Seit kurzem habe ich es amtlich, schwarz auf weiß: JETZT BIN ICH RENTNERIN. Zumindest bis Mitte 2017. Weil sich bis dahin ja der Arbeitsmarkt ändern und wieder Jobs auch für Fälle wie mich bieten könnte, zumindest theoretisch. Bis auf Weiteres verschwindet mein Name jedenfalls erst mal aus der Arbeitslosen-Statistik. Eine sicherlich sinnvollere Maßnahme, als so manch andere, die ich in den letzten zwei Jahren erleben durfte. So lange liegt nun schon mein Abgang aus dem beruflichen Paarlauf mit einer äußerst einflussreichen Dame im Münchner Kulturbetrieb zurück.. Und da wir seit dem nicht mehr besonders gut auf einander zu sprechen sind, sie aber Status mäßig wie finanziell am längeren Hebel sitzt, ist kaum anzunehmen, dass ich jemals wieder in München eine Anstellung in meinem Metier als Kulturmanagerin bekommen werde, trotz allem Know Hows. Und deswegen auch keinen anderen, wie auch immer gearteten Teilzeit-Job, weil überqualifiziert und zu alt. Bliebe nur ein Job in führender Position und/oder Vorstandsvorsitzende irgendwo. An den Schaltern der wirklichen Macht sitzen ab und an auch ältere Semester. Aber die haben sich ihre Psychosomatik nicht derart geschreddert, wie ich in meinen über zwanzig Jahren als Kunst- und Kulturschaffende.Gaby_dos_Santos_jourfixe-Blog_Sanduhr

Ein penetrantes “Peng” dröhnte in meinem Innern, in dem Moment, in dem ich den Rentenbescheid wirklich begriffen hatte, war mir doch soeben hochoffiziell bescheinigt worden, dass ein letzter Abschnitt meines Lebens begonnen hat. Ganz unerwartet, von jetzt auf gleich, denn vorzeitigen Rentenanträgen wird nur sehr zögerlich stattgegeben, da dem DRV die staatlichen Beschäftigungsstatistiken ziemlich gleichgültig sein dürften. Ich rieb mir mental die Augen:

Hatte ich nicht noch im Herbst 2012 zusammen mit Ilse Ruth Snopkowski die 26. Jüdischen Kulturtage im Gasteig vorbereitet? 2013 eine große Auftragsproduktion für die Stadt München  zum 450. Jubiläum des Alten Südlichen Friedhofs gestemmt? Noch im letzten Jahr mit einer Produktion zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs an Gedenkveranstaltungen und einer Konferenz in der hochkarätigen Evangelischen Akademie in Tutzing teilgenommen?

U N D  J E T Z T   B I N   I C H   R E N T N E R I N ! Obwohl ich, um endlich wieder eine Linie in mein Leben und eine meiner Gesundheit förderliche Struktur in meinen Alltag zu bringen, diese Rente ja selbst beantragt hatte.

Eine der Fragen, die mir zu schaffen machten, war die, ob Rente für mich und mit nur 57 Jahren, wirklich angemessen ist. Bescheid hin oder her, fällt einem die Erkenntnis schwer, dass man jetzt behördlich zu “denen” gezählt wird, die nicht mehr Hamsterrad fähig sind. Als ich vor genau einem Jahr zur Kur aufgebrochen war, tat ich dies in der Gewissheit, dass ich generalsaniert zurück kommen würde. Stattdessen wurde ich dort erst richtig auf mich selbst zurück geworfen und auf die Erkenntnis, dass mir tatsächlich Grenzen gesetzt sind. Eigentlich kein schlechter Zustand, ist mir doch dadurch garantiert, dass mich kein Arbeitgeber mehr ausbeuten könnte, da meine Psychosomatik dann ganz schnell die Rote Karte zücken würde. Dagegen hilft auch die beste Gruppentherapie, Marke Dr. Mehmet Tokus, seinerzeit in der Reha in Bad Herrenalp, nichts. Aber letztlich, wie bei so vielen Mitbetroffenen, ist es kein egoistischer Chef, dem ich an die Nase fassen muss, sondern mir selbst. Wie wohl die meisten Reha-Absolventen (da könnten sich die Rentenversicherungen ruhig eine Menge Geld sparen) habe ich gleich nach der Kur im letzten Herbst das Hamsterrad wieder “volle Kanne” angestoßen, nicht unbedingt mutwillig, es kamen unerwartete Engagements kurzfristig hinzu, aber wie auch immer, habe ich durchgepowert bis in diesen Sommer hinein.

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Ingeborg Schober – Eine Poptragödie – Uraufführung der MultimediaCollage von Gaby dos Santos im Gasteig, München 25.06.2014; Foto: © stefan-m-prager.de

Schon während meiner letzten Produktion “Eine Poptragödie”, merkte ich, das mir dieses Mal die Kräfte schon vor der Premiere ausgingen. Noch während der Vorbereitungen erkrankte ich. Bildbearbeitung in der Horizontalen und mit Fieber waren nunmehr angesagt und dem Schöpferischen wenig förderlich. Außer vielleicht bei der psychedelischen Passage über die Kultband Amon Düül. 😉 Nach der Premiere, obwohl erfolgreich, klappte ich ganz zusammen, nicht zuletzt auch deshalb, weil erstmals nach Jahren, kein neues Projekt auf mich wartete. Ab da gaben sich die Wehwehchen die Klinke in die Hand, mit dem Ergebnis, dass ich zu keinerlei Aktionismus mehr fähig, sondern zu Ruhe und Besinnung verdonnert war. Und das im Zustand des berühmten “Post Production Blues”! Da kommt man auf ziemlich schwarze Gedanken.

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The morning after … Gaby dos Santos erschöpft nach einer Veranstaltung. Foto: Sigi Blässer

Auf einmal wurde mir bewusst, wie sehr ich Kind und Enkelkind vermisse und dass keine “Grosses Kunscht”, wie auch immer geartet, diese Lücke jemals ganz wird schließen können. Der Lauf der Dinge halt, von dem ich aber bislang angenommen hatte, ihn in meinem Fall erfolgreich mit Arbeit kompensieren zu können. Funktionierte ja auch eine Zeit lang, nur ab dem Moment nicht mehr, an dem ich mich ruhig gestellt sah; behindert mal durch das eine Zipperlein, mal durch das andere, nie Ernsteres, aber doch spürbar genug, um mich in meinem Tatendrang auszubremsen: Zahn, Kopf, Bronchien, wieder Kopf, Bauch, Kopf und nochmal Zahn, ergänzt durch plötzlich auftretende Erschöpfungszustände, um das Ganze abzurunden. Oft konnte ich jetzt so gar nicht mehr, wie ich wollte! An “schlechten Tagen” machte und macht sich in mir Panik breit, “unbrauchbar” zu werden. Während der “guten Tage” hingegen bin ich wieder fast ganz die alte Powerlady, voller Pläne, die ich so gerne noch umsetzen möchte. Hallo, ich bin erst 57!!! und meinen jetzigen Zustand empfinde ich als ziemlich hohen Preis für all die – schlecht bezahlte und überschaubar erfolgreiche – Kunst und Kultur-Aktivitäten der letzten zwanzig Jahre. Aber ich weiß auch: Ohne sie hätte ich mein Leben gar nicht leben können. So und nicht anders habe ich es gewollt!

Jetzt als Rentnerin sehe ich mich, wie ich mich schon mein Leben lang empfunden habe, als einsame Flaneuse zwischen den Welten, als Beobachterin, Fragende, Suchende – und Chronistin, in Wort und Bild. Dabei bleibe ich ein Reizfaktor im Selbstverständnis unterschiedlichster gesellschaftlicher Schichten, mal freiwillig, mal unbewusst, manchmal auch wider Willen. Das kommt davon, wenn man sich überall herumtreiben möchte und gesellschaftliche Hierarchien nicht zu respektieren in der Lage ist!

Diese Eigenart schützt mich ebenso zuverlässig vor Langeweile, wie sie mich permanent in Außenseiterrollen drängt. Ausgestattet bin ich mit einigen Begabungen sowie einer Minimalrente und daher weder reicher noch ärmer als zuvor, d. h. ziemlich brotlos de facto,  dennoch beschenkt mit einem farbigen Leben, vorausgesetzt, wie gesagt, ich befinde mich gerade in der Lage, es auszuschöpfen. Gelegentlich führe ich Menschen auf der Bühne etwas vor, ab und an virtuelle Selbstgespräche im Netz … Oft bete ich um mehr Kraft, tröste mich dann mit der Erkenntnis, dass alles seinen guten Grund hat, um Minuten später erneut zu zweifeln und zu hadern  …

Auf solcherart Befindlichkeiten jedoch nimmt mein Leben keine Rücksicht. Es geht einfach weiter, zeigt sich wechselhaft und gewährt mir, im Gegensatz zu anderen, unendlich viel privilegierte soziale Teilhabe. Auch ohne große Einkünfte. Diese Erkenntnis wiederum stimmt mich dankbar und zuversichtlich.


Nachtrag am 8.9.2019: Ich bin weiterhin Rentnerin und lebe das bedingungslose Einkommen, arbeite ehrenamtlich für Kunst, Künstler*Innen und Kultur in München und beziehe dafür meine Grundsicherung vom Staat, mit der ich meine Mini-Rente aufstocke …

Inzwischen liegt mein 60. Geburtstag, an dem ich es richtig habe krachen lassen, auch schon hinter mir >

 



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