Ein Gefühl grenzenloser Freiheit drängt sich mir beim Betreten der KZ-Gedenkstätte auf. ??? Ein befremdliches Gefühl, assoziiert doch der Intellekt ganz anders und lässt einen vergeblich Ausschau halten, nach Spuren, Anhaltspunkten, die von der drangvollen Enge in den Baracken zeugen und von den Schreckensszenarien, die sich hier einst abspielten …

Ein Gefühl trügerischer Weite … Ansicht des Geländes der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Foto: Maria Anna Willer

Man hat mit der Zeit einiges über die Verbrechen in Konzentrationslagern gelesen – aber das waren geschriebene Worte  … Man hat vielleicht Historiker aus 3. Hand darüber sprechen gehört – oder Lehrkräfte in der Schule. Letztlich bleiben die historisch verbrieften Dramen und Statistiken des Todes auf dem freien Gelände der Gedenkstätte zunächst abstrakt. Mir erging es nicht anders und auch nicht meiner damals 11jährigen Tochter. Schließlich hob sie einen Stein auf und sagte: “Wenn der sprechen könnte, was würde er uns wohl erzählen von dem, was er gesehen hat?”  Wir befanden uns damals in Dachau und hätten dringend eines Zeitzeugen bedurft, der mittels seiner persönlichen Erlebnisse den Zugang zu einer Vergangenheit gewährt, die ansonsten weitestgehend unfassbar bleibt.

Sinto-Zeitzeuge Peter Höllenreiner bereitet sich auf ein Gesprächstreffen mit jungen Leuten vor ; Foto: Willer

Holocaust-Überlebende wie Peter Höllenreiner, die sich bei jedem Zeitzeugengespräch aufs Neue der Qual des Erinnerns unterwerfen, um ihre Erlebnisse – als Mahnung für die Zukunft – an die Nachwelt weiter zu geben. Auch im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten 2019 in Auschwitz stellte er sich einer “Gruppe Jugendlicher aus Spanien, Ungarn und weiteren europäischen Ländern.” So berichtet Maria Anna Willer, Peter Höllenreiners Begleiterin in diesen Tagen, aus Polen und ergänzt: Gebannt hören sie Peters Erzählungen zu. 

Die Familie Höllenreiner 1942, auf dem Schoß seiner Mutter der kleine Peter; Ausstellung NS-Dokumentationszentrum München, 2016

Dabei schilderte Peter Höllenreiner auch, dass der Leidensweg für die Sinti und Roma in der Nachkriegszeit keineswegs beendet war:

“Nach dem Lager waren wir noch genauso in den Polizeiakten als “Zigeuner” registriert”, berichtet er. “In der Schule sass ich in der hintersten Reihe” 

-“Zik, zak, Zigeunerpack!” riefen Kinder, als er nach mehr als zwei Jahren in Konzentrationslagern – und dort unter ständiger Todesgefahr – 1945 in München eingeschult wurde.  Ein normaler Bildungsweg war ihm in Folge versperrt. Genauso verhielt es sich mit einer Ausbildung:” Man hätte uns nie genommen. selbst noch meine Kinder bekamen keine oder nur sehr schwer eine Ausbildungsstelle.”

Die Jugendichen in Auschwitz fragen Peter nach den Menschenversuchen in Auschwitz durch den Lagerarzt Dr. Josef Mengele, ergänzen sogar mit neuen historischen Fakten … Andererseits vernehmen sie voller Erstaunen von Peters späteren schlimmen Erfahrungen mit Polizei und Gerichten und von der so späten offiziellen Anerkennung des Genozids an Sinti und Roma.

Tatsächlich unterstellte der Bundesgerichtshof in einem Urteil von 1957 den überlebenden Sinti und Roma ihre Verfolgung selbst verschuldet zu haben, auf Grund ihrer kriminellen Veranlagung! Und das umfangreiche Aktenmaterial, das seinerzeit die Nationalsozialisten über diese Volksgruppen angelegt hatten, übernahm die bundesrepublikanische Obrigkeit gleich mit. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass die Sinti bereits seit 600 Jahren in Deutschland leben und die Familie von Peter Höllenreiner, seine Eltern und Großeltern, bereits vor 1933 in München ansässig waren! Ob er mit seinen Kindern über Auschwitz gesprochen habe, erkundigten sich die jungen Leute. Peter Höllenreiner verneinte. Inzwischen seien seine Kinder ja erwachsen, aber über seine Erlebnisse im Holocaust zu sprechen, sei er erst seit kurzer Zeit in der Lage.

Peter Höllenreiner nach seinem Gespräch, Foto: Maria Anna Willer

“Wir danken Ihnen”, sagen die jungen Leute zum Abschied. Man spürt, dieser Dank ist keine Floskel, er kommt von Herzen. Die spanische Gruppe möchte ihn nach Spanien einladen …

Der Holocaust-Überlebende Sinto Peter Höllenreiner in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. bei der zentralen Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Massakers im sogenannten “Zigeunerlager”, im damaligen Lagerabschnitt BII

Für Peter endet der Tag, der mit der offiziellen Gedenk-Zeremonie am Ort der Vernichtung begann, hoffnungsvoll. Denn seine Zuhörer und Gesprächspartner nehmen spürbar Anteil an seiner Lebens- und Überlebensgeschichte. Sie wollen wirklich wissen, was damals geschehen ist. So der Eindruck von Peter Höllenreiners Begleiterin und Biografin Maria Anna Willer – und sie fügt hinzu: Als sich ein junger Mann mit Kippa zur Gruppe gesellt, erzählt Peter von seiner Großmutter, die Jüdin gewesen sei. “Wenn das bekannt gewesen wäre, hätten sie uns alle sofort in die Gaskammern geschickt”, berichtet er.

Eva Fahidi, eine Erscheinung ganz in Weiß … Foto: Maria Anna Willer

Es ist dann auch eine jüdische Überlebende, die Ungarin Eva Fahidi, die in einer erschütternden Rede schildert, wie sie, von einem benachbarten Block aus, die Blutnacht vom 2. auf den 3. August 1944 erlebte, die dem Gedenktag am 2. August zugrunde liegt, bei der die über 4.000 noch im sogenannten Zigeunerlager verbliebenen Frauen, Männer und Kinder ermordet wurden. Da Lagerleiter Bonigut sich krankgemeldet hatte, brachte der SS-Unterscharführer Fritz Buntrock die Menschen zu den Gaskammern. Dort wurden sie in gruppenweise (…) ermordet. Am Morgen des 3. August 1944 wurden jene, die sich zunächst im Lager verbergen konnten, von SS-Angehörigen erschlagen oder erschossen. 

„Wir hörten ein furchtbares Geschrei. Die Zigeuner wußten, daß sie in den Tod geschickt werden sollten, und sie schrien die ganze Nacht. Sie waren lange in Auschwitz gewesen. Sie hatten gesehen, wie die Juden an der Rampe ankamen, hatten Selektionen gesehen und zugeschaut, wie alte Leute und Kinder in die Gaskammer gingen. [Und darum] schrien sie.“ – Menashe Lorinczi (Häftling aus Mengeles Zwillingsgruppe)

„Erst als sie barackenweise nach dem Krematorium I wanderten, merkten sie es. Es war nicht leicht, sie in die Kammern hineinzubekommen.“ – Rudolf Höß (Kommandant in Auschwitz).

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Eva Fahidi berichtet, wie Hunde auf Menschen gehetzt und andere mit Flammenwerfern von den Wachleuten ins Gas getrieben wurden.
“In Birkenau wussten die Kinder schon mit drei Jahren, was der Tod ist.”
Mit der Jüdin Eva Fahidi legte die Angehörige einer anderen Opfergruppe des Holocaust Zeugnis ab. Maria Anna Willer schreibt:  Es findet in dieser Form erstmals – zumindest nach meiner Kenntnis – eine Annäherung der zwei Opfergruppen statt. Peter Höllenreiner ist zudem als (bislang einziger) Sinto seit einiger Zeit mit einer Gedenktafel neben 22 jüdischen Opfern im Eingangsbereich der Gedenkstätte vertreten.

Peter Höllenreiner steht auch an der Spitze einer Reisegruppe aus München, Österreich und Rumänien, unter Federführung der Beratungsstelle für Sinti und Roma, Madhouse, der sich zahlreiche junge Angehörige ihrer Volksgruppe angeschlossen haben, um mehr über die Vergangenheit ihrer Familien zu erforschen. Diese jungen Leute meldeten sich bereits aus Auschwitz mit Feedbacks bei Madhouse-Leiter Alexander Diepold, der aus Krankheitsgründen nicht hatte mitfahren können.

Alexander Diepold postet: Bitte vergesst nicht, dass unsere jungen Leute tief beeindruckt waren. Einige haben mir über Handy oder Whatsapp berichtet, dass sie vieles theoretisch bereits gewusst, aber erst jetzt hätten spüren können, wasdie Hölle der Welt” war. Einige reflektierten im Zusammenhang, was der europäische Rechtsruck für neue Gefahren insbesondere gegenüber Minderheiten wie uns in sich birgt. Es kamen Fragen zur Glaubwürdigkeit des Grundgesetzes auf, nach dem doch niemand aufgrund seiner Abstammung schlechter behandelt werden dürfe ..? Und dass das Unrecht an unserer Minderheit nicht als ein Unrecht gegenüber einzelnen Opfern zu betrachten sei, sondern als Kollektiv-Unrecht an unserer Volksgruppe. Durch die Reise nach Auschwitz seien sie sich darüber bewusst geworden, dass nur eine aktive, gegen den Antiziganismus gerichtete Solidargemeinschaft ein echtes Gegengewicht zu den verschiedenen rassistischen Haltungen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft bilden kann!

Dieser Auffassung schließe ich – Gaby dos Santos – mich an. Daher habe ich dieses Wochenende fast ausschließlich damit verbracht, Stimmen und Bilder von den Gedenkfeierlichkeiten in Auschwitz einzufangen, die mir übermittelt wurden, von

Rechts, neben Bürgerrechtler Jesse Jackson. Dayana, links ihre Schwester > BEITRAG

Seitens der jungen Leute angesprochen wurde auch der Staatsvertrag, der von einigen Landesregierungen inzwischen mit den zuständigen Landesverbänden Deutscher Sinti & Roma abgeschlossen wurde: So unterzeichnete der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer am 20. Februar 2018 einen Vertrag mit dem bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma. Knapp drei Jahre nach einem einstimmigen Beschluss des bayerischen Landtags erfüllte die Staatsregierung den Auftrag. Für den Verband Deutscher Sinti und Roma unterschrieb der Landesvorsitzende Erich Schneeberger. Mit dem Vertrag sollen das Geschichtsbewusstsein im Bundesland sowie die Aufklärung über und die Förderung von Toleranz gegenüber Minderheiten in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt werden. Darüber hinaus regelt der Vertrag eine finanzielle Förderung des Verbandes durch die Staatsregierung neu. Bislang waren die Zuweisungen des Landes an den Verband freiwillige Leistungen, in Zukunft eine Vertragspflicht. Über die Höhe der Zuwendungen gab es zunächst keine Angaben. Der Vertragsabschluss sei für die Sinti und Roma von zentraler Bedeutung und hat großen Einfluss auf ihre Gleichstellung sowie den Erhalt ihrer Kultur und Tradition, so Schneeberger. (…) > MEHR

Delegation des Landesverbandes Bayern: Marcella Reinhardt, Mitglied des Vorstands, mit Ehemann Ringo (re); Albert Wolf, stellv. Vorstand/Zeitzeuge; Roberto Paskowski, i.V. des Landesvorsitzenden (ganz li.)

Ein Meilenstein! Es ist allgemein wenig bekannt, dass erst Anfang der 1980er Jahre, im Zuge der Bürgerrechtsbewegung und eines Hungerstreiks von Sinti und Roma, Ostern 1980, in der Erlöserkirche der KZ-Gedenkstelle Dachau, unter Führung des charismatischen Romani Rose, eine schrittweise Verbesserung der Lebensumstände und der gesellschaftlichen Akzeptanz von Sinti und Roma in Deutschland gelang. Nach 1993 fand in München die zweite und bislang einzige weitere Ausstellung zum Holocaust an dieser Volksgruppe, erst 2016 statt. 2018 wurde der Staatsvertrag zwischen dem Landesverband und der Bayerischen Staatsregierung unterzeichnet.

Im Vergleich: Der Staatsvertrag zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern und der Staatsregierung wurde bereits in den 1980er Jahren ausgehandelt! Entsprechend lange finden Jüdische Kulturtage alljährlich statt, inzwischen gibt es auch ein jüdisches Museum in München. Mein Eindruck: Was die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Gleichstellung in der Gegenwart anbelangt, herrscht bezüglich der Sinti und Roma noch erheblicher Nachholbedarf. In München! In Deutschland!

Auf dem  Titelbild ganz oben ist die junge Dayana mit “Onkel Hamster” zu sehen, wie Peter Höllenreiner liebevoll seit Kindertagen von den Seinen genannt wird. Die in engem familiären Zusammenhalt stehenden Sinti bedenken einander gern mit Spitznamen, die ein Leben lang “in Gebrauch” bleiben. Wenn ich die liebevolle Diktion dieser Spitznamen – Onkel Hamster beispielsweise – dem gegenüber stelle, was ihren Trägern angetan wurde, fühle ich mich mit den Sinti und Roma tief verbunden, denn ein Spitzname vermenschlicht und individualisiert:  Es litten und starben Mitbürgerinnen und Mitbürger, die – wie wir, die Mehrheitsgesellschaft – eine Familie hatten, Menschen die sie liebten und die sich um sie sorgten … Die sie bis heute betrauern und deren Erinnerung sie hoch halten. Ganz so, wie wir es tun, beziehungsweise tun würden, hätte man uns ein solches Leid zugefügt.

Dayana schreibt: Ich war das erste Mal in Auschwitz. Als ich das Gebiet betrat war es beklemmend für mich: die Hölle auf Erden – und mir ist klar geworden, dass 75 Jahre nicht lange her sind.  Es ist ein “Muss”, dass jeder diesen Ort einmal sieht, denn es darf auf keinen Fall vergessen werden, was hier passiert ist. Unvorstellbar, was meine, was  unsere Vorfahren und auch alle anderen Menschen dort erleiden mussten!

Mein Fazit: Als Mehrheitsgesellschaft stehen wir den Sinti und Roma, Jenischen und Reisenden gegenüber in der Pflicht, nicht nur aus humanitären Gründen, sondern auch, weil viele von ihnen genauso deutsche Staatsbürger sind, wie wir. Die Sinti leben sogar schon seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland! In Bezug auf die komplette gesellschaftliche Gleichstellung zähle ich fest auf die junge Generation – auf beiden Seiten. Das Feedback, das Madhouse-Chef Alexander Diepold aus Auschwitz erhielt, klingt vielversprechend: “Ich habe mit mehreren Frauen gesprochen. Da tut sich was. Das Motto lautet:

Wir werden nicht in der Opfer-Ecke bleiben, sondern für alle spürbar und  sichtbar werden!”

Zuletzt: Friedliche Abendstimmung auf der Weichsel nach intensiven Tagen …; Foto: Maria Anna Willer


Veröffentlichungen und ein TV–Beitrag um das Thema zu vertiefen >

Ein historischer Moment: Gemeinsamer Appell der Bürgerrechtler Romani Rose und Jesse Jackson; Foto: Roberto Paskowski, im Vorstand des bayerischen Landesverbandes Deutscher Sinti & Roma