleichterung als mich schließlich, gerade noch rechtzeitig vor der Geburt meiner Tochter, ein Heim für Mutter und Kind  aufnahm: ein 14 qm-Zimmer für Mutter und Kind inklusive Kochstelle in einem winzigen Nebenraum, Gemeinschaftsbad für 9, WC für 3 Parteien, beides auf dem Flur. Als ledige Mutter bewegte man sich um 1980 herum noch immer an der Grenze gesellschaftlicher Ächtung. Entsprechend wurde man in dieser Einrichtung – so sehe ich es im Nachhinein – mit einer Art barmherziger Duldung verwahrt. Prallten die Milieus oder Kulturen einmal zu heftig aufeinander, gingen Heimleitung und Sozialarbeiter dazwischen, aber ansonsten blieb man sich selbst überlassen, bis einem das Amt eine Bleibe für sich und das Kind zuwies. Hauptsache es gab ein Dach über dem Kopf für uns dankbare Außenseiterinnen! Vorbereitet, integriert, aufgefangen oder gar optimiert und auf die Zukunft vorbereitet wurde niemand. Es fehlten Zeit, Personal und vor allem die Einsicht in die Notwendigkeit.

Jutta Speidel 2018, mit einem ihrer Schützlinge Foto: Dirk Schiff, portraitiert.de

Umso mehr beeindruckte mich von Anfang an Jutta Speidel, mit ihrem – nomen est omen – Projekt “HORIZONT” und dem ganzheitlichen Ansatz, mit dem sie ihre Hilfe für obdachlose Mütter gestaltet. Solcherart Unterstützung ließ und lässt bis heute erkennen, dass man Müttern in Not als Persönlichkeiten begegnet, mit individuellen Bedürfnissen und Potentialen, denen man nachhaltig Hilfe zur späteren Selbsthilfe vermittelt. Die Durchführung eines solchen Konzepts fordert ein vielfaches an Energie, als das simple Bereitstellen eines “Daches über dem Kopf”. Wenn dann die Initiatorin und ehrenamtliche Galionsfigur, Jutta Speidel, hauptberuflich auch noch eine berühmte Schauspielerin ist, dann fragt man sich schon, wo sie ihre Kraft schöpft.

Häuser Stein um Stein hochzuziehen, erfordert – AssistentInnen hin oder her – einen ganz anderen Einsatz, als einen Benefiz-Abend auszurichten, der vor allem das eigene Image, die roten Teppiche und Bäuche der geladenen Gäste bedient. Was nach Abzug aller Kosten für den sogenannten “guten Zweck” tatsächlich übrig bleibt, ist teilweise beschämend wenig.  Nachhaltigkeit hingegen zeichnet Jutta Speidels mittlererweile zwei HORIZONT-Häuser aus:

Im ersten HORIZONT-Haus erhalten obdachlose Frauen und ihre Kinder ein sicheres Zuhause auf Zeit und ganzheitliche Betreuung unter einem Dach. Mit gezielter Hilfe unterstützen wir dabei, akute Krisen zu bewältigen und langfristig die gesamte Lebenssituation zu verbessern. Ziel ist, für die Mütter und ihre Kinder den Neustart in ein eigenverantwortliches Leben zeitnah zu ermöglichen“, erläutert die Homepage die Zielsetzung des ersten HORIZONT-Hauses für Mütter und Kinder, das Anfang der 2000er Jahre entstand.

“Jutta Speidels zweiter Coup” titelte der Münchner Merkur, als sie im Sommer 2018 ihr zweites, das HORIZONT-Haus im Domagkpark eröffnete, das an das Konzept des ersten Hauses anknüpft: “Damit schlagen wir eine Brücke für Mütter und Kinder aus dem bestehenden HORIZONT-Haus und öffnen auch anderen, von Obdachlosigkeit bedrohten, Familien die Tür.

Jutta Speidel 2018 mit zwei ihrer Schützlinge, fotografiert von Dirk Schiff  / portraitiert.de – für seine Benefizausstellung zugunsten von HORIZONT e.V. “Münchner und Zuogroaste”

Um die Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern, beherbergt das Haus zusätzlich soziokulturelle Einrichtungen, die auch der Nachbarschaft offen stehen. Neben 48 KomPro B-Wohnungen gibt es eine Kinderkrippe, einen Kindergarten, Räume für vielfältige Bildungsprogramme, ein Restaurant, eine Kulturbühne, Werkstätten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie einen Erlebnisgarten. Damit geht HORIZONT noch einen Schritt weiter in dem Ziel, Menschen nachhaltig zu integrieren, die lange am äußersten Rand der Gesellschaft gelebt haben.” > MEHR

Dass nun, zeitgleich zur offiziellen Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Gründerin Jutta Speidel, der zweite Tag der Offenen Tür im neuen HORIZONT-Haus stattfindet, bedauert sie sehr. Zu gerne hätte sie wenigstens eine der Führungen selbst übernommen.  Für mich jedoch verbirgt sich eine gewisse Symbolik hinter der Parallelität der beiden Termine am 28.3.2019: Hier wird jemand für eine Leistung ausgezeichnet, deren Wirkung weiterhin Bestand zeigt.

Jutta Speidel 2018 mit einer ihrer “Mütter”, fotografiert von Dirk Schiff  / portraitiert.de – für seine Benefizausstellung zugunsten von HORIZONT e.V. “Münchner und Zuogroaste”

Da bislang nur vier Frauen zu Münchner Ehrenbürgerinnen ernannt worden sind, schien mir Jutta Speidel eine verdiente Ergänzung in diesem sehr, sehr feinen kleinen Kreis, neben Charlotte Knobloch, Gertraut Burkert und der verstorbenen Grand Dame bundesdeutscher Politik, Hildegard Hamm-Brücher. Wesentlich häufiger, aber immerhin relativ nachvollziehbar und sparsam verliehen wurde bislang auch die Münchner Ehrenbürgerwürde an Männer, zuletzt und zweifelsohne zu Recht, an Alt-OB Christian Ude. Leider scheint nun ein inflationärer Trend bezüglich dieser Auszeichnung ausgebrochen zu sein, so dass heuer gleich sieben neue EhrenbürgerInnen ernannt wurden, darunter ein Prinz – der doch gewissermaßen von Haus aus verehrt wird? – und ein ehemaliger Fußballstar, der, dank seines Talentes, vor allem Millionen verdient hat ..!? “Wo bitte bleiben da die nachhaltigen Meriten der Stadt und seinen BürgerInnen gegenüber?” fragte ich mich während meiner Recherche. Aber offensichtlich habe ich etwas falsch verstanden: “An wen die Auszeichnung verliehen wird, ist nicht nur eine Frage des Verdienstes um die Stadt – sondern auch des Politproporzes”, schreiben Thomas Anlauf und Heiner Effern auf SZ-/Online: “Wie München zu seinen sieben neuen Ehrenbürgern gekommen ist.”

Doch Proporz hin oder inflationäre Münchner Ehrenbürgerschaft her, an der Lebensleistung einer Jutta Speidel mindern sie nichts und auch nicht an Speidels motivierendem Credo, mit dem sie das Magazin weißBLAU (01/18) des Marketing Club München im Titel zu einem Interview zitiert:

“Lass Dir von Menschen mit zu kleinem HORIZONT nicht erzählen, dass Deine TRÄUME zu groß sind.”


FÜHRUNG DURCHS HORIZONT-HAUS DOMAGKPARK, am Donnerstag, 28. März 2019

1. Führung: 11:30 bis 13 Uhr 
2. Führung: 14:30 bis 16 Uhr

Information und Anmeldung bis 21. März:
📞 089 23 88 83 90
📧 i.fellner@horizont-js-stiftung.org


Mehr unter: www.horizont-muenchen.org


Titelbild: Jutta Speidel fotografiert von Dirk Schiff  / portraitiert.de – für seine Benefizausstellung zugunsten von HORIZONT e.V. “Münchner und Zuogroaste”